SR20-17 Ruggell – Lindau (letzter Tag)

Die Quarantäne-Regeln für Rückkehrer aus Risikogebieten sind eindeutig: nach Einreise direkt nach Hause. Ich hatte noch bis Stuttgart per Rad geplant, aber es ist wie es ist. Ich habe mich in der Region Provence-Alpes-Côte-d’Azur aufgehalten, als die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes per Newsletter kam. Also war in Lindau heute für mich das Ende der Sommer-Radtour 2020. Ich hätte es fast bis Stuttgart geschafft. Morgen. Aber es ist sowieso Regen angesagt und ich hatte auf der ganzen Reise Glück mit dem Wetter. Außerdem ist mein Schnupfen nicht besser geworden.

So richtig wahrhaben wollte ich gestern Abend noch nicht, dass meine Tour heute zu Ende ist. Ich hatte noch Handwäsche gemacht und erst nach dem Essen im Restaurant des Landgasthofs in Ruggell mich noch einmal näher mit den Corona-Bestimmungen befasst. Also Endstation in Lindau am Bahnhof. Ich frühstückte spät, erst um 9 Uhr. Ich war der einzige Übernachtungsgast und die Hotel-Inhaberin war froh, dass ich nicht früh aufbrechen wollte. Das Frühstück war hervorragend. Das einzige, das dem ich auf der ganzen Reise dieses Prädikat ausstellen kann.

Blick zurück: der Rheintalradweg bei Liechtenstein

Meine letzte Etappe war einfach: Am Rheinradweg entlang bis Bregenz und dann rüber auf die deutsche Seite nach Lindau. So machte es nichts, dass das Navi beim Start einen Hänger hatte. Ich fuhr auf Sicht, blieb auf der österreichischen Seite und folgte der Beschilderung. Es war warm, 25, 26 Grad. Am Bodensee hielt ich inne. Von deutscher Seite ist die Sicht natürlich interessanter, da man die Alpenkulisse im Hintergrund sieht. Den Grenzübergang habe ich nicht wahrgenommen. Es gab keine Hinweise. Lindau war mit Touristen überfüllt. Ich bekam einen durchgehenden Regionalexpress um 15:05 Uhr nach Stuttgart und ging nach Ankunft um 18 Uhr zur Corona-Teststation am Bahnhof. In 48 Stunden kann ich das Ergebnis abrufen.

Zeppelin über dem Bodensee
Bregenz
Zollstation auf österreichischer Seite mit Blick zur Schweiz
Bodensee
Rathaus Lindau
Hauptbahnhof Stuttgart: an der Teststation war heute kein großer Andrang

Tagesfazit: 48 Kilometer „Ausrollen“ am letzten Tag der Reise auf sehr guten Radwegen ins Rheindelta am Bodensee. Ein schöner Sommertag, wobei ich in Stuttgart bei starker Bewölkung die Sonnenbrille abnehmen musste.

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SR20-16 Campodolcino – Ruggell (Liechtenstein)

Grüßen am Berg hebt die Stimmung. In Italien in der Regel „Ciao“, seltener „Buon Giorno“, in Frankreich schlicht „Bonjour“, in der Schweiz „Servus“. Heute waren wieder viele Rennradler unterwegs. Am Splügenpass wird sicher regelmäßig gefahren. Während des Giro d’Italia aber umso mehr. Es sind Fans und Unterstützer unterwegs. Man grüßt sich und trifft sich auch mal in einer Kehre zu einer Verschnaufpause.

Gut gefrühstückt kam ich bis zum Pass sehr gut hoch. Auch die steileren Passagen ließen sich fahren. Ich denke, ich war gestern beim Klettern schon zu leergefahren. Als ich die Passstraße hinter Chiavenna in Angriff nahm, war ich schon 75 Kilometer gefahren. Ein paar Kekse waren für die 1.000 Höhenmeter dann wohl nicht ganz ausreichend. Zumindest ging mir die Bergtour heute deutlich leichter von den Beinen. Ich hatte mehr Kraft.

