Tag 3: Legnitz-Breslau-Kobyla Gora

Nach 141 Kilometern erreiche ich planmäßig das Pensjonat Maciejanka in Kobyla Gora. Das liegt etwa auf halber Strecke zwischen Legnitz und Lodsch in Großpolen und entpuppt sich mit den Seen und Wäldern als Urlaubsregion. Das war mir vorher gar nicht so klar.

An der Oder

Die Mittagspause in Breslau habe ich mit bei stechender Sonne und über 31, 32 Grad im Schatten hart erarbeitet. Die Supermärkte liegen natürlich immer auf der falschen Straßenseite und so bin ich nach gefühlt endlosen Gewerbegebieten (Bosch, BASF, Fresenius, Opel, BMW, VW, DHL, UPS…), Vorstadtsiedlungen, dem Stadion, zahllosen Brücken und Ampeln zur besten Mittagszeit in der Breslauer Altstadt. Da muss erst einmal ein klimatisierter Tante-Emma-Laden für Mineralwasser herhalten. In einem Thairestaurant futtere ich Nudeln und lege mich etwas ans Oderufer. Natürlich nicht, ohne vorher den Markplatz zu bestaunen und Fotos zu machen.

Altstadt von Breslau in der Mittagshitze

Bei dem Streckenprofil war mir klar, dass das dicke Ende bei den letzten 20 Prozent kommt. Und so war es auch. Auch mit Kraft war in tiefausgefahrenen Sandwegen im Wald nichts mehr zu machen. Mühsames Schieben durch tiefen Sand in der Dämmerung im Wald. Der Weg besserte sich zusehends, forderte aber viel Konzentration um nicht im Sand ins Schlingern zu geraten und zu stürzen. Bei den letzten Streckenabschnitten, die über neue Landstraßen führen, schalte ich das Licht an. Da kommen mir im Dunkeln drei Gestalten entgegen, Kapuzenträger oder… nein, es sind Dämmerungsbadegäste, die ihre Badetücher über Kopf und Schulter tragen. Ein lustiges Bild. Ich nähere mich wieder der Zivilisation. Badeseen mit Leuten an beleuchteten Anlegestellen und ein Supermarkt, der noch auf hat und Pensionen zeugen von einer Urlaubsgegend. Zwanzig vor neun bin ich schließlich in der Pension, wo ich freundlich auf Englisch bedient werde. Mein Fahrrad findet in der abgeschlossenen Garage Platz. Der Speisesaal ist festlich und mit allerlei weißem Tuch, Gemälden, Kronleuchtern und alten Stühlen an langen Tischen geschmückt. Im Foyer gibt es gemütliche Sofas und einen Kamin für kältere Tage.

Auf dem Weg nach Kobyla Gora: Warschau kommt in Sicht.

Nichts wie raus aus den verschwitzten Klamotten und unter die Dusche. Auch abends hat es kaum abgekühlt. Dank WLAN noch schnell Reisetagebuch geschrieben, in dem Präsenz und Präteritum sich die Hand reichen. Naja, korrigiert werden muss immer.

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Tag 2: Görlitz-Legnitz

Statistik: 
106 km gefahren
15,8 km/h
5,5 Liter Wasser und 0,5 Liter Saft getrunken (es ist heiß)

Wo ist der Weg nochmal?

Bei bestem Sommerwetter breche ich in Görlitz auf. Der erste Geldautomat auf polnischer Seite ist kaputt, in einem Städtchen unterwegs klappt die Bargeldversorgung aber bestens. Auf mich wartet eine Stecke der Extreme: Es gibt über weite Strecken sowohl ganz geschmeidige Radwege der Güteklasse 1, als auch zugewucherte Waldwege, die im Meliorationsgraben enden, einen steilen Aufstieg, der nur mit Mühe noch zu schieben war. Gleich das erste Teilstück erweist sich als sehr schwierig: die Route verläuft parallel zur Autobahn auf sandigen Baustellenpisten mit Schlaglöchern und scharfkantigem Split. Ich bange um meinen Hinterreifen, der einige Jährchen und Touren auf dem Buckel hat. Aber es geht alles gut. Auf einer asphaltierten Strecke macht es plötzlich bei Kilometer 12 „Ping“. Ein metallisches Geräusch und Geklimper auf der Straße. Da sehe ich das Malheur: Die Handyhalterung hat schlapp gemacht und das ganze Ensemble hängt herunter, bleibt aber noch am Lenker. Ich finde die Schraube schnell wieder und behalte von da an die Befestigung besser im Blick. Bei dem Geruckel und Geschickere kann sich schon mal was lösen.

