Tag 6: Grodzisk Mazowiecki-Warschau-Wyszków

Warschau überrascht mit vielen Radwegen, sogar vielen sehr guten Radwegen, sodass ich den Nahverkehr für meine Tagesetappe nicht bemühen musste. Großstadt macht die Tour langsamer, aber deshalb habe ich für heute auch kein Riesending geplant. Am Ende waren es 98 Kilometer bis in das Städtchen Wyszków.

Die langsame Annäherung an eine Stadt hat etwas: man hat Zeit für Details, Zeit zum Schauen. Man sieht, wie im Falle von Warschau, die Skyline aus unterschiedlichen Winkeln, dann verschwindet sie, um schließlich größer und größer zu werden. Die Restaurant-Dichte nimmt zu und die Zahl der Menschen, die schick gekleidet sind. In der Mittagspause sitzen viele beim Bier, während die Apotheken 32 Grad im Schatten anzeigen. Schließlich steht man unter einem Tower. Ich hatte mir die EU-Behörde FRONTEX als einen Zielpunkt in Warschau ausgesucht. Was die Beamten hier hinter den Glasfassaden wohl alles machen?

Die wiederaufgebaute Altstadt erlebt den Tourismus, wie in anderen Altstädten auch. Da hörte ich seit Tagen auch mal wieder Deutsch. Ich bin mit dem Rad etwas umhergekurvt, um dann gemütlich über die sehr breite Weichsel durch den Stadtteil Praga von Ampel zu Ampel und Zebrastreifen zu Zebrastreifen zu schleichen.

„Do you speak English?“ – Irgendwas mit „Nie“, den Rest habe ich natürlich nicht verstanden. Wie weiter? Das einzige, das ich auf der Karte kenne, sind Pirogi. „Pirogi? Russki Pirogi“, oder so ähnlich fragte die Dame am Schalter. Ich nickte. Ich bin auch mit der russischen Art der Pirogen einverstanden. Ich erhoffte mir Kohlehydrate und die Teile wurden nach kurzer Wartezeit am Platz serviert. Ich war in einem Bistro eingekehrt, am Ende eines großen Friedhofgeländes. Draußen saß eine Gruppe und belegte alle Plätze. Mir war der Gastraum nicht nur wegen der Klimatisierung willkommen, sondern auch, um das Handy aufzuladen. Ab und zu kamen Leute in schwarzen Klamotten rein, holten sich etwas zu trinken und gingen auf’s Klo. – Die Russki Pirogi mundeten. Sie enthielten eine Füllung aus Frischkäse oder ähnlichem. Eine Verwandtschaft zu den schwäbischen Maultaschen ist unverkennbar. Das Ganze wurde mit gebratenem Schinkenspeck und rohem Kraut- und Rotkohlsalat serviert.

Als Radfahrer freut man sich ja immer über einen Teller Spaghetti oder Nudeln in jeglicher Form. Ich bin jedoch noch keinem italienischen Restaurant begegnet. Pizza wird immer mal angeboten, auch Döner Kebab, aber im Grunde genommen wird die Szene von der polnischen Küche dominiert. Die kenne ich noch zu wenig, um die Kohlehydratspezialgerichte bestellen zu können. Und mit dem Bestellen hat es sowieso seine Tücken, da ich es ja nicht geschafft habe, noch etwas Polnisch zu lernen. – In den Städten gibt es auch asiatische Restaurants, die tatsächlich von „Asiaten“ (Vietnamesen, Chinesen?) geführt werden.

Die Weichsel in Warschau. Rechts erhebt sich die Altstadt.

Die beste Zeit zum Radfahren ist die Zeit zwischen 17 und 20 Uhr. Da gibt die tiefstehende Sonne ein herrliches Licht auf die Landschaft. Und ich habe sie bei meinem Weg in den Osten zu dieser Zeit im Rücken. Nach der Großstadtagglomeration von Warschau tut sich die weite Landschaft von Masowien und demnächst von Podlachien auf. Die Zahl der Felder nimmt ab. Es gibt Moore und kleine Seen. Die Mischwälder werden von Kiefern verdrängt. Die Gerüche verändern sich: da ist das würzige Kiefernharz und frischer Binsen. Und Pilze.

Wenn sich zwei Autos begegnen, teilt sich die 40.

Morgen soll es Gewitterregen geben. In Bialystok erst am Abend. Vielleicht kann ich der Front noch etwas davonfahren.

Romantisch: Das, was wie Nebel aussieht, sind Staubschwaden, die ein Quadfahrer aufgewirbelt hat. Als ich fotografierte merkte ich, dass zwei Dorfhunde immer noch hinter mir her waren. O Schreck! Jetzt schnell weg…

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