Tag 9: Tykocin-Augustów

Die Große Synagoge in Tykocin

Die Große Synagoge von Tykocin wird unter Polizeischutz renoviert. Als ich vorbeifahre kommen mir Jugendliche entgegen, die in großen Bussen angereist waren. Das Städtchen hatte zeitweise eine überwiegend jüdische Bevölkerung. Nach dem Einmarsch der Deutschen 1941 wurden 1.400 Juden ermordet, weiß Wikipedia. In Augustów, dem Tagesziel, hatten die Sowjets 1945 einige hundert vermeindliche oder tatsächliche Antikommunisten umgebracht, was als die Razzia von Augustów in die Geschichte eingegangen ist.

Vor Elchen wird gewarnt.

Bei sonnigem Wetter erreichte ich den Nationalpark Biebrza. Beeindruckend viele Schilder waren im Park vor Elchen. Zum Glück wollte mich keiner knutschen, aber wie verhält man sich, wenn tatsächlich einer aus dem Wald kommt? – Wahrscheinlich einfach abwarten. Das Schild mit dem Wolf und dem Bär war nur am Anfang mal zu sehen. Im Grunde genommen ist der Park aber durch seine Vielfalt an Vogelarten bekannt. Hinweisschilder mit Fernglas-Symbol weisen den Ornithologen den Weg zu den vielversprechenden Aussichtspunkten. Der Weg durch den Park war streckenweise einsam, kein Verkehr, keine anderen Touris unterwegs. Tiefer Wald links und rechts des schnellen Asphaltweges, dann ab und zu Moorflächen mit Stegen zur Beobachtung der Federtiere.

An der Netta bei Augustów: Der Regen hat die Landschaft eingetrübt.

Dank des gut ausgebauten Green Velo komme ich mit einer für meine Verhältnisse hohen Durchschnittsgeschwindigkeit von 19,5 Kilometer pro Stunde in Goniadz an. Da ich hoffte, noch an einem Restaurant vorbeizukommen, um eine Mittagspause zu machen, ließ ich den Ort schnell hinter mir. Danach kam – nichts. Bei einem „Lewiathan“ mit Bank machte ich dann nach 74 Kilometern erst Pause. Das hätte sich Thomas Hobbes auch nicht träumen lassen, dass mal eine polnische Lebensmittelladenkette den Namen seines Werkes „Der Leviathan“ trägt. Da gibt es jedenfalls alles notwendige.

Langärmlige Mittagspause am „Lewiathan“: 23 Grad kommen mir nach der Hitzewelle recht kühl vor.

Wehr bei Augustów: Der nach dem Ort benannte Kanal sollte eine Alternative zu den preußischen Zöllen eröffnen.

Der Weg nach Augustów führt durch den sogenannten Nadelwald von Augustów, also wieder viel Grün und Einsamkeit auf der Strecke. Ich bin heute jedoch einigen Radwanderern begegnet: einem Pärchen, wenig bepackt, dann einen gut ausgerüsteten Trekki, der Zelt und Isomatte dabei hatte und auch vorne beladen war, und schließlich noch einen weiteren Fernradler, ebenfalls mit guter Ausrüstung. Auf meinen bisherigen Wegen bin ich praktisch keinen Fernradtourern begegnet. Die Region wird offensichtlich wegen der Naturparks aufgesucht, aber von einem Massentourismus kann man hier nicht sprechen. – Ich genieße die Einsamkeit und den geringen Autoverkehr.

Vor Augustów kürzte ich den Green Velo ab und nahm die Bundesstraße, auf der Kaunas und Vilnius schon ausgeschildert sind. Es hatte vor mir geregnet und es war merklich kühler geworden. Die Straßen waren noch nass. Ich sparte mir deshalb den Weg um die Seen und fuhr direkt ins Zentrum des Städchens, wo mich das Hotel Perla aufnahm. Und Toni Peperoni (das Lokal heißt wirklich so) hatte noch Spaghetti für mich.

