Sechste und letzte Etappe: Trient-Verona

107 Kilometer, 770 Höhenmeter, 5:39 Stunden (netto)

Bei 32 Grad im Schatten erreichten wir heute Abend gegen 18 Uhr Verona. Die Tourist Information hatte gerade noch geöffnet, sodass wir schnell noch eine Unterkunft für zwei Nächte fanden. Das Einchecken in der Via Caserma Ospital Vecchio war etwas holprig, da wir kaum Italienisch und die Wirtin kaum Deutsch oder Englisch sprach. Unser Zimmer wurde noch gerichtet. Nach einer kurzen Wartezeit sprangen wir unter die ersehnte Dusche.

Hier im Trentino und in Venetien ist schon Hochsommer. Wir sind jetzt schon tagelang durch den Wein gefahren. Heute sahen wir Bewässerungsanlagen, manchmal an System von schwarzen Schläuchen, die die direkt die Weinstöcke mit Wasser versorgen oder die klassische Beregnungsanlage von oben mit einem Verteiler, der rhythmisch den Wasserstrahl abbremst und so die Nah-Fernverteilung gewährleistet. Fitz, fitz, fitz… Auf dem Radfernweg im Etschtal gab es kaum Schatten. Wir fuhren bei sengender Hitze. Heiße Luft stieg vom Asphalt auf. Kurz vor dem Örtchen Sabbionara rasteten wir. Es war weit und breit die einzige Raststelle mit Bank und Tisch, die im Schatten lag. Wir entschieden, nach Verona durchzufahren. Das Tal wurde enger. Die Etsch zwängte sich zwischen den Bergen hindurch, floss am nakten Felsen vorbei, der senkrecht einige hundert Meter in die Höhe ragte. In Volargne gab es eine Wasserstelle, die wieder gut besucht war. Wir tranken und füllten unsere Vorräte auf.

Das Schild begleitet uns seit zwei Tagen: Die Agrokultur-Radroute.

Die Route führte uns an einem Bewässerungskanal entlang durch Vororte von Verona. In den Gärten und Plantagen am Kanal waren Feigen- und Pfirsichbäume zu sehen. „Wir müssen hier später im Jahr nochmal vorbeikommen“, sagte ich zu Burkhard. Dank des Sonntags war der Stadtverkehr von Verona recht zahm. Ich hatte mein ganzes Wasser aufgebraucht und hatte schon wieder Durst. In einem Café an der Tourist Information tranken wir noch etwas, bevor wir das Quartier aufsuchten.

Als die Glocken acht Uhr schlugen, flanierten wir durch die Altstadt. Warme, weiche Sommerluft umspülte uns. Die Hitze des Tages klang leicht ab. Vor dem Theater langen riesige Teile zweier Bühnenbilder herum: Aida und womöglich „Die Päpstin“, jedenfalls etwas christlich-religiöses. In der Fußgängerzone lag ein Mensch auf dem Boden und wurde von Leuten erstversorgt. Wir kehrten in ein italienisches Restaurant ein und bestellten Pizza. Die Amerikaner waren in der Mehrheit, zumindest, was die Gesprächslautstärke bei Tisch angeht. Wir vertilgten alle drei Pizza. „Tutto va bene“, bestätigten wir der Bedienung auf Nachfrage. Halbzehn schleppten wir uns müde in die Unterkunft. Auf dem Platz vor dem Theater schossen Leute blaue Lichter mit Propeller in die Höhe. Die Dinger fielen wieder zu Boden und wurden von den Eigentümern aufgefangen oder jedenfalls nach der Landung gefunden. An einem Springbrunnen auf der Piazza Cittadella schlafen betrunkene Penner. Eine Frau liegt im Gras.

Theater in Verona
Verona
Springbrunnen an der Piazza Citadella (Verona)
Straße in Verona
In einem Gewerbegebiet vor Verona reihen sich die Marmor-Firmen aneinander.
Etsch vor Verona
Wasserstelle
Weinfass am Wegesrand. Der Lavendel duftet bereits intensiv.
Veroneser Vorort Bussolengo
Diese Blüten riechen intensiv süß.
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Fünfte Etappe: Bozen-Trient

72 Kilometer, 670 Höhenmeter, 3:49 Stunden (netto)

In der Fußgängerzone zu übernachten ist so eine Sache. Es ist zwar alles schön zentral gelegen, Restaurants, Einkaufsmöglichkeiten, Bank und so weiter. Beim Einschlafen hat man dann aber auch die Partys im Ohr, die noch so am Gange sind. Und früh am Morgen die Kehrmaschinen oder die Müllabfuhr. – Aufgrund der hinreichend großen Bettschwere konnte ich aber bald einschlafen und bekam das eine oder andere Gejohle nur im Halbschlaf mit, wo bei mir zuverlässig die Traumakkomodation greift. D. h. ich integriere äußere Reize dann in den gerade laufenden Traum.

Ausrüstung Teil II: Zum Rad an sich hatte ich ja gestern geschrieben. Für Radtouren nutze ich wasserdichte Radtaschen, die hinten am Gepäckträger angebracht werden. Die haben bisher immer gute Dienste verrichtet. Mit einem Griff sind die befestigt. Eine Schließvorrichtung mit Feder verhindert, dass sie sich lösen können. Sicherheitshalber habe ich noch drei Spanngurte dabei, falls ich mal eine Pizza auf dem Gepäckträger zusätzlich befestigen muss. Oder ähnliches Transportgut. In die Taschen kommt das Hauptgepäck: Unterwäsche zum Wechseln, Funktionskleidung (drei Funktionsshirts, Strümpfe, eine leichte Wanderhose für den Stadtbummel oder bei Regen, eine Trainingshose zum Radfahren, falls es kalt wird, zwei kurze Radhosen, eine Regenjacke), Sonnencrème, Bahntickets, eine zusätzliche Kreditkarte, falls die Mafia meine Hauptkarte missbraucht (wie in den USA geschehen), Laptop, Netzteile für den Laptop und das Mobilfunkgerät, eine Powerbank, einen Lenkerhalter für das Mobilfunkgerät, Waschzeug und etwas Proviant (Tiroler Kaminwurz, möglichst scharf, für die Elektrolyte und ein Brötchen oder etwas in der Richtung). Die Lenkertasche habe ich mir das erste Mal eingespart, dafür habe ich eine Oberrohrtasche für Taschentücher, ein kleines Schweizer Messer und die Powerbank, falls ich mit dem Mobilfunkgerät navigiere und der Strom alle ist. In der Satteltasche befindet sich ein Werkzeugset, eine Lampe, die ich bei Bedarf am Lenker anbringe, ein Kugelschreiber und ein Schlüsselbund.

