Ruhetag in Leba

Der Verdacht hat sich bei Tageslicht bestätigt: Eine Speiche vom Hinterrad ist gebrochen. Einen Fahrradladen gibt es in Leba nicht. Rower Leba (Fahrrad Leba) ist der größte Verleih, repariert aber nichts. Ich beschloss deshalb, mit einer Speiche weniger weiterzufahren und bei der Streckenplanung mehr Detailarbeit zu leisten, d. h. möglichst nur asphaltierte Wege zu wählen.

Den Nachmittag und frühen Abend verbrachte ich am Meer. Nach einem längeren Spaziergang war ich etwas verschwitzt, holte meine Badehose vom 800 Meter entfernten Hotel und ging ins Wasser. Ich spielte mit den Wellen – oder die Wellen mit mir. Ziel war es nicht umzufallen. Mal schwamm ich mit den Wellenbergen mit, mal stellte ich mich den sich brechenden Wellen frontal entgegen, während die Dämmerung hereinbrach.

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Tag 15: Danzig-Leba

Die letzten Kilometer nach Leba: unwegsames Gelände, ungeeignet für Radfahrer.

Der Weg in das Seebad Leba war hart erkämpft. Dabei waren 112 Kilometer von den 127 sehr gut zu fahren. Bei Sonne und blauem Himmel fuhr ich über Sopot und Gdynia die Küste hoch bis ganz nach Norden. Ich hatte mich für den längeren und schöneren Weg am Meer entschieden. Ich kam an kleinen Bootshäften vorbei. Im Wasser schaukelten die Jollen, während mein Blick über die schwarze Ostsee schweifte. Der leichte Wind aus Nordost kam mir zu Hilfe, als ich bei Wladyslawowo nach Westen abbog. Auf einem herrlich asphaltierten Radfernweg surrte ich mit dem Wind im Rücken wie ein Aufziehmännchen durch die Landschaft. Ein gutes Stück des Wegs führte mich schließlich durch die Küstenwälder, in denen manchmal das Rauschen der Brandung zu hören war.

Radeln im Schatten der Dünen, die Brandung im Ohr.

Nach einer kurzen Trinkpause gegen halbacht in einem kleinen Ort mit Saison-Fastfoodrestaurants wähnte ich mich noch pünktlich im Hotel einzuchecken. Ich hatte 19-20 Uhr als Ankunftszeit angegeben. Ich wechselte die Sonnenbrille gegen die für ohne Sonne und trat in die Pedalen. Hinter einer Wegbiegung lag ein riesiger Berg Kalk. Ich dachte an Kalk, weil der Megahaufen so hell war. Bei näherem Hinsehen war es weißer, feiner Sand. Erste Ausläufer der berühmten Wanderdünen von Leba. – Im Schatten der Dünen arbeitete ich mich weiter in den Wald vor, Leba in greifbarer Nähe. Der Weg wurde immer wilder, schmaler, ich blieb immer wieder im Sand stecken. Dann lagen Bäume quer über dem Pfad. Ich musste das Rad immer wieder schieben und über Hindernisse tragen. Vor allem machten die vielen Baumwurzeln das Fahren zu einer holprigen Angelegenheit. Der Helm schützte mich vor Geäst von oben, das mir immer mal wieder entgegenpeitschte. Inzwischen war es dunkel geworden.

Blick auf die Ostsee bei Puck, nördlich von Gdynia.

Da klimperte es plötzlich am Hinterrad. Das klang verdächtig nach einem Speichenbruch. Es konnte auch ein Zweig sein, der sich verfangen hatte und das Rad zum Singen brachte. Ich hielt an, konnte aber bei dem restlichen Tageslicht nichts erkennen. Das rhythmische Klimpern, während ich fuhr, nahm ab und wieder zu. Dann stand ich plötzlich an einem See mit einem Steg. Der See war wegen des hohen Schilfes in seiner Größe nicht auszumachen. Ich schaute auf das Navi und kehrte um, bis ich nach 20 Metern den richtigen Pfad wieder fand. Die Tour über Stock und Stein ging weiter, mal durch Morast, dann über steile Huckel, um querliegende Bäume zu umfahren. Ich musste etwas in Schwung bleiben, damit das Licht, vom Nabendynamo gespeist, mir die jeweils nächsten Meter des Weges offenbarte. Als ich endlich die ersten Häuser von Leba erreichte, war ich erleichtert und das Klimpern in meinem Hinterrad war weg. Mit einer halben Stunde Verspätung erreichte ich mein Quartier.

Hafen von Gdynia.