Die 113 Kilometer heute waren dank der geschmeidigen Wege eine leichte Tour. Manchmal schaue ich schon noch hinter mich, wenn ich Dörfer verlasse, ob noch irgendwelche Köter hinter mir her sind. Nicht nur Hunde laufen teilweise frei herum, was ja auf dem Lande keine Überraschung ist, aber da gibt es auch mal eine Kuh, die in einem Seitenweg ihr Futter findet, fernab von jeder Weide oder Stall. Die Gegend ist, trotz des Nationalparks, dem Geruch nach von intensiver Viehhaltung geprägt. Und auf die Felder wird gerade frischer Dung ausgebracht. – Kurzum: alles sehr idyllisch.

Hotel Perla

 

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Tag 8: Bialystok-Tykocin

Do widzenia Bialystok!

Vor mir liegt der äußerste Nordostzipfel Polens, die Region (Wojewodschaft) heißt Podlachien. Ursprüngliche Wälder und eine Seenlandschaft in einem dünn besiedelten Gebiet erwarten mich.

Die Feierlichkeiten in Pomigace bei Bialystok auf einer Art Event-Ranch waren zugleich sportlich gesehen die notwendigen Ruhetage, um mit frischen Kräften in die zweite Phase der Radtour einzusteigen. Praktischerweise habe ich auf diesem Wege auch zwei Regentage hinter mir gelassen. Der Himmel klarte auf und bei 21 Grad schien die Sonne wieder. Am Mittag holte ich mein Rad im Hotel Royal in Bialystok ab, wo die gleiche Rezeptionisten Dienst tat wie am Samstag. Ich buchte noch den Versand meines Koffers, schickte die notwendigen Unterlagen zum Ausdrucken an die Rezeption, beklebte das Reiseutensil mit dem Versandzettel und gab der Hotelmitarbeiterin die letzten Hinweise und natürlich ein Trinkgeld. Die Spezialbehandlung war wirklich hilfreich für mich. Der Koffer brachte nicht nur meinen Anzug und Schickimickischuhe wieder auf den Heimweg, sondern auch Dreckwäsche, sodass ich mir das Waschen in Bialystok sparen konnte.

Beschilderung des Green Velo

Ich hatte für diesen Tag nur eine Tour bis zum alten Städtchen Tykocin geplant. Zum einen wegen der Abreiselogistik in Bialystok, zum anderen, weil ich mich noch verproviantieren musste und langärmlige Funktionskleidung für die jetzt kühler werdenden Tage und vor allem Abende besorgen wollte. – Im Fachgeschäft meiner Wahl fanden auch noch eine Zweithose, Fahrradhandschuhe, Funktionsunterwäsche, ein kurzes Shirt und eine CO2-Kapsel für das schnelle Aufpumpen des Ersatzschlauchs, im Fall der Fälle, in meinen Einkaufswagen. Der Reifen meines Hinterrads ist unübersehbar porös, aber nach meiner Theorie hält er die Tour noch durch.

Tykocin mit weiter Landschaft

Als ich dann noch die Lebensmittel besorgt hatte, war es bereits halbdrei. Kurz nach fünf und 40 Kilometern Fahrt war ich schon in Tykocin, die erste Etappe auf dem Green Velo. Dieser neue EU-geförderte Radweg beschert mir zwar auf dem Weg nach Danzig etliche Zusatzkilometer, aber ich will eine der wildesten Regionen Polens kennenlernen und nehme den Umweg gerne in Kauf. Dafür habe ich mir von der Green-Velo-Website die notwendigen Strecken zusammengestellt, im gpx-Format heruntergeladen und in meiner Navi-App Komoot geladen. Die Strecke morgen führt durch den Nationalpark Biebrza, ein Torfgebiet mit besonderer Vogelwelt.

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Tag 7: Wyszków-Czyzew-Bialystok

Heute habe ich eigentlich keine Lust mehr, noch etwas aufzuschreiben. Das schwülwarme Gewitterwetter schlägt offensichtlich auf die Kondition. Vielleicht ist jetzt einfach auch eine Regenerationspause dran.

