Dritte Etappe: Pfunds-Laas

68 Kilometer, 960 Höhenmeter, 4:19 Stunden (netto)

Höhenmeter sind nicht gleich Höhenmeter, ich merke es in meinen Beinen. Der intensive steile Aufstieg auf den Reschenpass forderte deutlich mehr Kräfte als das kontinuierlich ansteigende Inntal. Gestern haben wir 300 Höhenmeter mehr gemacht, sind 30 Kilometer weiter gefahren und trotz der Querfeldein-Tour durch den Wald fühle ich mich heute stärker beansprucht. Die Beine sind schwerer. Nach dem Essen in die dritte Etage des Gasthofs auf das Zimmer ging es nicht mehr so leichtfüßig. Aber das ist normal.

Der Reschenpass liegt im Dreiländereck Österreich, Schweiz und Italien. Die Grenzübertritte haben wir teilweise gar nicht bemerkt. Es fehlten die üblichen hoheitlichen Zeichen auf den Wander- und Radwegen, auf der Kuhweide. Heute jedoch kamen wir an zwei Grenzstationen vorbei. Die wirkten wie aus einer anderen Zeit, als der Schmuggel noch blühte und Passkontrollen an der Tagesordnung waren. Ganz so weit weg sind wir nicht davon, dass wieder Passkontrollen eingeführt werden. Und aus der Schweiz bringen die Steuerhinterzieher ja seit Jahren tonnenweise Gold über die Grenze.

Wiesen hinter Pfunds

In unserer Radlerpension in Pfunds trafen wir uns wieder um halb neun zum Frühstück. Die Wirtin gab uns Tüten, damit wir uns noch Brötchen mit auf den Weg nehmen. Wovon wir aber keinen Gebrauch machten. „Ja wollen’s nicht noch welche mitnam?“ Halb zehn saßen wir in den Satteln und fuhren durch ein weites Tal mit herrlichen Wiesen, ein grüner Teppich mit gelben, blauen, weißen und roten Blüten soweit das Auge reicht. Kleine Brücken führten über Bäche, die kalt und schnell ins Tal plätscherten. Auf Halbhöhenlage standen überall kleine und größere Hütten aus dunkel wettergegerbtem Holz wie Wächter über der Szenerie, während in der Ferne die schneebedeckten Gipfel majestätisch das Ziel vorgaben.

Zunächst hatten wir einige Steigungen bis zu einer Bundesstraße zu fahren, um dann eine längere Abfahrt schon auf schweizer Seite zu genießen. Das Tal wurde enger. Links und rechts ragten schroff die Felsen in die Höhe. Kleine Wasserfälle waren zu sehen und viel Schutt und Geröll, Ergebnis der natürlichen oder vom Menschen mitverursachten Erosion. Nach einer Kehre wurde es auf der sonnenabgewandten Seite des Tals richtig kalt. Die Kälte schien vom reißenden Inn aufzusteigen. Nach einer Baustelle erreichten wir die Grenzkontrollen Österreich-Schweiz in Martina. Die Beamten ließen den Verkehrsstrom auf einer Fahrspur passieren, so auch unsere Dreiergruppe mit dem Radl. Wir querten links über eine Brücke den Inn und hielten kurz inne für eine Trickpause und für Fotos. Geduldig widmeten wir uns nun dem Aufstieg zum Reschenpass.

Es hatte sich in den Tagen, seit wir unterwegs sind, eine gewisse Formation des Fahrens zu dritt ergeben. Meistens führt Burkhard unseren kleinen Trupp an, während ich den Abschluss bilde. So auch bei dieser Bergetappe. Ich hatte das Gefühl, dass wir ein gutes Tempo gefunden hatten, das für alle machbar war. Wir hatten 13 Kehren und 400 Höhenmeter bis zur Norbertshöhe bei Nauders zu bewältigen. Unterwegs, bei Kehre 10, schloss sich uns ein kleiner Trupp mit einem kleinen Jungen an, der von seiner Mutter, vermutlich, etwas geschoben wurde. Der Junge redete die ganze Zeit wie ein Wasserfall, was mich irgendwie störte. Die Frau, von der ich denke, dass es die Mutter war, antwortete auf Fragen und gab Anweisungen. Vor der letzten Kehre ließen wir die Redegruppe an uns vorbei.

Auf etwa 1.000 Metern Höhe der Grenzübergang Österreich-Schweiz in Martina: Bis zur Norbertshöhe kommen 400 Meter dazu.
Aufstieg zum Reschenpass: Während uns die Autos überholten, überholten die Motorradfahrer die Autos.

Nach kurzer Rast fuhren wir hinunter nach Nauders, um den letzten Teil des Aufstiegs zum Reschenpass zu nehmen. Der Gegenwind, dem wir begegneten, war buchstäblich atemberaubend. Zumindest waren wir von der vielbefahrenen Passstraße herunter und konnten gut ausgebaute Radwege nehmen. Die Grenzstation zu Italien war verlassen und etwas verkommen. Die letzten Höhenmeter nach Reschen waren schnell genommen. Uns begegneten Horden von Mountainbikern. Drei Stunden nach dem Aufbruch in Pfunds hatten wir dieses wichtige Tagesetappe erreicht. Wir wurden vom Blick auf den Reschensee und das Gebirgspanorama belohnt und rasteten am See.

Wir hatten genug Zeit, sodass wir uns ein Nickerchen gönnten, bevor wir uns an die Abfahrt machten. Beregnungsanlagen auf einem Feld waren so eingestellt, dass die Radfahrer unweigerlich duschen mussten. Die Abkühlung tat uns gut. Hinter der Staumauer des Reschensees ging es rasant bergab. Wir passierten schöne Dörfer mit verwinkelten Gassen und rasteten erst wieder in Glurn, dem ursprünglichen Tagesziel. Da es erst halb vier war beschlossen wir, noch weiter zu fahren. Das Tal der Etsch, die am Reschenpass entspringt, öffnete sich immer weiter. Große Plantagen mit Apfelbäumen prägten die Landschaft. Schließlich kehrten wir in einem Gasthof im „Marmordorf“ Laas ein: 36 Euro im Doppelzimmer und 51 Euro für das Einzelzimmer. Ein kleiner Rundgang durch das Dorf bestätigte den Namen „Marmordorf“: Brunnen aus Marmor, Marmorblöcke auf den Grundstücken und Höfen, Plastiken aus Marmor von bekannten oder unbekannten Künstlern am Wegesrand – und die Wege selbst gepflastert aus Marmorsteinen. Selbst die Tisch-Kartenhalterung im Lokal unseres Gasthofs: Marmor.

Blick auf Nauders: hier beginnt der letzte Teil der Etappe zum Reschenpass

Von den Sommerspaghetti, die ich vertilgt haben, erhoffe ich mir prächtige Regeneration meiner Kohlehydratspeicher. Die waren heute nämlich ganz gut beansprucht. Aber auch so waren die Sommerspaghetti einfach wunderbar. „Vergelt’s Gott“, sagte die Kellnerin zum Trinkgeld. Hatte ich auch schon länger nicht mehr gehört.

Der Bergbach findet seinen Weg auch über die Radroute.
Der berühmte Blick auf den Reschensee.
Mittagspause in Reschen
Gasthof Sonne in Laas: Unser Quartier für heute. Man beachte auch den Marmorbrunnen.
Beschriftete Plastiken sind nicht so meins: Aber hier ein weiteres Beispiel für die Marmorkunst in Laas. Diese Skulptur ist Teil eines internationalen Kunstprojekts zum Thema Freiheit: www.pillars-of-freedom.com
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