Die Schüler habe ich heute nicht vor die Kamera bekommen. Als ich kapierte, dass heute der erste Schultag ist (eigentlich der 1. September, aber da war ja noch Wochenende), war es schon zu spät mit den Motiven. In Gdynia standen sie an Bushaltestellen oder stiegen gerade aus Bussen aus. Sie kamen sie offensichtlich gerade aus der Schule, denn es war Mittagszeit. Die Jungen steckten in Anzügen, dunkelblau oder schwarz, mit weißem Hemd. Die Mädchen trugen dunkelblaue oder schwarze Hosen oder Röcke und weiße Oberteile.

Bei mir ist morgen Ruhetag, Zeit zur Regeneration. Am Meer.

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Tag 14: Elbing-Marienburg-Danzig

Die Ostsee, endlich. Es ist ein herrliches Gefühl, wenn man nach so langer Reise, staubigen Wegen, weiten Landschaften und Großstädten am Ende einer schmalen Kopfsteinpflasterstraße dann plötzlich das Meer sieht. 

Der Tag begann in Elblag sonnig. Für die Tour nach Danzig hatte ich keine direkte Strecke gewählt, sondern einen Weg über Marienburg (Malborg), das Zentrum des Deutschen Ordens und Sitz des „Hochmeisters“. Die Landschaft war flach wie Flunder und die Wege gut asphaltiert, sodass ich mit einem Schnitt von gut 20 Kilometer pro Stunde in Marienburg ankam. So schnell war ich bisher noch nie. Die Sonne schien wieder kräftiger, bestes Fahrradwetter. 

In den Masuren sah ich, wie in den Dörfern die Leute in ihren Gärten Kartoffeln ernteten. Auch auf den Feldern wurden Kartoffeln eingeholt, große LKW-Ladungen auf dem Weg zur Kartoffelsortiermaschine. Im Straßenverkauf sah ich heute ein Angebot: 15 Kilo Kartoffeln für 15 Zloty (3,57 Euro). Cooler Preis. 

Die letzten Kilometer nach Danzig waren recht mühsam. Fies sind die Betonplattenwege mit den Querrillen. Da wird man ordentlich durchgeschüttelt. Ähnlich übel sind die hier verbreiteten sechseckigen Pflastersteine. Oder Nebenstraßen, die mit Schlaglöchern übersät sind und überall notdürftig ausgebessert sind. Man fährt dann Slalom. Was alles toppt: Kies-Sandpisten mit festem Untergrund und regelmäßigen Querrillen, wie sie Kettenfahrzeuge hinterlassen. Das ganze Rad vibriert irre und das Kribbeln in den Händen klingt lange nach. Der Weg nach Danzig führte durch Sumpfgebiete mit üppiger Vegetation. Nach den großen Betonplattenwegen folgten schmale Wege mit Betonsteinen, die regelmäßig angeordnete Löcher hatten, aus denen das Gras wuchs. Diese Dinger ließen sich noch ganz gut fahren, aber die Wege waren teilweise ganz ordentlich zugewachsen, Brennesseln ragten weit hinein, auch mal eine Weide. Ich kam dann an einer Stelle raus, an der es kein Ortseingangsschild gab. Dafür wurde ich mit alten, mit rotem Backstein gemauerten Befestigungsanlagen belohnt, die in der Abendsonne leuchteten.

Ich fuhr an der Altstadt mit ihren Kirchtürmen, den Hochhäusern, den Kränen im Hafen und dem Hauptbahnhof vorbei, um Viertelacht nach 102 Kilometer Tagesetappe mein Hotel am Ostseestrand zu erreichen. 

Im Waschsalon, nur drei Kilometer entfernt, ist mir ein Paar gleich behilflich, vermutlich die Besitzer. Schnell ist der richtige Waschgang und der richtige Trockner gefunden. Die Dame spricht Englisch. Dank gutem WLAN lädt mein Handy in einer rasanten Geschwindigkeit Fotos in meine Nextcloud hoch. 

Mein Zimmer liegt auf der Meerseite, dritte Etage. Die Brandung rauscht. Der Halbmond steht tief am Himmel, im Osten. Wunderbar. 

Marienburg wird, wie viele Städte in Polen, videoüberwacht. Wohl nur die City, denke ich.

Zu diesem Bier wird eine Legende erzählt, an einer Hauswand, passend zur Stadt.

Ein Mädchen probiert die Touri-Dusche gegen die Hitze an der Burganlage. Heiß ist es heute nicht, macht aber Spaß.

Am Ufer der Weichsel legte ich eine Mittagspause ein.

Was wollte der Künstler uns damit sagen?