Der Tag begann zu spät. Ich hatte zwar eine super Pension, aber kein Frühstück bestellt. Bis ich dann beim Discounter verproviantiert und gefrühstückt war, war es schon zwanzig vor zwölf. Für die Streckenplanung war klar, dass ich für den frühen Abend eine Bahnstation ansteuern muss, um noch nach Bialystok zu kommen. Außerdem sind ja Gewitter angesagt. Die Wahl fiel auf Czyzew. Danach würde sich die Route wieder von der Bahntrasse entfernen und ich ginge das Risiko ein, im Wald vom Gewitter überrascht zu werden, ohne Öffis in der Nähe. Die Entscheidung war gut, denn ein kräftezehrender Sandweg in den Auenwäldern des Bug kostete Zeit. Für Alternativen hätte ich mehr Zeit in die Planung stecken müssen. Vor Ort erwies sich alles andere als ein großer Umweg, sodass ich in Kauf nahm streckenweise zu schieben.

Im tiefen Sand blockieren die Räder – schieben ist angesagt. Sand fressen Kraft auf.

Die 70 Kilometer bis nach Czyzew bin ich dann praktisch durchgefahren und kehrte gleich hungrig beim lokalen polnischen Kebab ein: Riesendöner für 13 Zloty und eine kleine Cola für 3 Euro, macht zusammen umgerechnet 3,81 Euro. Im Lokal war dann auch das Laden des Handys dran, denn ich hatte in Wyszków vergessen, die Powerbank über Nacht mit Strom zu versorgen. – Für eine 140-Kilometer-Tour ist eine bessere Planung und ein früher Aufbruch nötig. Den notwendigen Elan hatte ich am Ende der strapaziösen Woche wohl nicht mehr und ich wurde etwas nachlässig.

Gewitterwolken auf dem Weg zur Bahnstation in Czyzew – drückende Hitze

Drückende Hitze, 31 Grad, dunkle Wolken, Gewitterluft: Kaum war ich nach meiner Döner-Pause an der Bahnstation angekommen, fuhr um 17:42 Uhr auch schon der Intercity nach Bialystok. Die modernen Wagen haben eine Ecke zum Aufhängen der Räder. Ein Rad hing schon in der Verankerung. Die Besitzerin hatte die gleichen gelben Radtaschen wie ich. Ich machte ihr klar, dass sie wegen mir nicht umbauen muss. So steckte ein Ende meines Rades im Radabteil, das hintere Ende steckte Richtung Ausstieg, fühlte sich aber alles stabil an. Endlich erreichte ich kurz nach halbsieben das erste Ziel meiner Reise. Im Hotel Royal stand mein Koffer mit den Partyklamotten bereit. Das Rad durfte ich freundlicherweise an der Rezeption unterbringen. Da sah ich auch schon bekannte Gesichter. Nach kurzer Begrüßung durch den Jubilar (Geburtstag hat er erst am Sonntag), der mir auch die anderen vorstellte, das Brautpaar etc., machte ich noch einen Rundgang in der Stadt, wo mich dann ein leichter Gewitterregen doch noch erwischte.

Die City von Bialystok hat ein lebendiges Nachtleben mit schön eingerichteten Kneipen und Restaurants.

Zwei Tage Pause, bevor es in Richtung Green Velo und die Masuren geht.

Bisherige Bilanz: 626 Radkilometer.

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Tag 6: Grodzisk Mazowiecki-Warschau-Wyszków

Warschau überrascht mit vielen Radwegen, sogar vielen sehr guten Radwegen, sodass ich den Nahverkehr für meine Tagesetappe nicht bemühen musste. Großstadt macht die Tour langsamer, aber deshalb habe ich für heute auch kein Riesending geplant. Am Ende waren es 98 Kilometer bis in das Städtchen Wyszków.

Die langsame Annäherung an eine Stadt hat etwas: man hat Zeit für Details, Zeit zum Schauen. Man sieht, wie im Falle von Warschau, die Skyline aus unterschiedlichen Winkeln, dann verschwindet sie, um schließlich größer und größer zu werden. Die Restaurant-Dichte nimmt zu und die Zahl der Menschen, die schick gekleidet sind. In der Mittagspause sitzen viele beim Bier, während die Apotheken 32 Grad im Schatten anzeigen. Schließlich steht man unter einem Tower. Ich hatte mir die EU-Behörde FRONTEX als einen Zielpunkt in Warschau ausgesucht. Was die Beamten hier hinter den Glasfassaden wohl alles machen?

