7. Etappe: Regensburg-Ingolstadt (Ziel)

Im Hotel Weidenhof waren wir die ersten beim Frühstück. Das Buffet wartete auch mit gut gekühltem Prosecco (Valdo) auf. Wir ließen uns heute mit dem Start auf dem Rad etwas Zeit, da Ingolstadt weniger als 100 Kilometer von Regensburg entfernt ist. Ich machte einen letzten Versuch, die Wahoo-App auf meinem iPad mit dem Navi über mein eigenes Smartphone-WLAN und Bluetooth zu verbinden. Ein Teil der mit Komoot geplanten Routen wurde synchronisiert, die Route für heute mal wieder nicht. Ich muss mir das zu Hause näher anschauen.

Regensburg am Sonntagmorgen

Burkhard übernahm wieder mit den Analog-Karten die Führung. An der Donau waren viele Joggerinnen unterwegs, Radfahrer natürlich auch. Burkhard hängte sich an einen Mountainbiker dran, der uns überholt hatte. Er kurbelte auf dem letzten Ritzel – viel schneller konnte er also nicht werden. Nach etlichen Kilometern verloren wir ihn, als wir über eine Straße abkürzten, um den schnellen Asphalt vor den Kieswegen auf den Donau-Deichen vorzuziehen. Kurz vor Kelheim trafen wir ihn wieder, aber unsere Wege trennten sich schnell wieder.

In Kelheim kamen wir gerade recht, um das Schiff zum Kloster Weltenburg zu nehmen. Die Fahrt dauerte eine Stunde, wir sparten uns aber schlecht passierbare steile Wege mit viel Geröll, vor denen uns Mountainbiker im vergangenen Jahr schon gewarnt hatten. Letztes Jahr wollten wir an der Donau nach Wien fahren und kannten den Weg zwischen Ingolstadt und Donaustauf schon. Damals waren wir dann wegen eines Regenbandes, das auch nach Wien unterwegs war, nach Tschechien abgebogen.

Ablegestelle in Kelheim für die Schiffe durch den Donau-Durchbruch
Auf dem Schiffsdeck: Ups, ein Hundchen unterm Tisch…
Der Donau-Durchbruch: an dieser Stelle ist der Fluss 20 Meter tief, die Fließgeschwindigkeit 2,5 Meter pro Sekunde.
Kloster Weltenburg

In Vohburg orientierten wir uns in der Ortsmitte, da wir die Radwegebeschilderung verloren hatten. Ich fragte eine ältere Dame nach dem Weg. Die antworte in breitem Sächsisch: „Nu, das wess ich ooch nich. Vielleicht fahrense mal in der Richtung ein Stück weider und guggn vorne nochmol.“ Auf dem Rathausdach klapperten unterdessen die Störche. Ein weiterer Einwohner wusste von früher, dass er mal mit dem Rad an der Donau nach Ingolstadt gekommen war. Und wusste den Weg dahin. Schnell fanden wir wieder auf den Donauradweg, der uns zuverlässig in die Altstadt von Ingolstadt führte. Es war kurz nach drei. Das Ziel unserer diesjährigen Tour ist erreicht – nach 900 Kilometern und 7 Tagen. Der Kreis zum vergangenen Jahr schließt sich, als wir uns in Ingolstadt für die Donauradtour trafen. Heute war ein Tag zum „Ausrollen“ mit nur 90 Kilometern und kaum Höhenmetern.

In Voburg klappert auf dem Rathausdach die Storchenfamilie (links oben).
Am Ziel in Ingoldstadt genehmigen wir uns unter roten Sonnenschirmen erst einmal ein Erdbeereis.
Beim Abendessen klären wir noch die Reisekasse.

Veröffentlicht in Bayerische Alpen 2021, Donau-Radtour, Radtour | Hinterlassen Sie einen Kommentar

6. Etappe: Passau-Regensburg

Unser Economy-Zimmer im Hotel „Wilder Mann“ in Passau war recht klein und etwas dunkel, das Fenster zum Innenhof. Umso stärker war der Kontrast zum Adalbert-Stifter-Saal ganz oben in der 6. Etage, in dem das Frühstück bereitet war. Sonnenschein und blauer Himmel – die großen Fensterfronten gaben den Blick frei über die Dächer der Altstadt.

Über den Dächern von Passau – Blick vom Frühstücksbalkon
Aufbruch am „Wilden Mann“: Dieser Eingang war beim Hochwasser 2013 komplett überflutet.
Passau

Um 9 Uhr saßen wir wieder im Sattel und verließen Passau Richtung Deggendorf. Teils fuhren wir Straße, teils die Donauradwege, wenn sie uns in den Kram passten und nicht allzu sehr im Zickzack durchs Gelände führten. Das bebaute Land hinter den Deichen liegt oft sehr tief und man fragt sich, ob das weiter gut gehen kann. Denn das nächste Hochwasser kommt bestimmt. Die Kiesschotterwege, die es typischerweise an den Deichen gibt, schlucken viel Energie, wenn der Belag zu locker ist. 5 Kilometer pro Stunde macht das aus, hab ich beobachtet. Wir tendierten wegen solcher Kleinigkeiten dann öfters zur Straße, zumal auch entlang von Bundes- und Kreisstraßen immer wieder Radwege zu finden sind.

Segelflugplatz an der Donau: man muss genauer hinschauen
Basilika in Niederalteich: totales Barock
Basilika, ich
Verproviantierung im Tante-Emma-Laden in Niederalteich – bevor es nichts mehr gibt. Denn es ist schon Samstagmittag.