Splügenpass (2.114 Meter) mit Blick in das schweizerische Graubünden
Erstes Tor zur Zieleinfahrt des Giro d’Italia U23 vor Montesplugo

Der Verkehr auf der Passstraße hielt sich in Grenzen. Man sah viele italienische und schweizer Autos, aber auch deutsche aus Stuttgart, Leonberg, Esslingen. In Montespluga, einem Ort unterhalb des Passes, war alles für die Zieleinfahrt der U23 vorbereitet. Ich genoss die Zieleinfahrt mit der Bandenwerbung, einiges Volk war versammelt, die Musik tönte auch schon. Danach waren es noch gut 200 Höhenmeter. Oben angekommen machte ich von zwei italienischen Rennradlern Fotos am Passschild. Eine Frau aus Minden machte eines von mir. Das Wetter war schön, Sonne pur und angesichts der Höhe natürlich etwas Wind. Ich zog mein langärmliges Neon-Oberteil an und machte mich an die Abfahrt. Die Landschaft auf Schweizer Seite sieht völlig anders aus. Bei den Ortschaften wie Splügen ist das klar, es ist auch ein anderes Land. Aber die engen dicht bewaldeten Täler wie die Viamala haben einen ganz anderen Charakter.

Passstraße hinunter in das Schweizer Dorf und Namensgeber Splügen
Enges Tal zwischen Splügen und Viamala

Ich hatte ursprünglich geplant, nur bis Chur zu fahren, ca. 77 Kilometer weit, da ja der Splügenpass Zeit und Kräfte kostet. Gestern war mir das aber zu wenig. Wenn ich etwas mehr fahren würde, verteilten sich die Kilometer der restlichen Etappen bis Stuttgart besser. Außerdem geht es ja bergab. Also buchte ich im liechtensteinischen Ruggell am Rhein ein Zimmer in einem Landgasthof. Vor Chur hatte ich aber einen Hänger und überlegte, die Buchung zu stornieren und in Chur zu bleiben. Es ging gerade wieder in den Berg, auf einer Kiespiste. Ich kam langsamer voran als gedacht, hatte erst 53 Kilometer Strecke gemacht und es war schon halbvier. Dann kam ich aber wieder ins Fahren hinein und beschloss, die geplante Tour zu fahren. Am Rhein gab es gute Radwege. Ich rastete an einer Radlertränke und aß die letzten Kekse. Bald kam ich auf eine wahre Rennstrecke, den Alpen-Rhein-Radweg auf dem Rheindamm, gut asphaltiert. Ohne Mittagspause war ich etwas auf Reserve gefahren, aber die Muskeln waren noch locker. Viertelacht kam ich in meinem Quartier an, mit den letzten Sonnenstrahlen am Rhein.

Fazit: 129 Kilometer, 1329 Meter Aufstieg, 2058 Meter Abstieg. Der Splügenpass war ein besonderer Höhepunkt der Tour. Ich bin froh, dass das Wetter mitgespielt hat. Und die Viamala – einfach eine geniale Landschaft.

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SR20-15 Lecco – Campodolcino

Ich bin schon wieder in ein Radrennen geraten. Als ich am Comer See so vor mich hinfuhr, fiel mir die viele Polizei auf: Carrabinieri, Polizia Municipale, Polizia Locale, auch Zivilschutz. Als ich in einer Haltebucht in einem Busch eine Pinkelpause einlegte, kam die Finanzpolizei. Vor den Beamten war ein Kleinwagen angehalten. Der wurde wieder verscheucht. Abgesehen hatte es die Polizei, ich nehme an so ähnlich wie bei uns der Zoll, auf einen Lkw, der wiederum mich mit meinem Rad wegscheuchte.