Die wiederaufgebaute Altstadt erlebt den Tourismus, wie in anderen Altstädten auch. Da hörte ich seit Tagen auch mal wieder Deutsch. Ich bin mit dem Rad etwas umhergekurvt, um dann gemütlich über die sehr breite Weichsel durch den Stadtteil Praga von Ampel zu Ampel und Zebrastreifen zu Zebrastreifen zu schleichen.

„Do you speak English?“ – Irgendwas mit „Nie“, den Rest habe ich natürlich nicht verstanden. Wie weiter? Das einzige, das ich auf der Karte kenne, sind Pirogi. „Pirogi? Russki Pirogi“, oder so ähnlich fragte die Dame am Schalter. Ich nickte. Ich bin auch mit der russischen Art der Pirogen einverstanden. Ich erhoffte mir Kohlehydrate und die Teile wurden nach kurzer Wartezeit am Platz serviert. Ich war in einem Bistro eingekehrt, am Ende eines großen Friedhofgeländes. Draußen saß eine Gruppe und belegte alle Plätze. Mir war der Gastraum nicht nur wegen der Klimatisierung willkommen, sondern auch, um das Handy aufzuladen. Ab und zu kamen Leute in schwarzen Klamotten rein, holten sich etwas zu trinken und gingen auf’s Klo. – Die Russki Pirogi mundeten. Sie enthielten eine Füllung aus Frischkäse oder ähnlichem. Eine Verwandtschaft zu den schwäbischen Maultaschen ist unverkennbar. Das Ganze wurde mit gebratenem Schinkenspeck und rohem Kraut- und Rotkohlsalat serviert.

Als Radfahrer freut man sich ja immer über einen Teller Spaghetti oder Nudeln in jeglicher Form. Ich bin jedoch noch keinem italienischen Restaurant begegnet. Pizza wird immer mal angeboten, auch Döner Kebab, aber im Grunde genommen wird die Szene von der polnischen Küche dominiert. Die kenne ich noch zu wenig, um die Kohlehydratspezialgerichte bestellen zu können. Und mit dem Bestellen hat es sowieso seine Tücken, da ich es ja nicht geschafft habe, noch etwas Polnisch zu lernen. – In den Städten gibt es auch asiatische Restaurants, die tatsächlich von „Asiaten“ (Vietnamesen, Chinesen?) geführt werden.

Die Weichsel in Warschau. Rechts erhebt sich die Altstadt.

Die beste Zeit zum Radfahren ist die Zeit zwischen 17 und 20 Uhr. Da gibt die tiefstehende Sonne ein herrliches Licht auf die Landschaft. Und ich habe sie bei meinem Weg in den Osten zu dieser Zeit im Rücken. Nach der Großstadtagglomeration von Warschau tut sich die weite Landschaft von Masowien und demnächst von Podlachien auf. Die Zahl der Felder nimmt ab. Es gibt Moore und kleine Seen. Die Mischwälder werden von Kiefern verdrängt. Die Gerüche verändern sich: da ist das würzige Kiefernharz und frischer Binsen. Und Pilze.

Wenn sich zwei Autos begegnen, teilt sich die 40.

Morgen soll es Gewitterregen geben. In Bialystok erst am Abend. Vielleicht kann ich der Front noch etwas davonfahren.

Romantisch: Das, was wie Nebel aussieht, sind Staubschwaden, die ein Quadfahrer aufgewirbelt hat. Als ich fotografierte merkte ich, dass zwei Dorfhunde immer noch hinter mir her waren. O Schreck! Jetzt schnell weg…

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Tag 5: Lodz-Grodzisk Masowiecki

Während in Schlesien keine Tierhaltung zu riechen war und es auch viele Brachen mit Kanadischer Goldrute, Beifuß, Gäsern und sonstiger Pflanzenbevölkerung zu sehen gab, sind die Flächen in Großpolen offensichtlich intensiver genutzt. Hier ist auch der Mais nicht so vertrocknet und es duftet hier und da ordentlich nach Vieh. Die Dörfer wirken weniger verlassen und je weiter man nach Osten kommt, umso schicker werden die Siedlungen in begehrter Lage. Das wird wohl mit dem Großraum Warschau zu tun haben, aber auch im Speckgürtel von Lodz häufen sich neue Häuschen und adrette Vorgärten. Groß baut fast niemand, aber kein und fein ist öfters anzutreffen.