Die haben nach der letzten Party im Dorf schlapp gemacht.

In Zaprasza hat jemand Humor.

Und hier ist die Zeit stehengeblieben. Für das Bild bin ich nochmal zurückgefahren. Schöner alter Mercedes aus Stuttgart.

In dem Sümpfen vor Danzig war meine Stimmung auf dem Nullpunkt angekommen.

Danzig.

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Tag 13: Heilsberg-Elbing

Pünktlich um 10 blies der Türmer – oder wer auch immer – und leitete damit den Einkaufssamstag in Heilsberg ein. Zumindest machten da die meisten Läden auf und ich griff bei der Unterwäsche zu. Bis zum Waschsalon sind es nämlich noch 200 Kilometer zu fahren. Der Schnupfen, den ich seit Bialystok hatte, verschwand heute ganz. Die Sonne zeigte sich wieder von der besten Seite. Ich habe rausgefunden, dass das Schnupfenrisiko ab unter 24 Grad stark ansteigt. Es gibt den Fahrtschnupfen, der verschwindet, wenn man wieder zum Stehen kommt. Dann gibt es den Verkühlungsschnupfen, je nach Windsituation schon ab 22 Grad, vor allem wenn es am Abend oder späten Nachmittag schnell abkühlt. – Wie gesagt, mit steigenden Temperaturen war heute wieder alles in Butter.

Bis 17 Kilometer vor Elbing (polnisch Elblag – sprich Elblongk) bin ich durchgefahren. Bei der vielen Landschaft brauchte es eine Weile, bis mir ein Rastplatz gefiel. Eine Bank reichte. Kurz vor sieben war ich am Hotel und mitten im Elbinger Brotfest. Tagesbilanz: 97 Kilometer.

Hier spielt nun eine Band, während viel Volk unterwegs ist, um an den Ständen Bier und Leckereien zu holen. Auf der anderen Seite des Flusses Elblag ist der Rummel noch voll zu Gange. Die Buden und Stände sind in mehreren Straßen aufgebaut. Es gibt die unterschiedlichsten Brotsorten, die feilgeboten werden. Und da ist es wieder, das gute alte Fettbrot, Schweineschmalz, gesalzen, belegt mit längsgeschnittenen Gurkenscheibchen. Das Fett ist etwas aus der Mode gekommen und hat auch keinen so guten Ruf mehr.

Es gibt beim Brotfest sicher genauso viele Wurststände wie Brotstände. Buden mit Süßigkeiten dürfen nicht fehlen, dann gibt es Bier aus allen Himmelsrichtungen, Kunstgewerbliches und auch Tand und Tinnef. Die Menschenmassen schieben sich an den Buden vorbei, während die Band den Takt vorgibt. – Ich kehre unterdessen noch bei der Chinafrau ein, die den notwendigen Teller gebratene Nudeln serviert, nicht ohne eine polnische Note, einem Häuflein Krautsalat mit einem Hauch Karottenraspel.

Noch ein Wort zum polnischen Fernsehen. Es gibt die üblichen Formate, Nachrichtensendungen, Unterhaltungssendungen, Wissensmagazine, Spielfilme und Seifenopern. Vieles ist importiert nach dem Schema „Polen sucht den Superstar“. Seichte Filme werden mit Seitengezupfe unterlegt, um die Komik zu unterstreichen, wie bei uns. Die Nachrichtensprecherinnen haben die übliche die Mimik und Gestik drauf. Es gibt gute eigene Produktionen zu historischen Themen. Woran ich mich aber nicht gewöhnen kann, sind die schlecht synchronisierten Spielfilme. Während Tony Curtis, Jack Lemmon und Marilyn Monroe die Handlung vorantreiben, spricht eine polnische Stimme alle Rollen. Der Originalton ist im Hintergrund noch zu hören. Das irgendwie umzuschalten auf Untertitel oder nur Originalton ist mir noch nicht gelungen.

Morgen Danzig.

Elbing am Abend.

Idyllischer Weg, ich vermute eine alte Bahntrasse.

Futtersilos, eine Lagerhalle und Säcke mit irgendwas, vielleicht Dünger.

Verlockende Beeren, sehen größer aus, als sie sind.

Ein Bauer versucht sich in Flurbereinigung.

Bibliothek am Wegesrand.