Meine Lieblingsfunktionskleidung wasche ich nach der Tagestour in der Unterkunft immer. So habe ich seit neuestem ein Trikot mit drei kleinen Taschen auf dem Rücken im Lendenbereich. Da kommen das Portmonnaie, ein Taschentuch und das Mobilfunkgerät hinein. Sehr praktisch, deshalb nutze ich es täglich auf der Tour. Unterwegs lässt sich schnell mal fotografieren. Das geht inzwischen mit einer Hand ganz gut. Es war mir zwar auch mal entglitten, aber es hat den Sturz vom fahrenden Rad ohne Schaden überlebt. Bisher hält der Akku locker den Tag durch, obwohl ich mit der App Komoot die Tour tracke und ständig Fotos mache. – Was noch? Ausgehkleidung, ein zweites Paar Schuhe, Schlafanzug oder etwas in der Richtung brauche ich nicht. Natürlich noch den Helm. Ich habe vor zwei Tagen festgestellt, dass mein Kopf größer geworden ist. Ich habe den Helm um ein paar Stufen nachgestellt, sodass er wieder passte. Heute musste ich erneut etwas nachstellen, damit er nicht drückte. – Soviel also noch zur Ausrüstung, die ich so mit mir umherfahre.

Aus Bozen heraus führte uns der Weg durch Tunnels, vermutlich eine ehemalige Bahnstrecke.

Als wir heute morgen um kurz vor halb zehn in Bozen aufbrachen, war es bedeckt und recht warm. Es ging zunächst bergauf, ca. 200 Höhenmeter auf 460 Meter. Die Vegetation bot Schutz vor der Sonne, die bald intensiver wurde. Wir entfernten uns etwas vom Tal der Etsch. Nach den riesigen Apfelplantagen nahm die Vielfalt des Anbaus zu, vor allem Kirschen und schließlich immer mehr Wein waren zu sehen. In Kaltern an der Weinstraße waren große Keltereien und Weingüter zu sehen. Wir fuhren steil bergab, meist auf der mäßig befahrenen Straße, vorbei am Kalterer See hinauf nach Tramin. Der Ort hat dem Gewürztraminer den Namen gegeben. Der Wein wird hier in der Gegend oft über zwei 30 bis 45 Grad in den Himmel ragende Holzbalken gezogen, sodass sich ein mannshohes Blätterdach ergibt, unter dem das schmale Spezialgerät hindurchfahren kann.

In Tramin machten wir halb zwölf Station, um uns beim Eurospar für das Mittagessen zu verproviantieren. Der Ort, der in die Berge hineingebaut wurde, besticht durch malerische Gassen und Weinlokale. Wir verweilten jedoch nur kurz und trafen bald nach Tramin, nach größeren Fabrikanlagen von Würth, wieder auf die Etsch. Ab hier war der Etschtalradweg bis Trient gut ausgeschildert. Den größten Teil der Strecke fuhren wir auf der Deichkrone, die sich meist schnurstracks gerade aus durch die Landschaft zog, während links und rechts des ruhiger werdenden Flusses die Kalksteinberge schroff emporragten und für eine großartige Kulisse sorgten.

Gasse in Tramin

Der Etschtalradweg ist ein Radfernweg par Excellence. Hier tummelten sich heute vor allem auch die Rennfahrer. An einer Raststelle mit Bänken und Schatten bietenden Bäumen legten wir unsere Mittagspause ein. Burkhard und ich legten uns ins Gras, um Siesta zu halten, während Norbert auf „unserer“ Bank Gäste empfing und sich unterhielt. Ich blickte in den Himmel und suchte Wolken, am besten Schönwetterhaufenwolken, aber es war nur etwas diesig, die Sonne schien milchig. Ein heißer Frühsommertag. Ich döste vor mich hin, während die Ameisen auf mir herumkrabbelten und durch gelegentliche Bisse versuchten zu klären, ob ich zu verwerten wäre. Gegen 14 Uhr brachen wir wieder auf und zogen gleichmäßig in unserer Dreierformation gen Trient, das wir um halb vier bei 34 Grad im Schatten erreichten. Die Tourismusinformation war schnell gefunden. Wir folgten der Empfehlung, uns im Hotel Venezia am Domplatz einzuquartieren. Das Zimmer hat vier Betten. Mit 100 Euro liegen wir mit dem Preis deutlich günstiger als in Bozen.

Nach dem Duschen beschlossen wir, die Cattedrale die San Vigilio zu besichtigen, etwas zu trinken und durch die Stadt zu flanieren. Wir kehrten direkt am Dom in einem Lokal ein. Hier in der Region wird deutlich weniger Deutsch gesprochen. Mit ein paar Brocken Italienisch oder Englisch kommt man aber weiter. Das von uns so geliebte alkoholfreie (und isotonische) Hefeweizen bekamen wir nicht, dafür ein Heinecken „0.0“, allerdings nur in der kleinen Flasche. Nach dem Stadtrundgang kehrten wir in einem Lokal ein, das ebenfalls am Domplatz lag. Die Lasagne war aus. Die Spaghetti Pomodori, die Burkhard und ich bestellten, wurden nach einer Weile nur mit Gabel und ohne Parmesan geliefert, die Gnocchis, die Nobert haben wollte, gar nicht. Die Spaghetti waren so überschaubar, dass wir sie als Vorspeise verbuchten und im Ristorante Antica in der Via San Marco einen neuen Versuch wagten. Das Essen war denn auch vorzüglich. Mein erstes Hirsch-Carpaccio.