Der Weg aus Lodz heraus ist mühsam, viel Verkehr auf Bundesstraßen und in der Landschaft angekommen gibt es einige Höhenmeter zu bewältigen. Dafür entschädigt die Mühe herrliche weite Landschaften. Schon nach 40 Kilometern ist eine längere Mittagspause fällig. Da ist es schon um drei.

Ich hatte, als ich in Lodz ankam, die nächsten Streckenabschnitte noch nicht im Detail geplant und noch keine Unterkünfte gebucht. Ich habe mich entschieden, in Warschau nicht zu übernachten und lieber noch etwas Stecke zu machen. Vielleicht nehme ich aus Warschau heraus auch nochmal den Nahverkehr, um dem dichten Autoverkehr zu entkommen. Und den Bordsteinen auf den Radwegen.

Wer hat eigentlich den Bordstein erfunden? In Polen gibt es (zumindest auf meiner bisherigen Strecke) erstaunlich viele Radwege in den Ortschaften. Leider sind immer wieder hohe Bordsteine zu überwinden, wie bei uns auch. Am Abend bin ich jedenfalls ganz ordentlich über einen scharfkantigen zu hohen Bordstein gebrettert. Es war zu spät zum Bremsen. Morgen muss ich meine Speichen mal durchzählen, ob die noch alle ok sind. Der Kettenwerfer auf das große Ritzel tut es auch nicht mehr. Da muss ich nachjustieren. Kettenöl gab es in Lodz, in einem Radladen in der Nähe der Philharmonie. Spätestens in Bialystok ist etwas Wartung nötig.

Die letzten zwanzig, dreißig Kilometer gingen leicht bergab, die Wege waren sehr gut. Mit dem Ziel in Sicht macht das dann einfach nur noch Spaß. Mit dem letzten Licht der Dämmerung kam ich zwanzig vor neun und nach 109 Kilometern im Hotel Norbit in Grodzisk Masowiecki an. Das Städtchen ist schon an den Nahverkehr im Großraum Warschau angeschlossen.

Meine Buchung war im Hotel irgendwie nicht angekommen und die Rezeptionistin sprach weder Deutsch noch Englisch. Aber mit etwas Geduld war die Übernachtung geregelt. Der Tag endet mit Planungen für Warschau und ein paar Notizen hier.

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Tag 4: Kobyla Gora – Parzynów – Lodz

Dorfkirche in Parzynów (Streuhofen)

Heute war alles etwas schwergängiger. Es begann damit, dass ich nicht so gut geschlafen habe und doch erst um neun aufgewacht bin. Dementsprechend spät kam ich los. Und ich merkte, dass die Beine etwas schwerer waren als sonst. Bald war mir klar, dass ich für die letzte Etappe nach Lodz noch einen Plan B brauchte. Kollege Jens meinte nach der gestrigen Tour, dass ich mit den Kräften haushalten und auch mal den Nahverkehr benutzen solle. So hab ich’s dann auch gemacht und bin dem Großstadtverkehr zudem noch aus dem Wege gegangen. Bis zur Bahnstation Sieradz Meka waren 102 Kilometer auf dem Navi.

Doch die erste Station des Tages führte mich zu Großvater Antons Geburtsort Parzynów (Streuhofen). Der Ort gehört schon zu Großpolen, ist aber noch nah an Schlesien gelegen. Meine Theorie, auf dem Friedhof vielleicht noch Vorfahren zu entdecken, ging auf. Schnell entdeckte ich das Familiengrab von Jozef Wiecek (26.02.1896-01.04.1986) und Marianna Wiecek (18.11.1893-28.07.1968), zusammen mit Stanislaw Piorek (08.08.1952-01.02.2015). Der Name Piorek taucht in der Familienchronik auch öfters auf. Das Grab ist gepflegt, es wird also noch Angehörige geben. In welchem Verhältnis die Personen zu Anton Wiecek stehen, muss sich noch zeigen. Für Gespräche mit Dorfbewohnern oder die Kirchenbücher ist heute keine Zeit.

Doch, man erkennt einen Trampelpfad über die Gleise. Aber ich glaube, die Karte muss trotzdem überarbeitet werden.