Nach Kilometer 58 ist das Wasser alle, d. h. ich war mit einem Liter bewusst nicht so üppig ausgestattet, um Gewicht zu sparen. An einem Gehöft frage ich. Eine junge Polin, um die zwei Kinder umherhummeln, lässt mich meine Flaschen füllen und gibt mir noch eine Flasche Mineralwasser mit Gas mit. Die Polin spricht Deutsch und meint auf Nachfrage, sie lebe in Düsseldorf und besuche gerade die Großeltern. Hier sei die Landschaft nicht so verbaut. – Das genieße ich auch. Als ich mich wieder auf das Rad schwinge merke ich, dass mein Po am Arsch ist. Das war zu erwarten. Nach ein paar hundert Metern sitzt sich alles wieder ein.

Bei Kilometer 76 ist eine längere Pause und Essen fällig. Nach einem Baguettebrötchen und zwei salzigen Chili-Würstchen geht es mir besser. Bei dem Wetter schwitzt man viel Salz aus, das natürlich ersetzt werden muss. Ich lege mich eine halbe Stunde auf eine Wiese und habe schließlich wieder neue Kräfte. Die sind auch nötig. Die hügelige Landschaft hält einige steile Wege bereit. Die Berge sind nicht hoch, aber an einem Waldweg ist ganz Schluss. Etwa 18 Kilo Rad und geschätzt 12 Kilo Gepäck zerren an mir. Dieser Weg ist auch für’s Schieben nicht geeignet. Nach ein paar Atempausen geht es weiter. Legnica (Legnitz) ist schließlich 19:20 Uhr erreicht. Die junge Frau am Empfang im Hotelik Parkowy ist weder des Deutschen noch des Englischen mächtig, aber dafür hat sie noch zwei Kollegen oder Freunde, die bei der Englisch-Übersetzung helfen.

Der Abendspaziergang in der Stadt herrscht eine entspannte Atmosphäre. Die Leute sitzen noch in schön eingerichteten Lokalen. Der Spätverkauf gegenüber vom Hotel hat noch Mineralwasser und Saft. Eine Kasse ist kaputt und meine Kehle trocken. Nach etwas Diskussion in Sachen Kassenreparatur geht es an der zweiten Kasse endlich weiter. 250 Milliliter kalter Himbersaft und 250 Milliliter kalter Pfirsichsaft  Nach schönem salzigen Bioleberwurstbrötchenhälften und reichlich Wasser. 

Heute geht es früh ins Bett. Morgen stehen 35 Kilometer mehr an. Da will ich früher aufbrechen. – Noch ein Detail aus dem Bad: Auch hier ist wieder nix mit Wasserflasche auffüllen. Der Platz unter dem Wasserhahn ist zu gering. Der Umweg über eine Plastikdose tut es dann aber auch.

Und wie ist das nochmal mit dem Muskelkater? Ich versuche es mit Dehnübungen. Die fühlen sich gut an und man bleibt beweglich. Mal schauen, was die Muskeln morgen sagen. Gute Nacht!

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Tag 1: Anreise nach Görlitz und warum das alles

Eine Radtour durch Polen: Anlass ist eine Geburtstagsparty im ostpolnischen Bialystok und eine Hochzeit. Anfahrt von Stuttgart: zwei Tage mit dem Auto. – Nö. Schließlich ist Sommer und meine letzte ernstzunehmende Radtour 18 Jahre her. Höchste Zeit, sich mal wieder auf die Piste zu begeben. Und es schwingt auch etwas Nostalgie nach alten Osteuropa-Radtouren mit, durch Tschechien, Slowakei, Ungarn und ein bisschen Rumänien in der Zeit des Eisernen Vorhangs. Die Gastfreundschaft, schöne Städtchen und herrliche Landschaften locken.