Als wir vor Bogen gerade wieder durch die Beschilderung im Zickzack an Feldern und Wiesen vorbei geführt wurden, setzte ein stärkerer Gewitterregen ein. Ich dachte, ich sitze das auf dem Rad aus und hole nicht extra die Regenjacke heraus. Die Dusche war jedoch recht intensiv, aber bald kam die Sonne hervor. In Bogen machten wir bei Sonnenschein Pause, versorgten uns am Bahnhofsbistro mit Radkarten, die es kostenlos gab, und planten die restliche Strecke über Straubing nach Regensburg.

Bogen an der Donau, unser Ort für die Mittagsrast

Die restlichen 40 Kilometer der Tagesetappe entpuppten sich als recht anstrengend. Längst hatte ein unangenehmer Westwind eingesetzt, der an unseren Energiereserven nagte. An einer Baustelle mussten wir noch einen süßen Snack einwerfen. An der Peripherie von Regensburg hatten wir etwas Orientierungsschwierigkeiten, ins Zentrum zu finden. Beim BMW-Werk wähnten wir uns noch auf dem richtigen Weg, aber wir konnten eine Schnellstraße, die für Radfahrer gesperrt war nicht nehmen. Und die Radwege gaben auch keine Beschilderung her. Mit meinem Navi fuhren wir auf Sicht. Immerhin konnte ich uns ins Zentrum führen.

Baustelle auf dem Weg nach Regensburg – ohne süßen Input ging es bei dem Gegenwind nicht weiter.
Burkhard im Tritt gegen den Wind auf weiter Flur

Im Hotel Weidenhof in der Fußgängerzone kehrten wir ein. Da war es schon kurz vor sieben. Unseren Selbsttest wollte das Hotel nicht akzeptieren, also gingen wir zur Teststation ein paar Schritte weiter Richtung Bahnhof. Die packten gerade ihre Sachen und verwiesen uns auf eine Apotheke im Bahnhof. – Dort angekommen stellte sich heraus, dass die Mitarbeiter_innen auch gerade Schluss machten. Sie ließen sich auch nicht zu einem Test überreden. Im Internet fand ich eine Teststation auf der anderen Seite der Donau, die noch bis 20 Uhr geöffnet hatte. Im Sauseschritt eilten wir durch die Altstadt, am Dom vorbei und liefen über die Donaubrücke an vielen Student_innen vorbei, die in den Cafés und Restaurants saßen oder flanierten. Der Test war fix gemacht, aber zeitlich auch höchste Eisenbahn. Wir waren ziemlich dehydriert und tranken, während die Testergebnisse kamen, erst einmal Bier.

Bis wir im Hotel waren, geduscht hatten und wieder loszogen, um etwas zu essen, war es neun Uhr geworden. Die L’Osteria Grande Amore wies uns zwei Plätze zu. Ansonsten war das Lokal ziemlich ausgelastet, auch mit Lieferdiensten. Die viel zu große Pizza Tonno, sie passte nur zu zwei Dritteln auf den Teller, verfütterte ich noch zum Teil an Burkhard, der nach einer Spaghetti Bolognese noch Platz im Magen hatte. Den Rest ließ ich mir einpacken. Um dem Lärmpegel zu entgehen, tranken wir in einem Biergarten am Dom noch etwas. Eine Gruppe junger Männer in Lederhosn war schon sichtlich angeschlagen und verhaltensauffällig. Die verdünnisierten sich aber bald, wir ebenso, denn es wurde etwas kühl. Ich friere nach einer intensiven Tagesetappe schnell. So auch heute.

Absacker im Biergarten am Dom mit Rotlicht.

Tagesdistanz: 150 Kilometer, 10 Kilometer mehr als gedacht, da wir uns dem Regensburger Stadtzentrum nicht so ganz effektiv genähert haben. Aber der Weg ist ja das Ziel, zumindest bei dieser Radtour.

Veröffentlicht in Bayerische Alpen 2021, Radtour, Reisetagebuch | Hinterlassen Sie einen Kommentar

5. Etappe: Bad Reichenhall-Passau

Am Ende des Tages hatte ich 161 Kilometer auf dem Tacho. Die Tour nach Passau war nicht so intensiv wie die Bergetappen, aber dafür extensiv, d.h. weit. Was normal ist beim Radfahren: kein Sitzfleisch mehr zu haben, Durststecken – mental wie physisch, extreme Etappen und Unvorhergesehenes. Zum Sitzfleisch: Nach einer Woche wird das in der Regel besser, Sitzknochen, Haut und Bindegewebe haben sich dann geeinigt, wie sie es weiter machen wollen. Durststrecken: An Tagen, an denen man aus verschiedenen Gründen ein Fernziel ansteuert, das weiter entfernt liegt als normal, gönnt man sich weniger Pausen und versucht, möglichst viel Strecke zu machen und durchzuziehen. Es braucht dann entsprechende Willenskräfte, netto 7-8 Stunden auf dem Rad zu sitzen. So wie heute. Unvorhergesehenes: Meine Trinkflaschen stehen noch in Bad Reichenhall. Ich hatte sie zwar noch mit Wasser aufgefüllt, dann aber an der Hauswand, an der ich die Radtaschen an den Gepäckträger gehängt hatte, stehen lassen.