 

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Tag 12: Angerburg-Heilsberg

Am frühen Morgen hatte es geregnet. Doch als ich in Angerburg aufbrach, kam die Sonne durch. Der Tag blieb jedoch überwiegend wolkenverhangen. Ein paar Regentropfen am frühen Nachmittag nutzte ich für eine Mittagspause in einem Bushäuschen auf dem Weg nach Bartenstein (Bartoszyce). Der Gegenwind pustete mich ganz gut durch. Ich machte nicht alle Schlenker des Green Velo durch die Landschaft mit, sondern kürzte nach Bartenstein etwas ab. Schon um fünf war es dämmrig, bedingt durch die dunkle Wolkendecke. Die Autos machten ihre Lichter an. Die Pausen fielen heute wegen des Windes und der fehlenden Sonne kurz aus. Am Abend ließ der Wind nach. Pünktlich um sieben war ich in Heilsberg (Lidzbark Warminski), 102 Kilometer auf dem Tacho. Von meinem Zimmer im Hotelik Kopernik habe ich die mittelalterliche Innenstadtkulisse direkt vor der Nase, die Bischofsburg und die Kirche St. Peter und Paul.

Der Rezeptionist im Hotel spricht Deutsch. Ich habe schon seit Bialystok kein Deutsch mehr gesprochen. Er meinte auf meine Bemerkung hin, dass er gut Deutsch spricht, er wohne in Danzig, das sei ja eine internationale Stadt. Auch im Restaurant Starówka ist man auf internationale Gäste gut eingestellt. Es gibt eine englischsprachige Karte, die die Speisen und Getränke zugleich in deutscher Übersetzung präsentiert. 2016 war das Lokal im Gault Millau verzeichnet. Ich war froh, noch etwas warmes zu essen zu finden. In der Innenstadt waren nämlich die Bürgersteige bereits hochgeklappt, als ich mich kurz nach acht auf die Futtersuche machte.

Die Feriensaison geht in Polen zu Ende.

Der Tag begann in Angerburg…

…und endete in Heilsberg (Blick auf St. Peter und Paul).

Bartenstein

Auch in den Dörfern zwischen den Städten…

…ist Backsteingotik zu sehen.

Sumpflandschaft vor Heilsberg

Blick auf die Burganlage in Heilsberg – zu später Stunde bläst der Türmer von St. Peter und Paul zur guten Nacht (kein Witz)

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Tag 11: Żerdziny-Angerburg (Green Velo)

Tag der schönen Wege. Ich war zuerst skeptisch, dass 60 Kilometer auf unbefestigten Wegen verlaufen sollten. So jedenfalls die Planung, die sich aus dem Green-Velo-Verlauf ergibt. Ich habe deshalb vorsichtshalber ein Stück des Wegs nach Goldap über die Landstraße abgekürzt. Danach bin ich wieder dem Routenverlauf gefolgt und war positiv überrascht. Die Sand-Kies-Wege waren meist sehr gut und schnell zu fahren und führten kaum durch Orte. Auch Autos waren kaum anzutreffen, dafür aber einige polnische Radtourer. – Woher ich das weiß, dass es polnische waren? Zum einen an der Begrüßung „Dzien dobry – Tach auch“ – und an Fragen, die ich natürlich nicht verstand. Streckenweise kam mir der Weg wie eine alte Bahntrasse vor – mal führte er über einen Damm, dann waren bahnstationsähnliche Häuser am Wegesrand zu sehen – und immer rechts schnurstracks durch die Landschaft.

Im letzten Haus Polens vor der russisch-litauischen Grenze habe ich übernachtet.

Links ist Russland (Oblast Kaliningrad), rechts ist Litauen. An der Säule laufen die Grenzen zusammen, auf dem Sockel durch Linien markiert.

Bevor ich mich auf die Tour begab, suchte ich den Grenzstein am Dreiländereck auf. Die angrenzenden Regionen haben sich mit Unterstützung der EU zusammengetan und die Ecke touristisch erschlossen (Green Velo). Eine Säule mit breitem Sockel macht den Verlauf der Grenzen, die an dem Punkt zusammentreffen, deutlich. Die Grenzen sind mit Linien markiert, die man gedanklich dann in die Landschaft verlängern kann. Zäune machen deutlich, dass es um eine EU-Außengrenze geht. Es wird natürlich davor gewarnt, mal auf die russische Seite zu spazieren. Und an Überwachungskameras fehlt es auch nicht. Wie angenehm war es doch, dann mal kurz auf die litauische Seite zu fahren.

Auf dem Wege ein Viadukt.

Auf dem Weg nach Goldap machte ich bei einem „ABC“-Lebensmittelladen halt, um Proviant aufzunehmen, vor allem Wasser. Am Lädchen gab es hübsch hergerichtete Sitzmöglichkeiten, Tische und Bänke. An einem überdachten Tisch saßen ältere Herren beim Bier. Es war kurz nach zwölf. Alkohlkonsum ist in Polen in der Öffentlichkeit nicht erlaubt, wird aber offensichtlich locker gehandhabt.