Streckenposten für den Giro U23 – mit Ritter

Unterwegs waren mir in entgegengesetzter Richtung zu meiner Route Rennradteams aufgefallen. Als dann noch Mannschaftswagen vorbeifuhren (Kolumbien!), war mir klar, dass das etwas Offizielles ist. Später habe ich in Campodolcino auch ein Schild gesehen: der Giro d’Italia U23. Als ich am Start/Ziel in Colico ankam, waren die schon wieder am Abbauen. Witzig.

Am Ziel kommen nur noch die Langsamen an.

Der Morgen begann ganz gediegen. Ich hatte mich für halbneun zum Frühstück angemeldet. Später kam noch ein junges niederländisches Paar. Wir waren die einzigen Gäste. Christina, die Hausherrin, hatte Wagners Tannhauser aufgelegt. Dass es Wagner sein könnte, ahnte ich, fragte aber nach (Englisch). Christina wollte von mir wissen, wie ich „Tannhauser“ ausspreche. Ich sprach so normal wie möglich „Tannhauser“, mit der Betonung auf der ersten Silbe. Christina sprach nach: „Tann-hauser“. Dazu muss man sich den Frühstücksraum vorstellen: Ein Ambiente wie bei Hofe. Alte Möbel, ein Kamin, große schmale Fenster mit langen Vorhängen, ein Kalvier mit Familienfotos, lange weiße Tischdecken, die über den Boden reichten – wie Schleppen eines Kleides. Dazu Tannhauser. Voll abgefahren, diese Villa Puccini. Die Geschichte hätte ich gerne noch erfragt, aber ich musste los.

Frühstück mit Wagner
Villa Puccini in Lecco am Comer See

Die Zeit verging schnell mit dem Betrachten des Comer Sees und der malerischen Orte aus immer neuen Blickwinkeln und der dazugehörigen Fotos. In Colico lag ich schon mindestens eine Stunde hinter meinem Zeitplan zurück. Und ich hatte noch den ersten Teil des Aufstiegs zum Splügenpass vor mir. Kurz vor Chiavenna machte ich an einer Bank in der Sonne Rast. Meine Handwäsche war noch nicht getrocknet. Dafür war die Bank in der Sonne ideal. Ich trank meine Wasserflaschen aus, um am Berg gut hydriert zu sein und aß ein paar Kekse. Da kam der Marburger mit seinem schwarzen Tourenrad. Ich hatte schon damit gerechnet, dass wir uns irgendwo am Splügenpass wieder treffen. Wir tauschten ein paar Worte. Mir fiel die Unterkunft, die ich gebucht hatte nicht ein. Sonst hätte ich ihn gefragt, wo er übernachtet. Er wollte zumindest auch bis zur Hälfte nach Campodolcino hoch. Eigentlich wollte ich in Chiavenna Mittagspause machen, aber die Rast musste reichen. Die Flaschen waren am nächsten Brunnen, von denen es hier in den Bergen viele gibt, schnell wieder aufgefüllt.

Comer See
Pause bei Chiavenna: Dort, wo das Wasser herkommt, muss ich hin.

Am Beginn der Passstraße verlautete das Hinweisschild, dass der Pass geöffnet sei. Ich arbeitete mich in den Berg, durch Tunnel, von denen es heute einige gab, sogar einige, die einer Tropfsteinhöhle sehr ähnlich waren, machte Trinkpausen, schob die steilen Passagen, von denen es aber nicht so viele gab, wie im Apennin. Am Tunnel vor Campodolcino traf ich den Marburger wieder. Mir war gar nicht klar, dass wir schon so weit oben waren. Im Ort verproviantierte ich mich im Dorfkonsum für das Abendessen und war dann schon um sechs Uhr in meinem Zimmer, rechtzeitig, um bis zur Webkonferenz zu duschen und meine Handwäsche zu machen. Der Chef wusste, dass der Splügenpass morgen von drei bis fünf wegen des Giro gesperrt ist. Mittags sei es aber kein Problem. – Und maß noch schnell Fieber bei mir.

Lebensmittelladen in Campodolcino

Morgen lasse ich den Süden definitiv hinter mir.