Frühstückssaal im Gasthof Bürgerbräu in Bad Reichenhall

In Tittmoning hab ich mir eine Flasche bei einem Radhändler gekauft. Der war auf mein Begehren aber nicht gut vorbereitet und musste etwas kramen und fand dann eine Flasche, von der ich zuversichtlich war, dass sie in meine Halterung passt. Eine Cola-Aluflasche mit einem Verschluss, der mit dem Radfahren nichts zu tun hat. 14 Euro – nach Ausspülen und Putzen. Es machte dann keinen Sinn, noch nach einer zweiten Flasche zu fragen, aber der Händler war zumindest nett.

Tittmoning
Der Radladen mit einer etwas ausgefallenen Trinkflasche: Kunst halt

Heute war etwas Kettenöl fällig.

Die Sonne begleitete uns über weite Strecken. Burkhard wollte angesichts der weiten Tagesetappe erst in Simbach am Inn rasten, was mir auch recht war. Doch die Mittagspause haben wir verpasst. Stattdessen wollten wir in einem Hotelrestaurant außerhalb der Stadt einkehren. Das Lokal machte aber erst um 16 Uhr auf. Wir teilten uns ein Körnerbrötchen aus meinem Proviant und Studentenfutter aus Burkhard’s Fundus. Wasser aufzufüllen ging auch nicht, also tranken wir aus unseren Reserven und ließen noch für eine Trinkpause Wasser im Tank. Wir brachen gleich wieder auf. 100 Kilometer lagen bereits hinter uns. Das Gelände war weitestgehend flach, die Nebenstraßen gut asphaltiert, sodass wir schnell vorankamen. In Egglfingen tranken wir in einem Lokal Bier, füllten unsere Flaschen auf und verloren keine Zeit weiter, um das letzte Stück bis Passau in Angriff zu nehmen.

Die Tafel oben verheißt nichts Gutes: DAs Restaurant ist noch geschlossen, die Mittagspause fällt aus. Wir haben eh keine Zeit…

Wir ahnten nicht, dass die letzten 16 Kilometer so anstrengend werden würden. Es setzte Regen ein und die Berge waren steil. An einem Anstieg verließen uns die Kräfte. Burkhard fand in seinem unergründlichen Fundus noch Schokolade – ein wichtiger Energieschub, der bis Passau ausreichte. Der Radweg führte uns an der Donau ans Hotel „Wilder Mann“. Dort quartierten wir uns nach einem Corona-Test ein. Da war es dann schon um sieben. Halbneun waren wir aufgebrochen. Ein langer Tag, wir spüren es vor allem in den Beinen und werden gut schlafen.

Letzte Pause 30 Kilometer vor Passau: Bier und Trinkflaschen auf dem Klo auffüllen.
Mal wieder technische Probleme: Mein Navi hatte hatte Nachts nicht geladen, vermutlich ein Fehler des Kabels. Deshalb war die Powerbank nötig, um das Teil bis Passau laufen zu lassen. Für die Tour-Statistik.

Veröffentlicht in Bayerische Alpen 2021, Radtour, Reisetagebuch | Hinterlassen Sie einen Kommentar

4. Etappe: Aschau-Berchtesgaden-Bad Reichenhall

Was nervt beim Radfahren: Nasse Straßen, mit oder ohne Regen, und es kommt ein Lkw frontal im Gegenverkehr und bringt die Dusche mit. Platsch, alles ins Gesicht und überallhin – vermischt mit Straßendreck. Oder: Man schnauft am Berg und die weniger gut mit Abgasreinigung bestückten Autos geben ordentlich Vollgas. Auch lecker: Ein Stinker in Form eines Zweitakters. Das Ganze garniert mit Windstille. – Ich bin nicht sicher, wie gesund Radfahren wirklich ist.

Nun zur Tagesetappe heute: Unser Ziel war so Pi mal Daumen Berchtesgaden. In Aichau starteten wir bei wolkenverhangenem Himmel dreiviertelneun Richtung Chiemsee und warfen einen Blick rechterhand auf die Kampenwand. In Bernau bogen wir ein auf die B 305 und waren am späten Vormittag in Reit am Winkl. Auf der Strecke nach Ruhpolding setzte ein leichter Regen ein. In dem etwas abgeschiedenen Tal mit dem Weitsee gab es wenig verkehrt. Uns sprachen zwei bajuwarische Mountainbiker an. Wir fuhren in Zweierreihe. Ich konnte die Frage meines Nebenmanns gut verstehen, akustisch, aber mein bayerisch war nicht gut genug. Ich antwortete aus dem Kontext heraus woher wir kamen und wohin wir wollten. Dann die Frage, wie wir es mit den Unterkünften machen würden. Antwort: Hotel, wir sind auf Wellnessurlaub… Die beiden netten Radler bogen bald schon in einen Nebenweg ab. während wir auf der Straße weiter unsere Bahn zogen. Lustig fand ich das Hinweisschild, das auf die Furt eines Wildbachs aufmerksam machte. Tatsächlich kam die Furt. Das beachtliche Kiesbett (nicht der kleinkörnige Kies, größere runde Brocken) war ausgetrocknet und wurde nur durch die Straße unterbrochen.

Baustelle, mal wieder: Reit im Winkl wurde für uns dadurch noch winkeliger.
Gebirgsfluss auf dem Weg nach Reit im Winkl
Das Flüsschen hat seinen eigenen Pegel – und der ist gerade niedrig.