Die Ulica Piotrkowska – ein Traum. Mein Hotel liegt an dieser schönen langen Altstadt-Promenade. Hinter einem Toreingang zu einer Gasse mit Restaurant und einem Kino geht es zur Rezeption. Das Apartment in einem Haus geschätzt aus der Jahrhundertwende ist ebenso ein Traum: dunkel gewachste Dielen, hohe Zimmer, stilvoll eingerichtet mit putzigen Ecken. Die Außenwände mit unverputzten Backsteinen erzeugen eine warme Atmosphäre.

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Tag 3: Legnitz-Breslau-Kobyla Gora

Nach 141 Kilometern erreiche ich planmäßig das Pensjonat Maciejanka in Kobyla Gora. Das liegt etwa auf halber Strecke zwischen Legnitz und Lodsch in Großpolen und entpuppt sich mit den Seen und Wäldern als Urlaubsregion. Das war mir vorher gar nicht so klar.

Breslau: an der Oder legen Ausflugsschiffe ab.

Die Mittagspause in Breslau habe ich mit bei stechender Sonne und über 31, 32 Grad im Schatten hart erarbeitet. Die Supermärkte liegen natürlich immer auf der falschen Straßenseite und so bin ich nach gefühlt endlosen Gewerbegebieten (Bosch, BASF, Fresenius, Opel, BMW, VW, DHL, UPS…), Vorstadtsiedlungen, dem Stadion, zahllosen Brücken und Ampeln zur besten Mittagszeit in der Breslauer Altstadt. Da muss erst einmal ein klimatisierter Tante-Emma-Laden für Mineralwasser herhalten. In einem Thairestaurant futtere ich Nudeln und lege mich etwas ans Oderufer. Natürlich nicht, ohne vorher den Markplatz zu bestaunen und Fotos zu machen.

Altstadt von Breslau in der Mittagshitze

Bei dem Streckenprofil war mir klar, dass das dicke Ende bei den letzten 20 Prozent kommt. Und so war es auch. Auch mit Kraft war in tiefausgefahrenen Sandwegen im Wald nichts mehr zu machen. Mühsames Schieben durch tiefen Sand in der Dämmerung im Wald. Der Weg besserte sich zusehends, forderte aber viel Konzentration um nicht im Sand ins Schlingern zu geraten und zu stürzen. Bei den letzten Streckenabschnitten, die über neue Landstraßen führen, schalte ich das Licht an. Da kommen mir im Dunkeln drei Gestalten entgegen, Kapuzenträger oder… nein, es sind Dämmerungsbadegäste, die ihre Badetücher über Kopf und Schulter tragen. Ein lustiges Bild. Ich nähere mich wieder der Zivilisation. Badeseen mit Leuten an beleuchteten Anlegestellen und ein Supermarkt, der noch auf hat und Pensionen zeugen von einer Urlaubsgegend. Zwanzig vor neun bin ich schließlich in der Pension, wo ich freundlich auf Englisch bedient werde. Mein Fahrrad findet in der abgeschlossenen Garage Platz. Der Speisesaal ist festlich und mit allerlei weißem Tuch, Gemälden, Kronleuchtern und alten Stühlen an langen Tischen geschmückt. Im Foyer gibt es gemütliche Sofas und einen Kamin für kältere Tage.

Auf dem Weg nach Kobyla Gora: Warschau kommt in Sicht.

Nichts wie raus aus den verschwitzten Klamotten und unter die Dusche. Auch abends hat es kaum abgekühlt. Dank WLAN noch schnell Reisetagebuch geschrieben, in dem Präsenz und Präteritum sich die Hand reichen. Naja, korrigiert werden muss immer.

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Tag 2: Görlitz-Legnitz

Statistik: 
106 km gefahren
15,8 km/h
5,5 Liter Wasser und 0,5 Liter Saft getrunken (es ist heiß)

Wo ist der Weg nochmal? Leicht rechts von der Mitte ist mein Rad vage zu erkennen.