Fazit: 90 Kilometer, 1170 Meter Aufstieg (das meiste davon die Passstraße), ein Tag mit Überraschungen, wie man sie als Reisender immer erlebt. Der Comer See und die Villa Puccini werden mir in besonderer Erinnerung bleiben.

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SR20-14 Pavia – Lecco (Comer See)

Ich schob mein Rad heute morgen durch den Wochenmarkt in Pavia und sammelte einen Dorn auf. Mit dem Vorderrad. Schon wieder ein Platter. Ich schob es auf die Piazza della Vittoria und wechselte den Schlauch. Beim Aufpumpen merkte ich, dass das nicht viel bringt. Ich habe den Schlauch beim Einbauen wohl wieder kaputtgemacht. Ich packte alles wieder zusammen und schob das Rad weiter zur nächstgelegenen Werkstatt. In der kleinen Ladenwerkstatt war ziemlicher Andrang, ich hatte gerade eine Lücke erwischt. Der Schlauch war schnell gewechselt, zwei Ersatzschläuche gekauft, einen Helm dazu.

Fahrradreparatur in Pavia
Ein Dorn organischen Ursprungs war die Ursache für den Platten.

Gegen 11 Uhr verließ ich Pavia Richtung Norden. Ich kam bald auf einen schönen Radweg entlang eines Kanals, der mich bei Gegenwind bis nach Mailand führte. Ein paar Kilometer vor der Metropole sprach mich ein älterer Rennradfahrer an, wo ich denn hinwolle. Mit Englisch hatte er es nicht so, deshalb verstummte das Gespräch bald. Er gab mir aber in Fahrradsprache zu verstehen, dass er mich ziehen wolle. Da Kollege Jens mich in die Zeichensprache eingeweiht hat, ordnete ich mich hinter dem Italiener ein und fuhr in seinem Windschatten nach Mailand hinein. In der Stadt verabschiedeten wir uns irgendwo und ich ließ mich vom Navi zum Dom navigieren. Die Sonne war inzwischen herausgekommen. Auf dem Weg heraus aus der City sah ich viele Leute draußen in einem Lokal mit Mittagstisch sitzen. Dort rastete ich und fuhr weiter über Monza nach Lecco an den Comer See.

Mailänder Dom

Ich hatte es nicht eilig, da heute nur eine kürzere Stecke geplant war. Mir war zudem klar, das die Großstadt mit den vielen Ampeln Zeit brauchen würde. – Unterwegs fotografierte ich viel. Dafür musste ich immer mein iPad aus der Radtasche holen, was etwas Umstand bedeutet. Das Smartphone hatte schon wieder keinen Saft mehr und bei den Fotos war ich mir nicht sicher, ob die wirklich gespeichert werden. In der Abendsonne kam ich in Lecco an und checkte in einer Villa mit Seeblick ein. Christina, die Hausherrin, hatte sich überlegt, mir das schönste Zimmer zu geben, zum gleichen Preis. Es seien weiter keine Gäste da. Die großzügige Villa, eingerichtet mit alten Möbeln, passt zu der großartigen Landschaft.

Für morgen habe ich die halbe Strecke für den Splügenpass geplant, die ersten 1.000 Höhenmeter bis Campodolcino. Mir fehlt die Erfahrung, den 30 Kilometer langen Anstieg in einem Stück zu fahren. Außerdem habe ich um 19 Uhr noch eine Webkonferenz und ich will zeitlich nicht in die Bredouille geraten. Dann wird das Wetter auch etwas besser im Verlauf der Woche. Das kommt mir ebenfalls zupass. Mein Schnupfen ist leider noch nicht weg.

Fazit: 96 Kilometer, einmal mitten durch Mailand zum Comer See. Die Alpen haben mich wieder. Im Vergleich zu Genua ist Mailand eine Erholung mit dem Rad. Bis vielleicht auf das alte Kopfsteinpflaster.