Nach Ruhpolding fuhren wir nicht hinein, um nicht unnötig Höhenmeter zu verlieren. Es folgte eine lange Strecke nach Bad Reichenhall. Eigentlich wollten wir unterwegs rasten, aber das Restaurant, an dem wir hielten, öffnete erst um fünf. Als wir in Bad Reichenhall ankamen, war es schon halbzwei. In einer Bäckerei kehrten wir draußen unter einem Vordach ein, als auch schon ein kräftiges Gewitter mit Platzregen einsetzte. Besser hätte man die Pause nicht planen können. Als der Regen aufhörte, kletterten wir hoch nach Berchtesgaden, ans Ende der Republik. Bald sah man schon das Watzmann-Massiv im Sonnenschein mit Bilderbuchwolken am Himmel – bayrisches blau-weißes Wetter. Nach Berchtesgaden ging es steil hinab. Wir kamen am viel zu großen Bahnhof heraus. Viel zu groß, weil ja Hitler am nahe gelegenen Obersalzberg seinen Hofstaat hatte.

Blick auf Ruhpolding

Burkhard erkundigte sich im Ort bei Radlern nach den Corona-Einreisebedingungen, um nach Salzburg zu kommen. Wir lasen dann beim Auswärtigen Amt noch einmal nach und verwarfen das Ziel Salzburg (gültiger PCR-Test, elektronische Anmeldung). Uns blieb also nur der Rückweg nach Bad Reichenhall, das wir gegen sechs Uhr erreichten. Wir folgten der „Hotelroute“, sahen aber erst am Rathaus eine Unterkunft, den Gasthof Bürgerbräu, ein großes Gemäuer. Die Rezeptionistin war gerade am Gehen. Mein Navi zeigt 128 Kilometer und 1.200 Höhenmeter an. Das reicht für heute.

Blick auf den Watzmann auf dem Weg nach Berchtesgaden
Der Watzmann in Berchtesgaden: links die Frau, rechts der Mann, in der Mitte die Kinder. Man muss diese Phantasie aber auch nicht haben.
Blick aus unserem Bürgerbräu-Fenster: Wandgemälde im Stil des sozialistischen Realismus
Am Marktplatz in Bad Reichenhall
Veröffentlicht in Bayerische Alpen 2021, Radtour, Reisetagebuch | Hinterlassen Sie einen Kommentar

3. Etappe: Bad Tölz-Aschau (Chiemgau)

Die technischen Probleme mit meinem Navi halten an. Deshalb sind wir auch heute nur nach Analog-Karte und der lokalen Beschilderung gefahren. Hinter Bad Tölz verließen wir bald die Bundesstraße und folgten den Radwegen. Das war kräftezehrend. Die Sonne war inzwischen schon wieder intensiv. Die Beschilderung „Achtung! Schwerer Streckenabschnitt“ – oder so ähnlich, war wörtlich zu nehmen. Steile Kieswege und viel auf und ab, ein Gelände für Mountainbiker, aber nicht für Radtourer wie uns. Es wurde der Tag, an dem wir unerwartet oft das Rad schieben mussten. Über Waakirchen und Gmund am Tegernsee erreichten wir mit viel Verkehr und Baustellenstress den Schliersee. Wir machten eine Trinkpause, bevor es nach Bayrischzell ging.

Schnaufen in der Landschaft, 10:34 Uhr auf dem Weg zum Tegernsee. Auf den Bildern sieht man immer nicht, wie steil die Wege sind…

Eine ältere Dame, der der Holzzaun gehörte, an dem unsere Räder lehnten, empfahl uns, ein Stück zurück zur Baustelle zu fahren und in einen Radweg nach Bayrischzell abzubiegen, statt die Hauptstraße zu nehmen. Gut, dass wir das nicht gemacht haben. Wir hätten viel Zeit im hügeligen Gelände verloren. Das ständige Auf und Ab kannten wir schon. Die wenig befahrene B 307 nach Bayrischzell erwies sich als Rennstrecke. Wir waren am Wendelstein im Mangfallgebirge angekommen. Wir rasteten im Café Huber bei einem Stück Kuchen, füllten unsere Wasserflaschen auf und brachen in der Mittagshitze zum über den Sudelpass zum Tatzelwurm auf. Der Tatzelwurm ist wohl in der Alpenregion ein Fabelwesen, hab ich gelernt. In unserem Fall bezeichnet der Tatzelwurm aber einen Wasserfall. Auf diesem Bild sieht man hinter Bayrischzell ganz gut die Passstraße: https://de.wikipedia.org/wiki/Bayrischzell#/media/Datei:Bayrischzell_wendelstein.jpg

Am Sudelfeldpass
Blick vom Sudelfeldpass

Die Kletterpartie hinauf zur Passhöhe (1.123 Meter) war ein gerüttelt Maß Arbeit, aber der Ausblick auf das Sudelfeld war fantastisch. Wir beschlossen, nicht zum Tetzelwurm zu fahren, da unklar war, wie weit wir es wieder talwärts, abseits unserer geplanten Route haben würden. Stattdessen nahmen wir die Abfahrt nach Norden hinunter nach Brannenburg ins Inntal. Wir wechselten auf die rechte Innseite und bogen hinter Nüßdorf rechts nach Rossholzen ab. Der Anstieg war teilweise so steil, dass wir wieder schieben mussten. Landschaftlich traumhaft, Berge und Weiden so weit das Auge reicht, weidende Kühe, idyllische Höfe – und wir kräftig am Schnaufen. Über Törwang erreichten wir mit hängender Zunge unser Ziel Aschau und buchten uns im Gasthof Kampenwand ein. Ich war mit meinem Proviant leergefahren, Wasser alle, Snacks keine mehr. – Ich hatte nicht gedacht, dass die letzte Strecke des Tages nochmal so kräftezehrend werden würde. Aber dafür sind wir ja aufgebrochen: uns auszupowern.