Bei bestem Sommerwetter breche ich in Görlitz auf. Der erste Geldautomat auf polnischer Seite ist kaputt, in einem Städtchen unterwegs klappt die Bargeldversorgung aber bestens. Auf mich wartet eine Stecke der Extreme: Es gibt über weite Strecken sowohl ganz geschmeidige Radwege der Güteklasse 1, als auch zugewucherte Waldwege, die im Meliorationsgraben enden, einen steilen Aufstieg, der nur mit Mühe noch zu schieben war. Gleich das erste Teilstück erweist sich als sehr schwierig: die Route verläuft parallel zur Autobahn auf sandigen Baustellenpisten mit Schlaglöchern und scharfkantigem Split. Ich bange um meinen Hinterreifen, der einige Jährchen und Touren auf dem Buckel hat. Aber es geht alles gut. Auf einer asphaltierten Strecke macht es plötzlich bei Kilometer 12 „Ping“. Ein metallisches Geräusch und Geklimper auf der Straße. Da sehe ich das Malheur: Die Handyhalterung hat schlapp gemacht und das ganze Ensemble hängt herunter, bleibt aber noch am Lenker. Ich finde die Schraube schnell wieder und behalte von da an die Befestigung besser im Blick. Bei dem Geruckel und Geschickere kann sich schon mal was lösen.

Nach Kilometer 58 ist das Wasser alle, d. h. ich war mit einem Liter bewusst nicht so üppig ausgestattet, um Gewicht zu sparen. An einem Gehöft frage ich. Eine junge Polin, um die zwei Kinder umherhummeln, lässt mich meine Flaschen füllen und gibt mir noch eine Flasche Mineralwasser mit Gas mit. Die Polin spricht Deutsch und meint auf Nachfrage, sie lebe in Düsseldorf und besuche gerade die Großeltern. Hier sei die Landschaft nicht so verbaut. – Das genieße ich auch. Als ich mich wieder auf das Rad schwinge merke ich, dass mein Po am Arsch ist. Das war zu erwarten. Nach ein paar hundert Metern sitzt sich alles wieder ein.

Bei Kilometer 76 ist eine längere Pause und Essen fällig. Nach einem Baguettebrötchen und zwei salzigen Chili-Würstchen geht es mir besser. Bei dem Wetter schwitzt man viel Salz aus, das natürlich ersetzt werden muss. Ich lege mich eine halbe Stunde auf eine Wiese und habe schließlich wieder neue Kräfte. Die sind auch nötig. Die hügelige Landschaft hält einige steile Wege bereit. Die Berge sind nicht hoch, aber an einem Waldweg ist ganz Schluss. Etwa 18 Kilo Rad und geschätzt 12 Kilo Gepäck zerren an mir. Dieser Weg ist auch für’s Schieben nicht geeignet. Nach ein paar Atempausen geht es weiter. Legnica (Legnitz) ist schließlich 19:20 Uhr erreicht. Die junge Frau am Empfang im Hotelik Parkowy ist weder des Deutschen noch des Englischen mächtig, aber dafür hat sie noch zwei Kollegen oder Freunde, die bei der Englisch-Übersetzung helfen.

Der Abendspaziergang in der Stadt herrscht eine entspannte Atmosphäre. Die Leute sitzen noch in schön eingerichteten Lokalen. Der Spätverkauf gegenüber vom Hotel hat noch Mineralwasser und Saft. Eine Kasse ist kaputt und meine Kehle trocken. Nach etwas Diskussion in Sachen Kassenreparatur geht es an der zweiten Kasse endlich weiter. 250 Milliliter kalter Himbersaft und 250 Milliliter kalter Pfirsichsaft  Nach schönem salzigen Bioleberwurstbrötchenhälften und reichlich Wasser. 

Heute geht es früh ins Bett. Morgen stehen 35 Kilometer mehr an. Da will ich früher aufbrechen. – Noch ein Detail aus dem Bad: Auch hier ist wieder nix mit Wasserflasche auffüllen. Der Platz unter dem Wasserhahn ist zu gering. Der Umweg über eine Plastikdose tut es dann aber auch.

Und wie ist das nochmal mit dem Muskelkater? Ich versuche es mit Dehnübungen. Die fühlen sich gut an und man bleibt beweglich. Mal schauen, was die Muskeln morgen sagen. Gute Nacht!