Radfernweg auf dem Deich an der Etsch

Trient hat mit den alten Palazzi, den opulenten Portalen und Fresken einen besonderen Charme. Warum nur haben die Cafés und Restaurants am Domplatz Lautsprecher aufgestellt und die ganze Zeit Techno am Laufen? Es scheint für das Viertel auch nur eine CD zu geben, die immer nach dem ersten Titel wieder von vorne anfängt. Wer braucht das?

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Vierte Etappe: Laas-Meeran-Bozen

76 Kilometer, 990 Höhenmeter (bergab), 3:37 Stunden (netto)

Ein paar Anmerkungen zur Ausrüstung. Ich bin ja froh, dass mich Kollege Jens beraten hat. Sonst hätte ich wohl ein Tourenrad gekauft, mit geradem Lenker und 20 Kilogramm Gewicht. Stattdessen waren wir zusammen beim Fachhändler und ich bin zwei, drei Gravelbikes Probe gefahren. Gravel heißt „Kies“, das heißt es handelt sich um ein leichtes Rennrad mit stärkerer Bereifung, um auch schlechtere Wege zu fahren. Ich wollte ein Gravelbike der Firma Cube haben. Das war aber leider ausverkauft. Burkhard hat bei Stevens zugeschlagen. Nun wollte ich nicht ausgerechnet das gleiche kaufen. Beim Händler gefiel mir sofort das Scott Speedster Gravel 20. Ich hatte gleich das Gefühl, richtig gut Kraft auf die Straße bringen zu können. Der Sattel war schnell angepasst und mit der kleinsten M-Rahmengröße bin ich gut bedient, was die Geometrie angeht. Und die Farbe, ein leuchtendes kräftiges Gelb, entspricht meinem Sichtbarkeitskonzept. Signalfarben sind gerade in der Dämmerung von Vorteil. Meine Radtaschen sind gelb, der Helm ebenso.

Das Rad wiegt in der Grundausstattung nur zehn Kilogramm, acht weniger als mein 22 Jahre altes Raleigh. Die Gabel besteht aus Carbon, der Rest des Rahmens ist Aluminium. Die Steifigkeit des Rads und die Scheibenbremsen machen richtig Spaß, auch schnellere Abfahrten fühlen sich sicher an. Und der Rennlenker ist der Traum: Es gibt vier verschiedene Griff-Möglichkeiten. Ich fahre auf flacheren Strecken und am Berge meist mit einem seitlichen Griff unterhalb der Hörnchen, wenn ich die Bremsen nicht sofort brauche. Das Rad lässt sich so sicher lenken und am Berg lässt sich mit etwas Zug mehr Kraft auf die Pedalen übertragen. Der Griff an die Hörnchen ist im Stadtverkehr und bei leichten Abfahrten ideal, weil die Bremsen griffbereit sind und sich schnell schalten lässt. Den Griff unten in den gebogenen Teil des Lenkers habe ich immer öfters benutzt, vor allem nach steileren Abfahrten. Ich habe einen größeren Hebel und habe beim Lenken eine bessere Feinjustierung. Die Zeigefinger liegen auf den Bremshebeln. Außerdem bietet der Köper weniger Luftwiderstand, da der Kopf weiter nach vorne gebeugt ist. In diesen drei Positionen liegen die Hände in einer natürlichen Position zum Körper, was beim flachen Auflegen auf den horizontalen Teil des Lenkers nicht der Fall ist. Letztere Position dient aber ab und zu der Abwechslung und erlaubt eine aufrechtere Körperhaltung, um den Rücken zu strecken oder mehr von der Landschaft wahrzunehmen. Zu guter Letzt bietet das Lenkerband idealen Halt und lässt selbst bei heißen Tagen wie diesen, an denen der Schweiß in Strömen fließt, nichts ins Rutschen kommen. Auch nach dem Auftragen von Sonnencrème lässt der Lenker nichts zu Wünschen übrig.

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Auf der heutigen Etappe von Laas nach Bozen machte sich wieder ein rythmisches Schleifgeräusch bemerkbar. Die mutmaßliche Ursache, ein Minietikett aus Plastik an der hinteren Scheibe der Scheibenbremse, schied nach Entfernung aus. Auf dem Schildchen war nur vermerkt, dass man mit den Pfoten die Scheiben nicht anpacken soll, da die Dinger natürlich heiß werden können. Das Schleifgeräusch blieb. Die Kette und der Kettenwerfer schieden auch aus, da das Geräusch blieb, als ich die Kette nicht bewegte. Es lässt sich nun eingrenzen auf die vordere Scheibenbremse. Ich vermute, dass die Bremsbeläge so dicht an der Scheibe angebracht sind, dass sie ab und zu schleifen. Durch kräftiges Bremsen stellt sich das lästige Geräusch in der Regel ein. Muss ich mal weiter beobachten und bei der nächsten Inspektion besprechen.

Haushohe Paletten für die Apfelernte im Etschtal: Beobachtung heute am Wegesrand.