Das Skigebiet Sudelfeld
Übersichtskarte am Sudelfeldpass, unterhalb vom Schnauferl-Wirt
Blick von der Inn-Brücke bei Nußdorf. Wir haben wieder vermieden, auf die österreichische Seite zu fahren, da Tirol noch als Risikogebiet gilt. Deshalb sind wir vom Sudelfeld nach Norden abgebogen.
Residenz-Hotel in Aschau im Chiemgau mit Sterne-Restaurant. Da wir heute nur Spaghetti brauchten, sind wir dort nicht eingekehrt.
Auch die Schweinshaxn in unserer Herberge, dem Gasthof Kampenwand, haben wir ausgelassen. Der Grill an der Straße soll arglos vorbeiziehende Tourisen natürlich verführen…
Als ein kräftiger Gewitterregen einsetzte, holten wir unsere Wäsche vom Balkon wieder ein.
Veröffentlicht in Bayerische Alpen 2021, Radtour, Reisetagebuch | Hinterlassen Sie einen Kommentar

2. Etappe: Füssen-Garmisch-Bad Tölz

Wir hatten erst überlegt, vom Sylvensteinspeicher aus über den Achenpass zum Tegernsee zu fahren. Aber dafür langte die Zeit nicht – die Tagestour wäre zu lang geworden. Also kehrten wir am Ende in Bad Tölz ein und genossen das leicht abfallende Gelände an der Isar.

Doch von vorne: In der Nacht hatte es kräftig geregnet. Das Frühstück holten wir uns von einer Bäckerei am Bahnhof. Die Verkäuferin ließ uns noch Butter auf die Brötchen schmieren, sodass wir die Marmelade, die es auch zu kaufen gab, etwas geschmeidiger vertilgen konnten. Kaffee gab es im Frühstücksraum des Hotels. Ich hatte etwas technische Probleme mit der Synchronisation zwischen Komoot, meinem iPad und der Wahoo-App. Die aktuelle Route war auf dem Navi nicht zu sehen, was uns heute etwas Zeit gekostet hat. Burkhard navigierte traditionell mit Landkarten, eine 1:50.000 im Maßstab und eine mit größerem Überblick.

Schloss Neuschwanstein

Für den Weg nach Garmisch-Partenkirchen hatte ich mir eine Abkürzung durch das Ammergebirge überlegt, damit wir nicht zu weit nördlich ins Alpenvorland fahren mussten. Der Weg war beschwerlich, aber sehr schön. Wir erreichten am späteren Vormittag Oberammergau und das Kloster Ettal, wo der Touristenbetrieb florierte. Nach dem wolkenverhangenen Morgen hatte uns inzwischen viel Sonne begleitet. In einer Pause cremten wir uns mit Sonnenschutz ein. Meine Arme waren aber schon kräftig angebrutzelt, auch von gestern.

„Abkürzung“ Ammergebirge: Burkhard zerrt das Rad über die Furt eines Gebirgsflusses.

Vom Kloster Ettal führte uns eine rasante Abfahrt auf das Talniveau von Garmisch, wo wir mit viel Verkehr und Baustellen konfrontiert wurden. Uns war klar, dass wir hinter Garmisch auf dem Weg ins Karwendelgebirge die Höhenmeter wieder klettern mussten, die wir von Ettal herabgefahren waren. Ich musste nach dem Mittagessen in Garmisch kräftig schnaufen, hatte aber auch genug Süßes eingeworfen. Die Methode Eis und Kuchen, die ich von Kollege Jens übernommen habe, wandelte ich etwas ab in Bio-Nussecke und alte Brötchen aus Stuttgart mit Frischkäse – Sachen, die der Bioladen, an dem wir Pause machten, hergab.

Mittagspause in Bad Tölz bei kräftigem Sonnenschein
Regen in Krün am Karwendelgebirge. Das Gebäude im Bild gehört zum Rathaus und zur Touristinformation und beherbergt die Gemeindebibliothek

In Krün rästselten wir etwas über den richtigen Weg ins Isar-Tal zwischen Karwendelgebirge und Schliersee. Es regnete stark. Ich lud eine früher geplante Strecke, die noch im Navi gespeichert war, aber Burkhard war mit dem Kartenstudium auch schon entschlossen losgedüst. – Das Tal der Isar, das wir bis zum Sylvensteinspeicher fuhren, ist ein Traum. Es gibt wenig Verkehr, hohe Berge und einen türkisgrünblauen Fluss, der sich über viele Kiesbänke in den Stausee ergießt. Das Gefühl von Abgeschiedenheit und Rennstrecke für das Rad waren die Belohnung für die Kletterstrapazen des Tages. Zumal der Regen längst aufgehört hatte.

Die Isar am Karwendelgebirge
Sylvensteinspeicher am späten Nachmittag

Spätenstens in Lenggries waren wir leergefahren. Viel Kraft brauchten wir bis Bad Tölz auch nicht. Die Kieswege an der Isar waren leicht zu fahren und in Tölz erholten wir uns beim Eis. Die Hotel-Pension Marienhof nahm uns auf. Morgen wollen wir den Chiemsee ansteuern.

