12. Etappe: Rostock-Boltenhagen

Heute kam der Wetterumschwung – von Hochsommer auf Herbst. Am Vormittag kam noch immer wieder die Sonne durch. Ich brach kurz vor zehn in der Magdeburger Altstadt auf, fuhr an der Uni vorbei zum Hafen und von dort aus über Lütten Klein und Rostock-Lichtenhagen nach Warnemünde. Ich kam am Hotel Neptun auf die Strandpromenade. Es war windig. Ich folgte dem Ostseeküstenradweg. In Heiligendamm schaute ich mir das Grand Hotel an. Ein Badeort für die ganz Reichen, und mit Bahnhof.

Die Wege waren bis Kühlungsborn und Rerik noch stark bevölkert, wie immer am Sonntagmittag. Es sind zum einen die Sonntagsausflügler, zum anderen haben sich sicher einige Badegäste heute auf’s Rad geschwungen, weil das Wetter für den Strand zu schlecht ist. Fernradtourer sind an der Küste auch nicht zu knapp unterwegs, allein und in Gruppen. Eine Vierergruppe in Liegerädern hat mir gut gefallen.

Halbzwei erreichte ich Rerik. Ich fuhr zum Hafen, um Mittagspause zu machen. Ich kaufte mir drei Kugeln Eis und setzte mich auf eine Bank. Über der Ostsee bauten sich schwarze Regenwolken auf. Ich überlegte, die Schauer in einem italienischen Restaurant abzuwarten und bestellte Weizen und Bruschetta. Es regnete aber nicht. Ich fror, zog ein langärmliges Oberteil an und fuhr weiter.

Der Wind kam heute irgendwie aus allen Richtungen. Ich fuhr hauptsächlich nach Westen, nach Rerik ein Stück Südwesten bis Wismar mit Rückenwind, das letzte Stück nach Boltenhagen in Richtung Nordwesten mit Gegenwind. In dem hügeligen Gelände ging mir die Kraft aus. Ich musste den vorletzten Müsli-Riegel verspeisen. Drei Kugeln Eis und etwas Bruschetta waren wohl zu wenig Energie bei dem Wind. Das Wetter hatte sich weiter verschlechtert. Aber ich hatte Glück. Bis auf ein paar Regentropfen kam ich trocken am Ziel an: Das Gutshaus Redewisch bei Boltenhagen.

Das Gutshaus ist 2001 als Hotel und Restaurant eröffnet worden. Die ehemaligen Besitzer; Lueders, hatten das Anwesen nach der Wende von der Treuhand zurück bekommen. Ursprünglich gehörten noch 500 Hektar Land dazu. Das Gut war 1945 im Zuge der Bodenreform enteignet worden. Das Gutshaus diente zunächst als Flüchtlingslager, dann als FDGB-Heim und später als Kinderferienlager des Wohnungsbaukombinats (WBK) Erfurt. Da komme ich ins Spiel. Ich habe nämlich als Kind und Jugendlicher hier schon einen Teil der Sommerferien verbracht.

Im großen Saal befindet sich heute das Restaurant. In der Speisekarte ist die Geschichte nachzulesen. Ich habe sie hier im Blog geringfügig korrigiert. In dem Saal gab es zum Ende des Ferienlagers Disko. Es war ja auch voll die Diskozeit. Die Jungs kämmten sich ständig die Haare und steckten den Kamm in die rechte hintere Hosentasche. Ich beobachtete das und musste erst lernen, wie es geht. Der Weg zum Strand war damals mit anderthalb Kilometern noch lästiger als heute, weil wir ihn immer zu Fuß gingen. Auf halber Strecke gab es einen Dorfladen, in dem wir uns mit Keksen und Brause verproviantierten. Aber wir verbrachten nicht nur Zeit am Strand, in der Nähe der Steilküste, wir nutzten auch das Anwesen, um auf einer großen Wiese Fußball zu spielen. Der Lederball fiel immer mal in dichtes Gebüsch, in dem ein Gewässer stand oder floss. Und Mücken plagten uns. Es gab noch mehr Insekten als heute.

Im Haupthaus wohnten wir nicht. Wir waren in Baracken untergebracht und schliefen in Doppelstockbetten. Ich weiß nicht mehr, ob jedes Zimmer einen Studenten als Ferienbetreuer hatte oder die Gruppen anders aufgeteilt waren. Die sorgten jedenfalls dafür, dass wir die Betten ordentlich machten und informierten uns über das Programm. Vor der Ferienlagerzeit müssen wir auch mal mit den Eltern Urlaub gemacht haben. Da war es wohl noch ein FDGB-Urlaubsplatz. Ich erinnere mich jedenfalls an das große Treppenhaus mit der geschwungenen Treppe und einen Saal, der mit grauem, weichen Linoleum ausgelegt war. Es gab einen Fernseher und irgendwelche Spiele.

Ich muss mal sehen, wie es morgen weitergeht. Meine Zeit läuft ab. Und das Wetter ist instabil.

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