Wir waren heute zeitiger dran und brachen vom Gasthof Sonne im Marmordorf Laas schon halb zehn auf. An der Etsch ging es im Wesentlichen bis Bozen, unserem Tagesziel, gemächlich bergab. Bei etwas Gegenwind war trotzdem einige Arbeit zu verrichten. Wir begegneten viel Gegenverkehr, Rennfahrer, die gerade vom Giro d’Italia zu kommen schienen, und viele Mountainbiker, mit und ohne E. Kurz nach zwölf kamen wir in die City von Meran und verproviantierten uns für eine Mittagspause in einem Park an der Etsch. Eine Altstadtapotheke zeigte 31 Grad im Schatten. So fühlte es sich auch an. Bozen erreichten wir dank der zügigen Etappe schon um halb drei. Die verschlungenen Wege in die Stadt erforderten etwas Zeit. Norbert fragte bei Kolpings, ob noch Zimmer frei wären. Was nicht der Fall war. Den Tipp, nämlich das Hotel Figl, nahmen wir dankbar an. Für 171 Euro bekamen wir ein Appartment. Das Frühstück kostet dieses Mal extra, was ja auch nicht ungewöhnlich ist. Man kann allerdings billig und teuer frühstücken. Über die Folgen der jeweiligen Wahl müssen wir uns noch aufklären lassen.

Die Etsch in Naturns: offenbar schon schiffbar.

Ich bin begeistert vom mittelalterlichen Radkeller, der schmalen Gasse dahin und vom blühenden Oleander am Haus. Das Appartment ist liebevoll eingerichtet, die neue Einrichtung harmoniert mit dem alten Gemäuer. Uns überzeugen mal wieder die südtiroler Tischlerarbeiten.

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Dritte Etappe: Pfunds-Laas

68 Kilometer, 960 Höhenmeter, 4:19 Stunden (netto)

Höhenmeter sind nicht gleich Höhenmeter, ich merke es in meinen Beinen. Der intensive steile Aufstieg auf den Reschenpass forderte deutlich mehr Kräfte als das kontinuierlich ansteigende Inntal. Gestern haben wir 300 Höhenmeter mehr gemacht, sind 30 Kilometer weiter gefahren und trotz der Querfeldein-Tour durch den Wald fühle ich mich heute stärker beansprucht. Die Beine sind schwerer. Nach dem Essen in die dritte Etage des Gasthofs auf das Zimmer ging es nicht mehr so leichtfüßig. Aber das ist normal.

Der Reschenpass liegt im Dreiländereck Österreich, Schweiz und Italien. Die Grenzübertritte haben wir teilweise gar nicht bemerkt. Es fehlten die üblichen hoheitlichen Zeichen auf den Wander- und Radwegen, auf der Kuhweide. Heute jedoch kamen wir an zwei Grenzstationen vorbei. Die wirkten wie aus einer anderen Zeit, als der Schmuggel noch blühte und Passkontrollen an der Tagesordnung waren. Ganz so weit weg sind wir nicht davon, dass wieder Passkontrollen eingeführt werden. Und aus der Schweiz bringen die Steuerhinterzieher ja seit Jahren tonnenweise Gold über die Grenze.

Wiesen hinter Pfunds

In unserer Radlerpension in Pfunds trafen wir uns wieder um halb neun zum Frühstück. Die Wirtin gab uns Tüten, damit wir uns noch Brötchen mit auf den Weg nehmen. Wovon wir aber keinen Gebrauch machten. „Ja wollen’s nicht noch welche mitnam?“ Halb zehn saßen wir in den Satteln und fuhren durch ein weites Tal mit herrlichen Wiesen, ein grüner Teppich mit gelben, blauen, weißen und roten Blüten soweit das Auge reicht. Kleine Brücken führten über Bäche, die kalt und schnell ins Tal plätscherten. Auf Halbhöhenlage standen überall kleine und größere Hütten aus dunkel wettergegerbtem Holz wie Wächter über der Szenerie, während in der Ferne die schneebedeckten Gipfel majestätisch das Ziel vorgaben.

Zunächst hatten wir einige Steigungen bis zu einer Bundesstraße zu fahren, um dann eine längere Abfahrt schon auf schweizer Seite zu genießen. Das Tal wurde enger. Links und rechts ragten schroff die Felsen in die Höhe. Kleine Wasserfälle waren zu sehen und viel Schutt und Geröll, Ergebnis der natürlichen oder vom Menschen mitverursachten Erosion. Nach einer Kehre wurde es auf der sonnenabgewandten Seite des Tals richtig kalt. Die Kälte schien vom reißenden Inn aufzusteigen. Nach einer Baustelle erreichten wir die Grenzkontrollen Österreich-Schweiz in Martina. Die Beamten ließen den Verkehrsstrom auf einer Fahrspur passieren, so auch unsere Dreiergruppe mit dem Radl. Wir querten links über eine Brücke den Inn und hielten kurz inne für eine Trickpause und für Fotos. Geduldig widmeten wir uns nun dem Aufstieg zum Reschenpass.

Es hatte sich in den Tagen, seit wir unterwegs sind, eine gewisse Formation des Fahrens zu dritt ergeben. Meistens führt Burkhard unseren kleinen Trupp an, während ich den Abschluss bilde. So auch bei dieser Bergetappe. Ich hatte das Gefühl, dass wir ein gutes Tempo gefunden hatten, das für alle machbar war. Wir hatten 13 Kehren und 400 Höhenmeter bis zur Norbertshöhe bei Nauders zu bewältigen. Unterwegs, bei Kehre 10, schloss sich uns ein kleiner Trupp mit einem kleinen Jungen an, der von seiner Mutter, vermutlich, etwas geschoben wurde. Der Junge redete die ganze Zeit wie ein Wasserfall, was mich irgendwie störte. Die Frau, von der ich denke, dass es die Mutter war, antwortete auf Fragen und gab Anweisungen. Vor der letzten Kehre ließen wir die Redegruppe an uns vorbei.

Auf etwa 1.000 Metern Höhe der Grenzübergang Österreich-Schweiz in Martina: Bis zur Norbertshöhe kommen 400 Meter dazu.
Aufstieg zum Reschenpass: Während uns die Autos überholten, überholten die Motorradfahrer die Autos.