Bad Tölz
Veröffentlicht in Bayerische Alpen 2021, Radtour, Reisetagebuch | Hinterlassen Sie einen Kommentar

1. Etappe: Ulm-Füssen

Die diesjährige Frühsommer-Radtour wird uns durch die Bayerischen Alpen führen. Dadurch dass Tirol und die Schweizer Bodensee-Kantone noch als Corona-Risikogebiete gelten, haben wir unsere Reisepläne angepasst, bleiben in Deutschland und orientieren uns nach Osten. Wir starten am 7. Juni in Ulm. Dann haben wir Memmingen, Marktoberdorf, Garmisch-Partenkirchen, Bad Reichenhall und Passau auf dem Zettel. Von da aus geht es wieder Richtung Norden nach Regensburg und – mal schauen, wie viel Zeit dann noch ist. Der 15. Juni ist für uns der letzte Urlaubstag.

Ulm gestern Abend: Regen, Regen, Regen
Spuren des Brandanschlags auf die Ulmer Snagoge am 5.6.

Die heftigen Gewitter mit Überschwemmungen und die Schneemelze in den Alpen sind die ungünstigen Faktoren. Zum Glück hatte sich das Wetter rechtzeitig beruhigt, sodass wir gegen 8:40 Uhr bei nur leichtem Nieselregen am Comfor-Hotel in Ulm aufbrachen. Gegen Mittag kam sogar die Sonne durch und wir hatten Glück bei 17-20 Grad ins Ostallgäu zu fahren. Der Illerradweg war nass und matschig, die Iller führte, wie zu erwarten war, Hochwasser. Meine Komoot-Route führte uns jedoch von der Iller weg auf gut asphaltierte Radwege entlang der Straßen. Um halbzwölf war es uns in Memmingen für eine Mittagspause noch zu früh. Wir verproviantierten uns mit Süßgetränken und kehrten dann erst kurz vor zwei bei einem Inder gegenüber vom Rathaus in Obergünzburg ein. Ein kleines Mittagsschläfchen im Gras oder auf einer Bank wäre nach der Tomatensuppe mit Brot für die Regeneration förderlich gewesen. Aber es tröpfelte wieder und wir beschlossen, weiter nach Marktoberdorf zu fahren.

Die Sonne, wie hier in Kellmünz, begleitete uns den ganzen Tag. Trotzdem waren die Kontaktlinsen für die erste und die letzte Stunde der Etappe angebracht – so lässt sich der Regen ohne Sichteinschränkungen aushalten.

In der hügeligen Landschaft mit viel Weidefläche und Kühen (und Gülle) brauchte ich viele Willenskräfte meine steifen Beine zur Arbeit zu zwingen. Nach einer Stunde wurde es besser und die Muskeln wurden wieder geschmeidiger. Marktoberdorf erreichten wir nach gut 100 Kilometern schon gegen vier Uhr, sodass wir nach kurzer Rast beschlossen, noch 30 Kilometer weiter zu fahren und in Füssen eine Bleibe für die Nacht zu suchen. Am Forgensee hatte ich das Gefühl, am anderen Ufer Neuschwanstein zu sehen. Aber das konnte ja nicht sein.

Marktplatz in Memmingen
Ottobeuren
Auch die kleinen Dinge am Wegesrand können entzücken: eine Weinbergschnecke huscht in den Wald
Ostallgäu mit saftigen Weiden
Hotel Fantasia in Füssen
Burkhard beim Corona-Test am Hotel-Empfang

Wir suchten eine Unterkunft, irrlichterten etwas herum, die Jugendherberge hatte zwei Tage geschlossen. Schließlich kehrten wir im Hotel Fantasia ein. Unser Corona-Test von Ulm war leider vor zwei Stunden abgelaufen. An der Rezeption konnten wir einen neuen Test machen – für drei Euro das Stück.

Für die erste Etappe war die Tour heute schon recht intensiv. Entschädigt wurden wir durch den Blick auf die Alpenkulisse, glückliche Kühe und den Forgensee.

Dieser Spruch an einem Ulmer Lokal ist wie für mich gemacht.

Veröffentlicht in Bayerische Alpen 2021, Radtour, Reisetagebuch | Hinterlassen Sie einen Kommentar

SR20-17 Ruggell – Lindau (letzter Tag)

Die Quarantäne-Regeln für Rückkehrer aus Risikogebieten sind eindeutig: nach Einreise direkt nach Hause. Ich hatte noch bis Stuttgart per Rad geplant, aber es ist wie es ist. Ich habe mich in der Region Provence-Alpes-Côte-d’Azur aufgehalten, als die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes per Newsletter kam. Also war in Lindau heute für mich das Ende der Sommer-Radtour 2020. Ich hätte es fast bis Stuttgart geschafft. Morgen. Aber es ist sowieso Regen angesagt und ich hatte auf der ganzen Reise Glück mit dem Wetter. Außerdem ist mein Schnupfen nicht besser geworden.

So richtig wahrhaben wollte ich gestern Abend noch nicht, dass meine Tour heute zu Ende ist. Ich hatte noch Handwäsche gemacht und erst nach dem Essen im Restaurant des Landgasthofs in Ruggell mich noch einmal näher mit den Corona-Bestimmungen befasst. Also Endstation in Lindau am Bahnhof. Ich frühstückte spät, erst um 9 Uhr. Ich war der einzige Übernachtungsgast und die Hotel-Inhaberin war froh, dass ich nicht früh aufbrechen wollte. Das Frühstück war hervorragend. Das einzige, das dem ich auf der ganzen Reise dieses Prädikat ausstellen kann.