Brücke in Goldap am Green Velo.

Das Zentrum von Goldap ist, wie Augustów und Suwalken, um einen rechteckig angelegten Park gestaltet. Die Häuser, die an den Park grenzen, beherbergen Läden, Restaurants oder Hotels. Abends war zum Beispiel in Augustów dann auch noch Leben auf der Straße, was in der dünn besiedelten Region sonst zu fortgeschrittener Stunde nicht der Fall ist, wenn selbst die Hunde schlafen. In Goldap machte ich um zwei Uhr Mittagspause, vertilgte auf einer Bank im zentralen Park des Städtchens meine restliche Pizza, trocknete meine Handwäsche, die nach der Nacht noch feucht war (Radlerhose, Radlershirt, gelbneonleuchtende Socken) und machte ein Nickerchen.

Durch stille Landschaften, meist Weideland und Wälder, erreichte ich nach 96 Kilometern um halbsieben planmäßig Angerburg (Węgorzewo). Jetzt bin ich an der Masurischen Seenplatte angekommen. Morgen früh soll es regnen. Die Wettervorhersagen der vergangenen Tage waren für die Region unterschiedlich. Donnerstag und Freitag sollten Regentage werden, dann nur Freitag, jetzt soll der Regen auf den Freitagmorgen begrenzt bleiben. Bisher hatte ich mit dem Wetter Glück. So, wie es aussieht, kann ich morgen planmäßig weiter nach Gorowo Ilawiecki.

Angerburg

Niecierpek gruczołowaty (Drüsiges Springkraut), hat Ariane herausgefunden.

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Tag 10: Augustów-Żerdziny (Dreiländereck, Green Velo)

Im Dunkeln im Wald an der russischen Grenze umherzukurven, das war schon etwas beklemmend. Der Reiseführer macht Mut, dass auch ein versehentlicher Grenzübertritt zu mehrjährigen Haftstrafen führen kann. Dank Navi und Green-Velo-Schildern war ich mir zwar zu keiner Zeit unsicher, aber das mulmige Gefühl hing wohl mit der beginnenden Nacht und den alten Bildern von Ostgrenze zusammen. Doch der Tag von vorne.

Marina von Augustów

Bei der Streckenplanung galt es zu entscheiden, den direkten Weg über Suwalken (Suwalki) nach Norden zu nehmen oder den Green Velo mit einem Umweg durch die Naturparks im Osten. Ich entschied mich, die Wildnis aufzusuchen und meldete meinem Quartiergeber, dass es bei den 131 Kilometern 20 Uhr werden könne.

Bei heiterem Himmel passierte ich die Marina von Augustów und fuhr eine ganze Weile an den Seen entlang Richtung Osten durch dichte Wälder, die von Kiefern dominiert wurden. Bis auf ein paar wenige Beerensammler waren kaum Menschen anzutreffen. Die sandige Schotterpiste fuhr sich zunächst gut, später nur mäßig gut, sodass ich langsamer wurde. An einigen Stellen blühe das Heidekraut. Unterwegs fand ich noch eine Karte von der Region Suwalken, die ich gerne einsteckte. Die Sonne schaffte es nur wenig über 20 Grad.

Sandpisten führten durch dichte Wälder

Da ich unterwegs viel fotografierte, musste ich mein Handy-Akku schon vor Suwalken an die Powerbank anschließen. Da es kräftemäßig ganz gut voranging beschloss ich, die Mittagspause ausfallen zu lassen und erst in Suwalken zu rasten. So fuhr ich dann gut 80 Kilometer durch und hielt in dem Städtchen gegen 17 Uhr an einer Pizzaria. Ich suchte mir eine Ecke mit Steckdose, um das Handy aufzuladen und bestellte eine „populäre“ Pizza. Zwei Drittel davon hatte ich geschafft, den Rest ließ ich mir einpacken. Den Rest der Strecke fuhr ich also mit Pizzaschachtel auf dem Gepäckträger.

Die Landschaft veränderte sich nördlich von Suwalken recht schnell. Eine schöne sehr hügelige Weidelandschaft tat sich auf. Ich hatte einige Höhenmeter zu bewältigen, zum Schluss musste ich sogar noch aus dem Sattel und die Pizza im Magen quälte mich etwas. Dafür wurde ich von einem märchenhaft schönen Ausblick belohnt. In den Tälern begannen sich Nebelbänke zu bilden. Bläulich schimmerte der Tau auf den sattgrünen Wiesen. Am Horizont war ein Radom zur Überwachung des Funkverkehrs zu sehen. Vielleicht war es aber auch nur ein Futtersilo. Das mit dem Radom gefällt mir aber besser.