Nach kurzer Rast fuhren wir hinunter nach Nauders, um den letzten Teil des Aufstiegs zum Reschenpass zu nehmen. Der Gegenwind, dem wir begegneten, war buchstäblich atemberaubend. Zumindest waren wir von der vielbefahrenen Passstraße herunter und konnten gut ausgebaute Radwege nehmen. Die Grenzstation zu Italien war verlassen und etwas verkommen. Die letzten Höhenmeter nach Reschen waren schnell genommen. Uns begegneten Horden von Mountainbikern. Drei Stunden nach dem Aufbruch in Pfunds hatten wir dieses wichtige Tagesetappe erreicht. Wir wurden vom Blick auf den Reschensee und das Gebirgspanorama belohnt und rasteten am See.

Wir hatten genug Zeit, sodass wir uns ein Nickerchen gönnten, bevor wir uns an die Abfahrt machten. Beregnungsanlagen auf einem Feld waren so eingestellt, dass die Radfahrer unweigerlich duschen mussten. Die Abkühlung tat uns gut. Hinter der Staumauer des Reschensees ging es rasant bergab. Wir passierten schöne Dörfer mit verwinkelten Gassen und rasteten erst wieder in Glurn, dem ursprünglichen Tagesziel. Da es erst halb vier war beschlossen wir, noch weiter zu fahren. Das Tal der Etsch, die am Reschenpass entspringt, öffnete sich immer weiter. Große Plantagen mit Apfelbäumen prägten die Landschaft. Schließlich kehrten wir in einem Gasthof im „Marmordorf“ Laas ein: 36 Euro im Doppelzimmer und 51 Euro für das Einzelzimmer. Ein kleiner Rundgang durch das Dorf bestätigte den Namen „Marmordorf“: Brunnen aus Marmor, Marmorblöcke auf den Grundstücken und Höfen, Plastiken aus Marmor von bekannten oder unbekannten Künstlern am Wegesrand – und die Wege selbst gepflastert aus Marmorsteinen. Selbst die Tisch-Kartenhalterung im Lokal unseres Gasthofs: Marmor.

Blick auf Nauders: hier beginnt der letzte Teil der Etappe zum Reschenpass

Von den Sommerspaghetti, die ich vertilgt haben, erhoffe ich mir prächtige Regeneration meiner Kohlehydratspeicher. Die waren heute nämlich ganz gut beansprucht. Aber auch so waren die Sommerspaghetti einfach wunderbar. „Vergelt’s Gott“, sagte die Kellnerin zum Trinkgeld. Hatte ich auch schon länger nicht mehr gehört.

Der Bergbach findet seinen Weg auch über die Radroute.
Der berühmte Blick auf den Reschensee.
Mittagspause in Reschen
Gasthof Sonne in Laas: Unser Quartier für heute. Man beachte auch den Marmorbrunnen.
Beschriftete Plastiken sind nicht so meins: Aber hier ein weiteres Beispiel für die Marmorkunst in Laas. Diese Skulptur ist Teil eines internationalen Kunstprojekts zum Thema Freiheit: www.pillars-of-freedom.com
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Zweite Etappe: Seefeld-Pfunds

100 Kilometer, 1270 Höhenmeter, 5:47 Stunden (netto)

Eine gute Kaffeeversorgung ist für den Start in den Tag für mich entscheidend. Im Hotel Garni Dietrich war das Frühstück inklusive (für 50 Euro pro Person) und ausreichend Kaffee vorhanden. Auch das Buffet für Radler gut geeignet. Dreiviertelzehn starteten wir bei Sonnenschein und 14 Grad unsere Tagesetappe, von der wir noch nicht wussten, dass wir am Ende mehr als geplant fahren und in Pfunds rauskommen würden.

Abfahrt von Seefeld nach Telfs. Leider sieht man auf dem Foto nicht, weil steil es bergab geht.

Nach einigen Höhenmetern genossen wir eine atemberaubende Aussicht auf das Inntal und eine Abfahrt in Serpentinen von rund 600 Höhenmetern. Norbert wusste von überhitzten Reifen zu berichten, die durch Felgenbremsen entstehen, wenn man sie auf steilen langen Abfahrten zu lange benutzt. Die Reifen können dann platzen.

Blick auf das Inntal
Stift Stems

In Telfs überquerten wir den Inn. Das Hochwasser war nicht zu übersehen. Deshalb waren auch Teile des Inntalradwegs weiter oberhalb gesperrt. Die gut ausgebauten und meist auch gut ausgeschilderten Wege führten uns vorbei am Stift Stems, in dem alle bekannten österreichischen Skifahrer ausgebildet werden bis nach Roppen. In dem Örtchen legten wir nach 40 Kilometern eine Mittagspause ein. Wir hatten Glück, denn der örtliche Tante-Emma-Lebensmittelladen an der Kirche war gerade dabei zu schließen (12:30 Uhr). Die österreichischen Ladenschlusszeiten und die Mittagspausen in den kleineren Orten hatten wir noch nicht so recht auf dem Schirm. Wir schlüpften also noch flugs in den Laden. Der Kassierer bediente uns noch bereitwillig.

Roppen

Bald nach Roppen war der Inntalradweg gesperrt. Unterwegs hatten wir schon die Feuerwehr an verschiedenen Stellen gesehen, die mit dem Abpumpen von überschwemmten Straßen in Unterführungen zu tun hatte. Die Steu von den Bäumen auf den Radwegen ließen auf stürmische Gewitter hindeuten, die vor uns das Hochwasser verursacht hatten. An einem Bahnübergang sollte die Ausweichstrecke in Serpentinen an einem Berg entlang führen. Norbert fragte nach eine Alternativstrecke. Die Antwort der Ortskundigen: Nehmen Sie den Weg entlang der Gleise. Das ging ein, zwei Kilometer gut. Dann mussten wir die Räder über durch einen schmalen Waldweg über den Berg zerren. Der Regen hatte den Weg aufgeweicht, das holprige Wurzelwerk war feucht und rutschig. Die Passage durch den Wald war nach einer Stunde des Schiebens aber auch getan und wir erreichten bei Mils wieder festen Radlerboden.