Blick zurück: der Rheintalradweg bei Liechtenstein

Meine letzte Etappe war einfach: Am Rheinradweg entlang bis Bregenz und dann rüber auf die deutsche Seite nach Lindau. So machte es nichts, dass das Navi beim Start einen Hänger hatte. Ich fuhr auf Sicht, blieb auf der österreichischen Seite und folgte der Beschilderung. Es war warm, 25, 26 Grad. Am Bodensee hielt ich inne. Von deutscher Seite ist die Sicht natürlich interessanter, da man die Alpenkulisse im Hintergrund sieht. Den Grenzübergang habe ich nicht wahrgenommen. Es gab keine Hinweise. Lindau war mit Touristen überfüllt. Ich bekam einen durchgehenden Regionalexpress um 15:05 Uhr nach Stuttgart und ging nach Ankunft um 18 Uhr zur Corona-Teststation am Bahnhof. In 48 Stunden kann ich das Ergebnis abrufen.

Zeppelin über dem Bodensee
Bregenz
Zollstation auf österreichischer Seite mit Blick zur Schweiz
Bodensee
Rathaus Lindau
Hauptbahnhof Stuttgart: an der Teststation war heute kein großer Andrang

Tagesfazit: 48 Kilometer „Ausrollen“ am letzten Tag der Reise auf sehr guten Radwegen ins Rheindelta am Bodensee. Ein schöner Sommertag, wobei ich in Stuttgart bei starker Bewölkung die Sonnenbrille abnehmen musste.

Veröffentlicht in Sommer-Radtour 2020 | Hinterlassen Sie einen Kommentar

SR20-16 Campodolcino – Ruggell (Liechtenstein)

Grüßen am Berg hebt die Stimmung. In Italien in der Regel „Ciao“, seltener „Buon Giorno“, in Frankreich schlicht „Bonjour“, in der Schweiz „Servus“. Heute waren wieder viele Rennradler unterwegs. Am Splügenpass wird sicher regelmäßig gefahren. Während des Giro d’Italia aber umso mehr. Es sind Fans und Unterstützer unterwegs. Man grüßt sich und trifft sich auch mal in einer Kehre zu einer Verschnaufpause.

Gut gefrühstückt kam ich bis zum Pass sehr gut hoch. Auch die steileren Passagen ließen sich fahren. Ich denke, ich war gestern beim Klettern schon zu leergefahren. Als ich die Passstraße hinter Chiavenna in Angriff nahm, war ich schon 75 Kilometer gefahren. Ein paar Kekse waren für die 1.000 Höhenmeter dann wohl nicht ganz ausreichend. Zumindest ging mir die Bergtour heute deutlich leichter von den Beinen. Ich hatte mehr Kraft.

Splügenpass (2.114 Meter) mit Blick in das schweizerische Graubünden
Erstes Tor zur Zieleinfahrt des Giro d’Italia U23 vor Montesplugo

Der Verkehr auf der Passstraße hielt sich in Grenzen. Man sah viele italienische und schweizer Autos, aber auch deutsche aus Stuttgart, Leonberg, Esslingen. In Montespluga, einem Ort unterhalb des Passes, war alles für die Zieleinfahrt der U23 vorbereitet. Ich genoss die Zieleinfahrt mit der Bandenwerbung, einiges Volk war versammelt, die Musik tönte auch schon. Danach waren es noch gut 200 Höhenmeter. Oben angekommen machte ich von zwei italienischen Rennradlern Fotos am Passschild. Eine Frau aus Minden machte eines von mir. Das Wetter war schön, Sonne pur und angesichts der Höhe natürlich etwas Wind. Ich zog mein langärmliges Neon-Oberteil an und machte mich an die Abfahrt. Die Landschaft auf Schweizer Seite sieht völlig anders aus. Bei den Ortschaften wie Splügen ist das klar, es ist auch ein anderes Land. Aber die engen dicht bewaldeten Täler wie die Viamala haben einen ganz anderen Charakter.

Passstraße hinunter in das Schweizer Dorf und Namensgeber Splügen
Enges Tal zwischen Splügen und Viamala

Ich hatte ursprünglich geplant, nur bis Chur zu fahren, ca. 77 Kilometer weit, da ja der Splügenpass Zeit und Kräfte kostet. Gestern war mir das aber zu wenig. Wenn ich etwas mehr fahren würde, verteilten sich die Kilometer der restlichen Etappen bis Stuttgart besser. Außerdem geht es ja bergab. Also buchte ich im liechtensteinischen Ruggell am Rhein ein Zimmer in einem Landgasthof. Vor Chur hatte ich aber einen Hänger und überlegte, die Buchung zu stornieren und in Chur zu bleiben. Es ging gerade wieder in den Berg, auf einer Kiespiste. Ich kam langsamer voran als gedacht, hatte erst 53 Kilometer Strecke gemacht und es war schon halbvier. Dann kam ich aber wieder ins Fahren hinein und beschloss, die geplante Tour zu fahren. Am Rhein gab es gute Radwege. Ich rastete an einer Radlertränke und aß die letzten Kekse. Bald kam ich auf eine wahre Rennstrecke, den Alpen-Rhein-Radweg auf dem Rheindamm, gut asphaltiert. Ohne Mittagspause war ich etwas auf Reserve gefahren, aber die Muskeln waren noch locker. Viertelacht kam ich in meinem Quartier an, mit den letzten Sonnenstrahlen am Rhein.