Feld auf dem Weg nach Suwalken: Was wird hier nur angebaut?

Je dunkler es wurde, desto unwirklicher erschien mir die Landschaft. Ich zog ein langärmliges Shirt über, wechselte die Sonnenbrille gegen die normale aus und fuhr in die Dunkelheit. An einigen Stellen haben die Bauern größere Findlinge und kleinere Brocken von den Weiden und Feldern gesammelt und aufgetürmt oder Steinnester gebildet. In Schutzgebieten liegt alles noch so herum wie nach der Eiszeit. Die Wiesen mit großen Steinen übersät, teilweise überwachsen, sodass sie in dieser huckeligen-buckeligen Welt auch noch alles im Kleinformat nachbilden, was im Großen die Landschaft ausmacht.

Die Hunde waren heute freundlich zu mir. Ein schwarzer Dorfmischling begrüßte mich zu später Stunde erst bellend, wedelte dann mit dem Schwanz und scharwänzelte um mein Rad herum, während sein Kumpel auf Abstand blieb. In der Dunkelheit hatten die wenigsten Hunde allerdings noch Lust großartig zu bellen. Ich fuhr durch Sumpfgebiete. Da kreischten ein paar Vögel und ich hatte das Gefühl, dass sie mir folgten. Dann huschte mal eine Katze über den Weg, links und rechts in den Wäldern seltsame Geräusche. Oder doch nur mein Rad und das Knarren meiner Pizzaschachtel? Ich hörte auf, die Pedalen zu treten und lauschte. Richtig, nur die Pizzaschachtel. In einem Dorf flogen Fledermäuse an mir vorbei. Ich hörte die Flügelschläge und nahm die Schatten war. Da bemerkte ich zwei rote Lichtsignale, wahrscheinlich von einer Bahnlinie. Nach ein paar wenigen Kilometern kam ich in meinem Quartier in Zerdziny an, wo mich die Gastgeberin gleich begrüßte. Sie kam über die Terrasse und hatte mein Licht gesehen. Es ist das letzte Haus vor der Grenze, direkt am Dreiländereck. Bei Tageslicht muss man rüberschauen können.

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Tag 9: Tykocin-Augustów

Die Große Synagoge in Tykocin

Die Große Synagoge von Tykocin wird unter Polizeischutz renoviert. Als ich vorbeifahre kommen mir Jugendliche entgegen, die in großen Bussen angereist waren. Das Städtchen hatte zeitweise eine überwiegend jüdische Bevölkerung. Nach dem Einmarsch der Deutschen 1941 wurden 1.400 Juden ermordet, weiß Wikipedia. In Augustów, dem Tagesziel, hatten die Sowjets 1945 einige hundert vermeindliche oder tatsächliche Antikommunisten umgebracht, was als die Razzia von Augustów in die Geschichte eingegangen ist.

Vor Elchen wird gewarnt.

Bei sonnigem Wetter erreichte ich den Nationalpark Biebrza. Beeindruckend viele Schilder waren im Park vor Elchen. Zum Glück wollte mich keiner knutschen, aber wie verhält man sich, wenn tatsächlich einer aus dem Wald kommt? – Wahrscheinlich einfach abwarten. Das Schild mit dem Wolf und dem Bär war nur am Anfang mal zu sehen. Im Grunde genommen ist der Park aber durch seine Vielfalt an Vogelarten bekannt. Hinweisschilder mit Fernglas-Symbol weisen den Ornithologen den Weg zu den vielversprechenden Aussichtspunkten. Der Weg durch den Park war streckenweise einsam, kein Verkehr, keine anderen Touris unterwegs. Tiefer Wald links und rechts des schnellen Asphaltweges, dann ab und zu Moorflächen mit Stegen zur Beobachtung der Federtiere.

An der Netta bei Augustów: Der Regen hat die Landschaft eingetrübt.

Dank des gut ausgebauten Green Velo komme ich mit einer für meine Verhältnisse hohen Durchschnittsgeschwindigkeit von 19,5 Kilometer pro Stunde in Goniadz an. Da ich hoffte, noch an einem Restaurant vorbeizukommen, um eine Mittagspause zu machen, ließ ich den Ort schnell hinter mir. Danach kam – nichts. Bei einem „Lewiathan“ mit Bank machte ich dann nach 74 Kilometern erst Pause. Das hätte sich Thomas Hobbes auch nicht träumen lassen, dass mal eine polnische Lebensmittelladenkette den Namen seines Werkes „Der Leviathan“ trägt. Da gibt es jedenfalls alles notwendige.