Comer See mit Abfluss
Zimmer mit Seeblick
Das schönste Zimmer der Villa
Abendliche Handwäsche
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SR20-13 Genua – Pavia

Ich hätte schon um sechs in Pavia sein können. Aber auf den letzten Kilometern verhedderte ich mich noch in Baustellen und Sackgassen. So ist das manchmal auf Radtouren.

Pavia: der Ponte Coperta mit Dom im Hintergrund

Nach dem Ruhetag gestern bin ich heute für meine Verhältnisse früh aufgebrochen. Mir schwante schon, dass die Berge Zeit kosten würden. Deshalb war es gut, etwas Puffer einzuplanen. Ich war froh, nach einigen Kilometern Genua hinter mir lassen zu können. Der Großstadtverkehr war anstrengend, viel Lärm, Hochstraßen, Tunnel, wenige Radwege, alles sehr verbaut und grau vom vielen Verkehr. Für die schönen Seiten muss man sich sicher mehr Zeit nehmen, als ich sie mitgebracht hatte.

A propos Zeit. Es ist natürlich immer die Frage, wie viel Zeit man sich nimmt. Diese Art des Reisens erfordert immer den Blick auf die Uhr, auf das Datum und Faktoren, die Zeit brauchen. Der Weg ist zwar auch ein Ziel, aber nicht alles. Natürlich steht für mich die Bewegung im Vordergrund. Das Durchqueren von Landschaften mit dem Rad, in der Hitze, auch mal mit Wetter-Unbill, das ist für mich Sommer. Es braucht aber für mich auch ein Fernziel, das zieht: das Meer zum Beispiel, die Ostsee, das Mittelmeer. Und es ist der Reiz, aus eigener Kraft hin- und zurückzukommen. So gesehen ist es auch wiederum ein langsames, entschleunigtes Reisen. Ich kann täglich die sich verändernde Landschaft beobachten, die Vegetation, übernachte in vielen verschiedenen Städten und bekomme dadurch ein Gefühl für Europa. Wie schnell ist man doch in den Alpen, im Mittelmeerraum, in Tschechien und Polen, selbst mit dem Rad.

Im Apennin war es erwartungsgemäß ein schwieriges Vorankommen. Ich musste das Rad immer wieder schieben, da die Anstiege zu steil waren. Halbeins etwa erreichte ich den Passo della Bocchetta, 772 Meter hoch. Ich war nassgeschwitzt und trocknete mich an der Sonne. Unterwegs war mir der Schweiß schon über die Stirn fasst in die Augen getropft. Ich tupfte mit der Serviette vom Frühstücksbüffet die salzige Brühe ab. Auf irgendeiner Etappe floss mir der Schweiß mal ins Auge – ein brennender Schmerz.

Vom Pass aus sah ich das letzte Mal für dieses Jahr das Mittelmeer. Das Grau des Wassers ließ sich vom Horizont kaum unterscheiden. Nur die Fahrspur eines großen Schiffes und das Blinken eines anderen Schiffes verieten das Meer. Plötzlich kam ein Radtourer aus Deutschland angeschoben. Er war in Marburg gestartet, hatte die Alpen über den Reschenpass gequert und war über Rom nach Sizilien gefahren. Von dort war er gestern mit der Fähre in Genua angekommen, um die Heimreise anzutreten. Er wollte heute auch nach Pavia und dann über den Splügenpass. Auf 1.000 Meter hat er schon eine Unterkunft. Ich überlege, ob ich das auch mache.