Landeck, das Tagesziel, erreichten wir gegen halbvier. Wir entschieden kurzerhand, nach Lage der Kräfte, weiter bis nach Pfunds zu fahren, um den Weg bis zum Reschenpass zu verkürzen. Das Gelände stieg kontinuierlich an. Nördlich von Prutz erreichten wir die Reschenstraße. Im Sonnenschein kehrten wir im Lokal „Bacchusstube“ ein, um den Durst zu Löschen und frisch gestärkt in die letzte Etappe des Tages zu gehen.

Inn-Hochwasser bei Landeck

In Richtung Pfunds hingen die Wolken in den Bergen. Es wurde dunkler. Regentropfen prickelten auf der Haut. Kurz vor Pfunds gerieten wir in eine Schauer. Bei den ersten Häusern des Ortes stellten wir uns kurz unter den Vorsprung eines Wohnhauses, um die Schauer abzuwarten. Schon nach zwei Minuten zogen wir weiter Richtung Ortsmitte. Burkard nahm an einer Weggabelung das Schild zur Radlerpension Plangger wahr, die in 50 Meter Entfernung schnell gefunden war. Wir kamen für 36 Euro (Einzelzimmer) und 32 Euro (Doppelzimmer) unter, inklusive Wäscheservice. Nach einem guten Abendessen im Restaurant „Zum Hirschen“ (sehr viel günstiger als in Seefeld) sahen wir unsere Wäsche schon aufgehängt in der Trockenkammer wieder. Ein spezielles Metallgestell nahm die nassen Schuhe der Gäste auf. Alles gut durchdacht in dieser Pension.

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Radtour von Murnau zum Gardasee: erste Etappe Seefeld

70 Kilometer, 1020 Höhenmeter, Fahrtzeit: 4:15 Stunden (netto)

Die Idee: Eine Woche nach Pfingsten eine Tour durch die Alpen zum Gardasee. So Burkhard am Telefon. Der Startpunkt war schnell gefunden. Neben Burkhard ist noch Norbert mit von der Partie.

Die Tour war für mich der Anlass, ein neues Rad zu kaufen. Mein 22 Jahre altes Bike ist nur noch mit Mühe und Not durch die letzte Reparatur gekommen. Dank Jens bin ich gut beraten worden, was die Anschaffung angeht. Mein neues Gravelbike habe ich vor drei Wochen gekauft und konnte es noch auf 250 Kilometer testen, inklusive Kieswege und Berge.

Die Anreise mit der Bahn verlief Pfingstmontag reibungslos. Heute morgen starteten wir um halbzehn in Murnau. Sehr schöne Wege entlang der Loisach, die viel Wasser führte. Die sanfte Steigung bis Garmisch war sehr angenehm zu fahren, während der Weg nach Mittenwald schon deutlich mehr Kräfte erforderte.

Nach einer Mittagspause in Mittenwald, mit herrlichem Blick auf das Karwendelgebirge, führte uns der Weg durch Weiden. Die Kühe liefen über und auf dem Radweg, aber Mensch und Tier kamen völlig stressfrei miteinander aus. Die österreichische Grenze war unsichtbar. Die Kiespiste durch den Wald führte bald so steil bergan, dass wir auf einer kurzen Strecke die Räder schieben mussten.

Blick auf das Karwendelgebirge in Mittenwald

Gegen 16 Uhr erreichten wir Seefeld. Der Ort besteht praktisch nur aus Hotels, Pensionen und Restaurants. Wir kamen im Hotel Garni Dietrich unter, vermittelt über die Tourist Information. Der erste Tag ist geschafft.

Hinten im Bild: Burkhard und Norbert, während ich die lässigen Kühe am Wegesrand noch fotografiere.
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Frühlingsausflug in den Stuttgarter Osten

Mein altes Fahrrad hatte die Werkstatt schon fast abgeschrieben: Antrieb ließe sich nicht mehr erneuern, das Tretlager sei mit dem Rahmen festgerostet. Die Spezialisten ließen aber nicht locker und ich konnte mein Rad frisch repariert zu Frühlingsbeginn wieder abholen: Neue … Weiterlesen

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Tag 18: Rewal-Zinnowitz (Ende der Reise)

 

Grenze zwischen Swinemünde und Ahlbeck. Tschüss Polen!

Nach 97 Kilometer Radfahren in der Abenddämmerung einfach nur im Meer liegen, kein Mensch sonst mehr im Wasser. Rückenschwimmen nach Herzenslust, ohne Gegenverkehr wie sonst im Schwimmbad. Barfuß zurück ins Hotel. – So endete meine Polenradtour.

Nach einer Stunde Fahrt an der Küste entlang führte mich der Weg durch den Nationalpark Wolin. Ich verzichtete auf die Mittagspause und aß in Swinemünde nur ein Eis, querte die Grenze und fuhr durch die schönen Usedomer Seebäder Heringsdorf, Ahlbeck und Bansin. Mein Hinterrad hielt bis zum Endpunkt meiner Reise, Zinnowitz, durch. 1.850 Kilometer Radtour liegen seit dem 19. August hinter mir. Ich hatte sehr viel Glück mit dem Wetter. Von Polen bin ich positiv überrascht. Ich hatte keine rechte Vorstellung von dem Land. Übernachtungen zu finden war überall kein Problem und ein freundlicher Empfang war immer garantiert. Viele gute Radwege und herrliche weite Landschaften, schöne Städte und vor allem die Ostseeküste haben mir sehr gut gefallen. Mein Portmonee wurde mir hinterhergetragen, wenn ich es im Laden vergessen hatte. Auch wenn ich in meiner Zerstreutheit mal vergessen hatte bei Einkäufen im Supermarkt mein Fahrrad abzuschließen, war das kein Problem.