Langärmlige Mittagspause am „Lewiathan“: 23 Grad kommen mir nach der Hitzewelle recht kühl vor.

Wehr bei Augustów: Der nach dem Ort benannte Kanal sollte eine Alternative zu den preußischen Zöllen eröffnen.

Der Weg nach Augustów führt durch den sogenannten Nadelwald von Augustów, also wieder viel Grün und Einsamkeit auf der Strecke. Ich bin heute jedoch einigen Radwanderern begegnet: einem Pärchen, wenig bepackt, dann einen gut ausgerüsteten Trekki, der Zelt und Isomatte dabei hatte und auch vorne beladen war, und schließlich noch einen weiteren Fernradler, ebenfalls mit guter Ausrüstung. Auf meinen bisherigen Wegen bin ich praktisch keinen Fernradtourern begegnet. Die Region wird offensichtlich wegen der Naturparks aufgesucht, aber von einem Massentourismus kann man hier nicht sprechen. – Ich genieße die Einsamkeit und den geringen Autoverkehr.

Vor Augustów kürzte ich den Green Velo ab und nahm die Bundesstraße, auf der Kaunas und Vilnius schon ausgeschildert sind. Es hatte vor mir geregnet und es war merklich kühler geworden. Die Straßen waren noch nass. Ich sparte mir deshalb den Weg um die Seen und fuhr direkt ins Zentrum des Städchens, wo mich das Hotel Perla aufnahm. Und Toni Peperoni (das Lokal heißt wirklich so) hatte noch Spaghetti für mich.

Die 113 Kilometer heute waren dank der geschmeidigen Wege eine leichte Tour. Manchmal schaue ich schon noch hinter mich, wenn ich Dörfer verlasse, ob noch irgendwelche Köter hinter mir her sind. Nicht nur Hunde laufen teilweise frei herum, was ja auf dem Lande keine Überraschung ist, aber da gibt es auch mal eine Kuh, die in einem Seitenweg ihr Futter findet, fernab von jeder Weide oder Stall. Die Gegend ist, trotz des Nationalparks, dem Geruch nach von intensiver Viehhaltung geprägt. Und auf die Felder wird gerade frischer Dung ausgebracht. – Kurzum: alles sehr idyllisch.

Hotel Perla

 

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Tag 8: Bialystok-Tykocin

Do widzenia Bialystok!

Vor mir liegt der äußerste Nordostzipfel Polens, die Region (Wojewodschaft) heißt Podlachien. Ursprüngliche Wälder und eine Seenlandschaft in einem dünn besiedelten Gebiet erwarten mich.

Die Feierlichkeiten in Pomigace bei Bialystok auf einer Art Event-Ranch waren zugleich sportlich gesehen die notwendigen Ruhetage, um mit frischen Kräften in die zweite Phase der Radtour einzusteigen. Praktischerweise habe ich auf diesem Wege auch zwei Regentage hinter mir gelassen. Der Himmel klarte auf und bei 21 Grad schien die Sonne wieder. Am Mittag holte ich mein Rad im Hotel Royal in Bialystok ab, wo die gleiche Rezeptionisten Dienst tat wie am Samstag. Ich buchte noch den Versand meines Koffers, schickte die notwendigen Unterlagen zum Ausdrucken an die Rezeption, beklebte das Reiseutensil mit dem Versandzettel und gab der Hotelmitarbeiterin die letzten Hinweise und natürlich ein Trinkgeld. Die Spezialbehandlung war wirklich hilfreich für mich. Der Koffer brachte nicht nur meinen Anzug und Schickimickischuhe wieder auf den Heimweg, sondern auch Dreckwäsche, sodass ich mir das Waschen in Bialystok sparen konnte.

Beschilderung des Green Velo

Ich hatte für diesen Tag nur eine Tour bis zum alten Städtchen Tykocin geplant. Zum einen wegen der Abreiselogistik in Bialystok, zum anderen, weil ich mich noch verproviantieren musste und langärmlige Funktionskleidung für die jetzt kühler werdenden Tage und vor allem Abende besorgen wollte. – Im Fachgeschäft meiner Wahl fanden auch noch eine Zweithose, Fahrradhandschuhe, Funktionsunterwäsche, ein kurzes Shirt und eine CO2-Kapsel für das schnelle Aufpumpen des Ersatzschlauchs, im Fall der Fälle, in meinen Einkaufswagen. Der Reifen meines Hinterrads ist unübersehbar porös, aber nach meiner Theorie hält er die Tour noch durch.