Radzubehör musste eingekauft werden: Radtaschen, etwas Werkzeug, Schläuche für alle Fälle. Kollege Jens hilft mit Tipps, auch mit einem System von konisch spitz zulaufenden Ton-Wasserspeichern für die Topfpflanzen zu Hause. Für die Navigation erweist sich die Empfehlung von Kollegin Juliane als sehr praktisch: Mit der Komoot-App lässt sich die Strecke navigieren. Flugs noch ein Handy gekauft, das alte war nix mehr. Für einen Test reicht die Zeit nicht mehr, ich muss auf der Tour direkt testen. Ein bisschen Risiko gehört zur Radtour auch dazu.

Eisenbahnbrücke über die Neiße in Görlitz mit Blick auf die polnische Seite.

Da ich diesen Termin mit der Hochzeit und der Geburtstagsparty habe, muss ich die erste Strecke nach Görlitz mit dem Nahverkehr bestreiten. Viele Radfahrer sind unterwegs, sodass die Radabteile immer sehr gut gefüllt sind. Warum hat die Bahn im Sommer nicht mehr Kapazitäten für die Radtourer? – Mit etwas Bastelei und hin- und herschieben beim Ein- und Aussteigen von den zusteigenden Reisenden, ich versperre regelmäßig Türen, geht es schließlich. Als Reiselektüre habe ich „Kulturschock Polen“ von Isabella Gawin und Dieter Schulze dabei. Ich vertiefe mich in die geschichtspolitisch bedeutsamen Wendepunkte für den polnischen Nationalstaat, besonders in die Schlacht bei Grunwald, die Rolle des Deutschen Ordens, Preußens und die dazugehörigen Befreiungsnarrative. Nach achteinhalb Stunden komme ich in Görlitz an, wo ich in ein paar Radminuten Entfernung vom Bahnhof in der Villa Ephraim unterkomme. Das ist eine ehemalige Jugendherberge, in der gerade eine Hochzeitsparty im Gange ist, aber genau richtig für meine Zwecke. Mit 44 Euro (davon sechs Euro Frühstück) komme ich bestens unter.

Die Görlitzer Obermühle, ein hervorragendes Restaurant an der Neiße.

Beim Gang zum Abendessen in der Obermühle bekomme ich einen schönen Blick auf die Eisenbahnbrücke über die Neiße. Polizei und Feuerwehr sind auch unterwegs, da jemand auf der Brücke steht, um sich womöglich in die Tiefe zu stürzen. Pufferküsser sind mit Fotoapparaten und Videokameras unterwegs, um eine Dampflockfahrt von polnischer Seite nach Görlitz zu filmen. Aber das dauert noch. Unterdessen kehre ich in der Obermühle bei einem erstaunlich gutem Bioschnitzel und in der Mühle gebrautem Bier ein. Morgen geht’s dann erst wirklich los.

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Changes in the American political system: Tea Party and political narrowcasting

I watched Fareed’s Take on CNN about the success of small interest groups in the United States – like the Tea Party. I recommend to watch this video on YouTube, because it’s very instructive and gives a good overview of the changes in the political system of the United States. But in „European“ ears Fareed Zakaria’s comments about the „European parties“ sounds a little bit funny. We have different political systems, of course. Great Britain is not Germany. In Germany it is for a party very difficult to dominate all levels of legislation. Even a big people party have to compromise to build a government coalition or to find support in the second chamber, the Bundesrat… After Adenauer it is for a single party no longer possible to rule all levels („durchregieren“). I think Zakaria oversimplified „European“ politics in the end of his take, even for the American audience. – Here is a summary:

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Dilthey‘s distinction between Natural Sciences and Human Sciences

At the end of the 19. century the german philosopher Wilhelm Dilthey triggered a debate about the basic epistemological distinction between Natural Sciences and Human Sciences. This is, until today, a debate about methods. On the one hand, Dilthey hypothesises that the Natural Sciences like Physics or Chemistry explain processes in the nature. On the other hand, he argues that the Human Sciences like History or Philology seek to understand phenomena in the history or different cultures. Dilthey works out his explanation-understanding distinction in his „Ideas for a Descriptive and Analytic Psychology“ of 1894 (see Rudolf Makkreel‘s Article in the Stanford Encyclopedia of Philosophy: http://plato.stanford.edu/entries/dilthey/). Makkreel cites Dilthey‘s „Ideas“ as follows:  “We explain through purely intellectual processes, but we understand through the cooperation of all the powers of the mind activated by apprehension.”

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