Auf den Straßen haben mich die Autofahrer rücksichtsvoll behandelt, wenn man ein paar Situationen heute auf der Bundesstraße nach Swinemünde mal außer acht lässt. Die Sprachbarrieren waren durch Wohlwollen immer schnell überbrückt. Polen ist sehr auf den inländischen Tourismus ausgelegt. Aber irgendwie verständigt man sich immer. Dank des günstigen Wechselkurses konnte ich eine Art Wellness-Urlaub machen und auf Zelt, Isomatte und Schlafsack verzeichten. Übernachtungen zwischen 25 und 35 Euro waren immer zu finden. Und Spaghetti mit den üblichen Beinamen für 4,50 Euro nach einer Tagestour im Restaurant auch mehr als bezahlbar.

Fehler bei meiner Planung: Ich habe zu spät einen Platz im IC für das Rad gebucht. Aber so ist das, wenn man flexibel bleiben will und nicht weiß, was einen bei einer solchen Tour erwartet. Die Tickets sind bei der Bahn immer gerade eben ausgebucht. Deshalb weiche ich nun auf den Nahverkehr aus. Das bedeutet für die 900 Kilometer zurück nach Stuttgart zwei Reisetage, die ich durch einen Zwischenstopp bei meinen Eltern verbinde.

Bei dieser Art von Reise stand die Bewegung im Vordergrund. Drei Ruhetage in drei Wochen mögen nicht viel sein, aber Besichtigungen in den Städten oder faul am Stand zu liegen stand auch nicht im Vordergrund. Anlass waren die Feierlichkeiten in Bialystok und die Idee, daraus einen Urlaub mit dem Rad zu machen, war eine der besten Einfälle der vergangenen Jahre. Mein Hintern hat in der ersten Woche gelitten, das stimmt, inklusive taube Zehen vom Treten in die Pedalen und Kribbeln in den Fingern von den Vibrationen, die sich von den Wegen auf den Lenker übertragen. Aber nach der ersten Woche habe ich mein Hinterteil eingesessen. Bisschen Kribbeln und Muskelkater ist immer. Doch: Ich fühle mich fit wie Turnschuh.

Tschüss Polen.

In Kopenhagen war ich noch nicht.

Fähre in Swinemünde auf die Insel Usedom.

Sandskulptur mit Damen

Strand von Zinnowitz, Endstation meiner Reise. Und ab ins Wasser (19 Grad, Luft 20).

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Tag 17: Rügenwalde-Rewal

Ein paar Worte zu Pferden und zum Essen (mal wieder). Auf den Wegen durch Schlesien, Großpolen, Masowien, Podlachien und Ermland-Masuren habe ich kaum Pferde gesehen. Die Zahl der Rinder auf den Weiden nahm während der Reise zu, aber Pferde? Nix. – An der Ostseeküste trifft man doch in und wieder ein paar Exemplare und auf den Wegen sind Pferdeäpfel zu umfahren. Das hat sicher mit dem Tourismus an der Küste zu tun. Ab und zu gibt es Streichelzoos. Vielleicht gibt es auch etwas „Pferdesport“, aber sicher nicht so intensiv wie in Norddeutschland. – Worüber man beim Radfahren alles so nachdenkt…

Makarony ist im Polnischen ein Oberbegriff für Nudeln. Es gibt einen wahrscheinlich spezifisch polnischen Restauranttyp, die Kebab-Pizzeria, in der es weder Türken noch Italiener gibt. Es wird der klassische Döner angeboten – allerdings ohne Zwiebeln, scharfen Knoblauchsoßen oder Chili, also alles, was ich mag. Drehspieße mit Lammfleisch habe ich nicht gesehen, es wird wohl Schweine- oder Rindfleisch sein. Das Ganze kann man auch auf der Pizza haben. Ansonsten ist die Pizza in allen möglichen bekannten Varianten zu bekommen. Alles für meine Radfahrerbedürfnisse zu fett. Ich halte mich in den Kebab-Pizzerien an die Tomatensuppe, mal mit, mal ohne Nudeln. Und die Makarony. Die Spaghetti waren immer gut. Aber heute gab’s keine, als ich in einem Örtchen an der Ostsee viertelfünf „Mittagspause“ machte. Also Hamburger mit einer koffeinhaltigen dunklen Brause.

Ich war erst um elf losgekommen und die 85 Kilometer bis zur Mittagspause durchgefahren. Kurz nach dem Start bekam ich eine Regendusche ab. Der Rest des Tages verlief zunehmend sonnig. Dank der unerwartet guten Wege war ich eine Stunde früher als gedacht nach 117 Kilometern in Rewal, einem kleinen Badeort am Meer. Der größte Teil der Strecke verlief in Küstennähe oder direkt in Strandnähe. Ich fuhr durch viele Badeorte, die durch die Nachsaison gut bevölkert waren. Überall wurden schlechte Klamotten angeboten, mal an kleinen Stränden, mal in großen Zelten. Es gab jede Menge Souvenirs, geräucherten Fisch und Fischrestaurants und auch vornehmere Schmuckläden, die nicht nur Bernstein im Angebot hatten. Am besten war die frische Luft, die mich vom Meer her wieder anschob. Auf den Radwegen waren jede Menge langsame Ausflügler unterwegs, die in Zeitlupe die Pedale drehten, mit dem Lenker herumschlingerten, den Kopf im Himmel. Immer wieder gaben die Kiefernwälder den Blick auf die Ostsee frei.

Mein Hinterrad läuft nicht mehr ganz rund, was mich nicht überrascht. Es muss nur noch die 95 Kilometer bis Zinnowitz durchhalten. Die Recherche der Rückfahrt hat mich heute den halben Vormittag gekostet. Die Direktverbindung mit dem IC von Stralsund nach Stuttgart wurde mir nicht angeboten, wenn ich den Einstieg Zinnowitz wählte. Nach einer Weile hatte ich die richtigen Stellschrauben raus, die man wählen musste. Beides getrennt zu buchen, kostet nämlich zwanzig Euro mehr. Als ich den Kauf abschließen wollte, gab es diese Meldung: „Das gewünschte Angebot ist soeben nicht mehr verfügbar. Leider sind alle Fahrradstellplätze ausgebucht.“ Da hatte mir jemand den letzten Platz vor den Augen weggeschnappt. Alles andere als diese Direktverbindung bedeutet mehr umzusteigen und: Ich muss das Fahrradticket getrennt vom Bahnticket buchen. Immerhin gibt es ICEs, die jetzt auch Räder mitnehmen.