Fazit: 129 Kilometer, 1329 Meter Aufstieg, 2058 Meter Abstieg. Der Splügenpass war ein besonderer Höhepunkt der Tour. Ich bin froh, dass das Wetter mitgespielt hat. Und die Viamala – einfach eine geniale Landschaft.

Veröffentlicht in Sommer-Radtour 2020 | Hinterlassen Sie einen Kommentar

SR20-15 Lecco – Campodolcino

Ich bin schon wieder in ein Radrennen geraten. Als ich am Comer See so vor mich hinfuhr, fiel mir die viele Polizei auf: Carrabinieri, Polizia Municipale, Polizia Locale, auch Zivilschutz. Als ich in einer Haltebucht in einem Busch eine Pinkelpause einlegte, kam die Finanzpolizei. Vor den Beamten war ein Kleinwagen angehalten. Der wurde wieder verscheucht. Abgesehen hatte es die Polizei, ich nehme an so ähnlich wie bei uns der Zoll, auf einen Lkw, der wiederum mich mit meinem Rad wegscheuchte.

Streckenposten für den Giro U23 – mit Ritter

Unterwegs waren mir in entgegengesetzter Richtung zu meiner Route Rennradteams aufgefallen. Als dann noch Mannschaftswagen vorbeifuhren (Kolumbien!), war mir klar, dass das etwas Offizielles ist. Später habe ich in Campodolcino auch ein Schild gesehen: der Giro d’Italia U23. Als ich am Start/Ziel in Colico ankam, waren die schon wieder am Abbauen. Witzig.

Am Ziel kommen nur noch die Langsamen an.

Der Morgen begann ganz gediegen. Ich hatte mich für halbneun zum Frühstück angemeldet. Später kam noch ein junges niederländisches Paar. Wir waren die einzigen Gäste. Christina, die Hausherrin, hatte Wagners Tannhauser aufgelegt. Dass es Wagner sein könnte, ahnte ich, fragte aber nach (Englisch). Christina wollte von mir wissen, wie ich „Tannhauser“ ausspreche. Ich sprach so normal wie möglich „Tannhauser“, mit der Betonung auf der ersten Silbe. Christina sprach nach: „Tann-hauser“. Dazu muss man sich den Frühstücksraum vorstellen: Ein Ambiente wie bei Hofe. Alte Möbel, ein Kamin, große schmale Fenster mit langen Vorhängen, ein Kalvier mit Familienfotos, lange weiße Tischdecken, die über den Boden reichten – wie Schleppen eines Kleides. Dazu Tannhauser. Voll abgefahren, diese Villa Puccini. Die Geschichte hätte ich gerne noch erfragt, aber ich musste los.

Frühstück mit Wagner
Villa Puccini in Lecco am Comer See

Die Zeit verging schnell mit dem Betrachten des Comer Sees und der malerischen Orte aus immer neuen Blickwinkeln und der dazugehörigen Fotos. In Colico lag ich schon mindestens eine Stunde hinter meinem Zeitplan zurück. Und ich hatte noch den ersten Teil des Aufstiegs zum Splügenpass vor mir. Kurz vor Chiavenna machte ich an einer Bank in der Sonne Rast. Meine Handwäsche war noch nicht getrocknet. Dafür war die Bank in der Sonne ideal. Ich trank meine Wasserflaschen aus, um am Berg gut hydriert zu sein und aß ein paar Kekse. Da kam der Marburger mit seinem schwarzen Tourenrad. Ich hatte schon damit gerechnet, dass wir uns irgendwo am Splügenpass wieder treffen. Wir tauschten ein paar Worte. Mir fiel die Unterkunft, die ich gebucht hatte nicht ein. Sonst hätte ich ihn gefragt, wo er übernachtet. Er wollte zumindest auch bis zur Hälfte nach Campodolcino hoch. Eigentlich wollte ich in Chiavenna Mittagspause machen, aber die Rast musste reichen. Die Flaschen waren am nächsten Brunnen, von denen es hier in den Bergen viele gibt, schnell wieder aufgefüllt.

Comer See
Pause bei Chiavenna: Dort, wo das Wasser herkommt, muss ich hin.

Am Beginn der Passstraße verlautete das Hinweisschild, dass der Pass geöffnet sei. Ich arbeitete mich in den Berg, durch Tunnel, von denen es heute einige gab, sogar einige, die einer Tropfsteinhöhle sehr ähnlich waren, machte Trinkpausen, schob die steilen Passagen, von denen es aber nicht so viele gab, wie im Apennin. Am Tunnel vor Campodolcino traf ich den Marburger wieder. Mir war gar nicht klar, dass wir schon so weit oben waren. Im Ort verproviantierte ich mich im Dorfkonsum für das Abendessen und war dann schon um sechs Uhr in meinem Zimmer, rechtzeitig, um bis zur Webkonferenz zu duschen und meine Handwäsche zu machen. Der Chef wusste, dass der Splügenpass morgen von drei bis fünf wegen des Giro gesperrt ist. Mittags sei es aber kein Problem. – Und maß noch schnell Fieber bei mir.

Lebensmittelladen in Campodolcino

Morgen lasse ich den Süden definitiv hinter mir.

Fazit: 90 Kilometer, 1170 Meter Aufstieg (das meiste davon die Passstraße), ein Tag mit Überraschungen, wie man sie als Reisender immer erlebt. Der Comer See und die Villa Puccini werden mir in besonderer Erinnerung bleiben.

Veröffentlicht in Sommer-Radtour 2020 | Hinterlassen Sie einen Kommentar