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Tag 1: Anreise nach Görlitz und warum das alles

Eine Radtour durch Polen: Anlass ist eine Geburtstagsparty im ostpolnischen Bialystok und eine Hochzeit. Anfahrt von Stuttgart: zwei Tage mit dem Auto. – Nö. Schließlich ist Sommer und meine letzte ernstzunehmende Radtour 18 Jahre her. Höchste Zeit, sich mal wieder auf die Piste zu begeben. Und es schwingt auch etwas Nostalgie nach alten Osteuropa-Radtouren mit, durch Tschechien, Slowakei, Ungarn und ein bisschen Rumänien in der Zeit des Eisernen Vorhangs. Die Gastfreundschaft, schöne Städtchen und herrliche Landschaften locken.

Radzubehör musste eingekauft werden: Radtaschen, etwas Werkzeug, Schläuche für alle Fälle. Kollege Jens hilft mit Tipps, auch mit einem System von konisch spitz zulaufenden Ton-Wasserspeichern für die Topfpflanzen zu Hause. Für die Navigation erweist sich die Empfehlung von Kollegin Juliane als sehr praktisch: Mit der Komoot-App lässt sich die Strecke navigieren. Flugs noch ein Handy gekauft, das alte war nix mehr. Für einen Test reicht die Zeit nicht mehr, ich muss auf der Tour direkt testen. Ein bisschen Risiko gehört zur Radtour auch dazu.

Eisenbahnbrücke über die Neiße in Görlitz mit Blick auf die polnische Seite.

Da ich diesen Termin mit der Hochzeit und der Geburtstagsparty habe, muss ich die erste Strecke nach Görlitz mit dem Nahverkehr bestreiten. Viele Radfahrer sind unterwegs, sodass die Radabteile immer sehr gut gefüllt sind. Warum hat die Bahn im Sommer nicht mehr Kapazitäten für die Radtourer? – Mit etwas Bastelei und hin- und herschieben beim Ein- und Aussteigen von den zusteigenden Reisenden, ich versperre regelmäßig Türen, geht es schließlich. Als Reiselektüre habe ich „Kulturschock Polen“ von Isabella Gawin und Dieter Schulze dabei. Ich vertiefe mich in die geschichtspolitisch bedeutsamen Wendepunkte für den polnischen Nationalstaat, besonders in die Schlacht bei Grunwald, die Rolle des Deutschen Ordens, Preußens und die dazugehörigen Befreiungsnarrative. Nach achteinhalb Stunden komme ich in Görlitz an, wo ich in ein paar Radminuten Entfernung vom Bahnhof in der Villa Ephraim unterkomme. Das ist eine ehemalige Jugendherberge, in der gerade eine Hochzeitsparty im Gange ist, aber genau richtig für meine Zwecke. Mit 44 Euro (davon sechs Euro Frühstück) komme ich bestens unter.

Die Görlitzer Obermühle, ein hervorragendes Restaurant an der Neiße.

Beim Gang zum Abendessen in der Obermühle bekomme ich einen schönen Blick auf die Eisenbahnbrücke über die Neiße. Polizei und Feuerwehr sind auch unterwegs, da jemand auf der Brücke steht, um sich womöglich in die Tiefe zu stürzen. Pufferküsser sind mit Fotoapparaten und Videokameras unterwegs, um eine Dampflockfahrt von polnischer Seite nach Görlitz zu filmen. Aber das dauert noch. Unterdessen kehre ich in der Obermühle bei einem erstaunlich gutem Bioschnitzel und in der Mühle gebrautem Bier ein. Morgen geht’s dann erst wirklich los.

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Changes in the American political system: Tea Party and political narrowcasting

I watched Fareed’s Take on CNN about the success of small interest groups in the United States – like the Tea Party. I recommend to watch this video on YouTube, because it’s very instructive and gives a good overview of the changes in the political system of the United States. But in „European“ ears Fareed Zakaria’s comments about the „European parties“ sounds a little bit funny. We have different political systems, of course. Great Britain is not Germany. In Germany it is for a party very difficult to dominate all levels of legislation. Even a big people party have to compromise to build a government coalition or to find support in the second chamber, the Bundesrat… After Adenauer it is for a single party no longer possible to rule all levels („durchregieren“). I think Zakaria oversimplified „European“ politics in the end of his take, even for the American audience. – Here is a summary:

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