Erst, wenn ich das Scheinchen für’s Rad habe, kann ich den Zug buchen, denn umgekehrt kann es sein, dass ich wieder keine Reservierung bekomme. Und online funktioniert das nur teilweise. Also muss ich zum Schalter. Ich habe hier aber gerade keinen da. Im Nahverkehr ist alles einfacher, Fahrradmitnahme muss nicht gebucht werden. Man muss nur schauen, ob man mitkommt. Aber nach Stuttgart brauche ich dafür dann zwei Tage. – Tja, mal sehen. Jeder Tag kennt seine eigene Sorge.

Beim Sonnenuntergang war ich am Meer.

Bahnübergang in Rügenwalde. Das sagt die App: „Schwere Radtour, gute Kondition nötig. Stellenweise wirst Du Dein Rad eventuell tragen müssen.“ So viel Kondition war heute nicht nötig, alles flach.

Typische Briefkästen, aber nicht so häufig zu sehen. In der Regel wird ans Haus ausgetragen.

Leuchtturm bei Rewal.

Hafen von Mrzeżyno

 

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Tag 16: Leba-Rügenwalde (Darlowo)

Eine Radpanne hatte mich heute aufgehalten. Aber dazu später.

Im Handbuch für lange Fahrradtouren steht, dass man Regentage erst von ihrem Ende her beurteilen soll. So war ich denn auch ganz zuversichtlich, als ich am späten Vormittag in Leba aufbrach und ein leichter Regen einsetzte. Da dies bei der Wettervorhersage nicht vorkam, beschloss ich zügig weiterzufahren. Denn was es eigentlich nicht gibt, würde bald von selbst wieder verschwinden, so meine Theorie. Der leichte Nordost blies mich, im Hinterrad immer noch eine Speiche weniger, über die gut asphaltierten Straßen meinem Ziel Rügenwalde (Darlowo) entgegen. Außerdem war es nicht kalt und nach zwei Stunden bestätigte sich meine Annahme. Es hörte auf zu regnen und die Sonne zeigte sich immer öfter. Die Landschaft auf meinem Weg muss deutlich mehr Regen gesehen haben, denn auf den Straßen flossen Rinnsale und ich jonglierte um große Pfützen herum. Am Abend, in meiner Unterkunft, legte ich das Geld zum Trocknen aus, dass sich in meiner Lenkertasche ganz vorne im ersten Fach befunden hatte. Sonst war alles in bester Ordnung.

Auf halber Strecke hörte ich eine Sirene. Ich wähnte hinter mir einen Krankenwagen oder die Polente. Ich hielt an und schob mein Rad rechts ins Gras. Ein Militärkonvoi kam angerauscht, an der Spitze und am Ende jeweils mit einem Geländewagen, Blaulicht und Martinshorn. Dazwischen vier Transporter mit Panzern, ziemlich flache Dinger. Vielleicht heißen die auch anders, also nicht Panzer. Möglicherweise hat die Nato wieder ein Herbstmanöver, wer weiß. In einem Dorf vor Danzig wurde am Sonntag ein Flakgeschütz durch die Gegend gefahren.

In Zaleskie, einem Dorf 30 Kilometer vor meinem Ziel, rief mir plötzlich eine Frau vom linken Straßenrand zu. Ich stoppte, drehte um und sagte auf Englisch, dass ich des Polnischen nicht mächtig bin. Maschena, so hieß sie, machte mir klar, dass sie Hilfe bei einer Reifenpanne brauchte. Sie war mit ihrer Schwester Barbara unterwegs. Ihr Rad hatte sie schon aufgebockt. Aus dem Vorderreifen zog ich eine Reißzwecke. Ich holte mein Werkzeug aus den Tiefen meiner Radtasche. Maschena hatte auch alles mögliche dabei, vor allem aber einen neuen passenden Schlauch. Der war mit der üblichen Fummelei recht fix gewechselt. Doch das Ventil passte weder zu meiner Luftpumpe noch zu meiner CO2-Kartusche. Barbara sprach mit zwei älteren Frauen, die noch in einer Schule zu tun hatten, vor der sich die Szene abspielte. Die organisierten im Ort zwei passende Luftpumpen, die uns von einem Mädchen gereicht wurden. Unterdessen unterhielt ich mich etwas mit Maschena. Sie käme aus Breslau, ihre Schwester aus einem kleineren Ort, den ich noch nicht gehört hatte. Sie waren auf dem Weg nach Ustka (Stolpmünde), ein Ostseebad, nur ein paar Radminuten vom Ort des Geschehens entfernt.

Mit einer Tretpumpe blies ich das Vorderrad auf. Ich erklärte, dass ich noch ein Foto für mein Reisetagebuch brauche und überreichte Maschena die dazugehörige Internetadresse. Das Mädchen mit den Pumpen wurde wieder fortgeschickt. Wir verabschiedeten uns und ich erreichte, dank des Rückenwindes, Rügenwalde nach 109 Kilometern in einer unglaublich guten Zeit (Schnitt: 20,4). Da konnte ich mich noch in eine Telefonkonferenz einwählen.

Der Regentag ist dreifach zu loben: Wegen der nur kurzen Nassphase, wegen des famosen Rückenwindes und wegen der guten Tat.

Sonnenbrille – schützt auch vor Regen

Maschena (links), das Mädchen mit den Luftpumpen und Barbara – nach Reparatur alle in guter Stimmung.

Ich trage heute ausnahmsweise blau. In der Schule durften wir uns dann noch die Hände waschen.

Tor zum Marktplatz Rügenwalde (Darlowo). Dahinter befindet sich mein Quartier.

 

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