Tykocin mit weiter Landschaft

Als ich dann noch die Lebensmittel besorgt hatte, war es bereits halbdrei. Kurz nach fünf und 40 Kilometern Fahrt war ich schon in Tykocin, die erste Etappe auf dem Green Velo. Dieser neue EU-geförderte Radweg beschert mir zwar auf dem Weg nach Danzig etliche Zusatzkilometer, aber ich will eine der wildesten Regionen Polens kennenlernen und nehme den Umweg gerne in Kauf. Dafür habe ich mir von der Green-Velo-Website die notwendigen Strecken zusammengestellt, im gpx-Format heruntergeladen und in meiner Navi-App Komoot geladen. Die Strecke morgen führt durch den Nationalpark Biebrza, ein Torfgebiet mit besonderer Vogelwelt.

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Tag 7: Wyszków-Czyzew-Bialystok

Heute habe ich eigentlich keine Lust mehr, noch etwas aufzuschreiben. Das schwülwarme Gewitterwetter schlägt offensichtlich auf die Kondition. Vielleicht ist jetzt einfach auch eine Regenerationspause dran.

Der Tag begann zu spät. Ich hatte zwar eine super Pension, aber kein Frühstück bestellt. Bis ich dann beim Discounter verproviantiert und gefrühstückt war, war es schon zwanzig vor zwölf. Für die Streckenplanung war klar, dass ich für den frühen Abend eine Bahnstation ansteuern muss, um noch nach Bialystok zu kommen. Außerdem sind ja Gewitter angesagt. Die Wahl fiel auf Czyzew. Danach würde sich die Route wieder von der Bahntrasse entfernen und ich ginge das Risiko ein, im Wald vom Gewitter überrascht zu werden, ohne Öffis in der Nähe. Die Entscheidung war gut, denn ein kräftezehrender Sandweg in den Auenwäldern des Bug kostete Zeit. Für Alternativen hätte ich mehr Zeit in die Planung stecken müssen. Vor Ort erwies sich alles andere als ein großer Umweg, sodass ich in Kauf nahm streckenweise zu schieben.

Im tiefen Sand blockieren die Räder – schieben ist angesagt. Sand fressen Kraft auf.

Die 70 Kilometer bis nach Czyzew bin ich dann praktisch durchgefahren und kehrte gleich hungrig beim lokalen polnischen Kebab ein: Riesendöner für 13 Zloty und eine kleine Cola für 3 Euro, macht zusammen umgerechnet 3,81 Euro. Im Lokal war dann auch das Laden des Handys dran, denn ich hatte in Wyszków vergessen, die Powerbank über Nacht mit Strom zu versorgen. – Für eine 140-Kilometer-Tour ist eine bessere Planung und ein früher Aufbruch nötig. Den notwendigen Elan hatte ich am Ende der strapaziösen Woche wohl nicht mehr und ich wurde etwas nachlässig.

Gewitterwolken auf dem Weg zur Bahnstation in Czyzew – drückende Hitze

Drückende Hitze, 31 Grad, dunkle Wolken, Gewitterluft: Kaum war ich nach meiner Döner-Pause an der Bahnstation angekommen, fuhr um 17:42 Uhr auch schon der Intercity nach Bialystok. Die modernen Wagen haben eine Ecke zum Aufhängen der Räder. Ein Rad hing schon in der Verankerung. Die Besitzerin hatte die gleichen gelben Radtaschen wie ich. Ich machte ihr klar, dass sie wegen mir nicht umbauen muss. So steckte ein Ende meines Rades im Radabteil, das hintere Ende steckte Richtung Ausstieg, fühlte sich aber alles stabil an. Endlich erreichte ich kurz nach halbsieben das erste Ziel meiner Reise. Im Hotel Royal stand mein Koffer mit den Partyklamotten bereit. Das Rad durfte ich freundlicherweise an der Rezeption unterbringen. Da sah ich auch schon bekannte Gesichter. Nach kurzer Begrüßung durch den Jubilar (Geburtstag hat er erst am Sonntag), der mir auch die anderen vorstellte, das Brautpaar etc., machte ich noch einen Rundgang in der Stadt, wo mich dann ein leichter Gewitterregen doch noch erwischte.

Die City von Bialystok hat ein lebendiges Nachtleben mit schön eingerichteten Kneipen und Restaurants.

Zwei Tage Pause, bevor es in Richtung Green Velo und die Masuren geht.

Bisherige Bilanz: 626 Radkilometer.

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