Am Anfang der Bergtour ist mir noch ein italienischer Radtourenfahrer begegnet. Vielleicht hat er ein anderes Ziel oder war langsamer. Auf dem Pass habe ich ihn jedenfalls nicht gesehen, obwohl ich ja eine Pause gemacht hatte. Ich verabschiedete mich von dem Marburger und meinte, wir würden uns sicher wieder treffen. Erst in Tortona machte ich eine Pause. Im Grunde genommen war alles nach dem Bocchetta-Pass eine Rennstrecke, bis vielleicht auf zwei, drei Ausnahmen. Nach der Abfahrt ging es auf größeren, gut ausgebauten Straßen mit breitem Seitenstreifen weiter. Das Gelände flachte langsam bis Pavia ab, sodass ich in höheren Gängen gut durchziehen konnte. Wenn da nicht hinter der Po-Brücke eine dämliche Route über kiesige Sandwege gewesen wäre. Ich kam dann in zwei Dörfern zwar wieder auf gute Radwege. Aber eine kleine Nebenstraße, die mich ans Ziel bringen sollte, war gesperrt. Auch mit Alternativstrecken war nicht viel zu machen. Das Navi zeigte zwar einen Weg an, aber nicht den Zaun, der die Weiterfahrt blockierte. Ich fuhr also wieder zurück bis zu einem Dorf und folgte einem Schild nach Pavia. Hinter einer Kurve lag dann plötzlich überraschend die Altstadt in der Abendsonne vor mir, mit der schönen Ponte Coperto. Es war kurz vor sieben.

Der Ponte Coperta bietet einen vorzüglichen Weg in die Stadt Pavia.

Mein Smartphone lässt mich immer mehr im Stich, was auf einer Reise besonders ungünstig ist, z. B. für Absprachen mit den Unterkünften. Fotos finden sich in der Galerie nicht wieder – oder nur manchmal. Oder es gibt keine Vorschau mehr. WhatsApp hat ja schon das Ende des internen Speichers verkündet, aber ich kann die mehr als reichliche Speichererweiterung nicht zuweisen. Die Apps starten langsam. Während der Fahrt heute war plötzlich der Akku alle. Irgendwas muss irrsinnig Strom gezogen haben. Fotos lassen sich in die Dropbox nicht mehr hochladen. In Pavia habe ich dann mit dem iPad fotografiert. Das Tablet ist für schnelle Fotos unterwegs natürlich ungeeignet. – Was tun mit dem Handy? Ich werde jetzt wegen der Tour am Sailfish OS nicht viel herumbasteln.

Fazit: 126 Kilometer, 1051 Meter Anstieg, eine anstrengende Bergetappe durch den Appenin mit dem letzten Blick ans Mittelmeer aus 772 Metern Höhe und eine sehr schöne alte Stadt in der Lombardei zum Betrachten und Übernachten. Ich habe mir bis Tortona einen leichten Sonnenbrand geholt: Erwischt hat es die kahlen Stellen an meinem Kopf. Ich habe mich zu spät eingecremt. Mit 26 Grad war es heute am 1. September in der Po-Ebene noch hochsommerlich warm. Die leichten Halsschmerzen von den Klimaanlagen in den letzten Hotelzimmern sind noch nicht ganz weg. Normalerweise schwitzt sich das auf der Tour aus.

Der Fluss in Pavia heißt Ticino.
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SR20-12 Savona – Genua

Im Hotel wurden heute morgen alle einzeln bedient. Entsprechend lang war die Schlange. 1,50 Meter Abstand war damit auch passé. Der Abstand zwischen der Serviererin und denen, die gerade bestellten, war drei Meter. Dafür hat sie die Bestellungen mit Mundschutznuscheln und Englisch gut verstanden. Die Aufzüge waren so blöd programmiert, dass sie die Eingaben nicht prioritär sondern immer das nächstbeste abarbeiteten. So kam ich natürlich nicht mehr in den 6. Stock zurück und benutzte das Treppenhaus. Oben angekommen, ab und zu den Mundschutz gelüftet, schnauf, kam ich nicht ins Zimmer hinein. Also wieder nach ganz unten zur Rezeption, Schlüssel entsperren lassen. Und wieder ganz hoch.

Ich habe aus Versehen eine abgelaufene Zweit-Kreditkarte mitgenommen und musste den Kreditrahmen für meine Erstkarte mit meinem eigenen Internet erst einmal erhöhen. Dann rief das Hotel in Genua an, das ich gebucht hatte. Es sei geschlossen, sie würden mich aber ebenfalls in der Altstadt in ein Vier-Sterne-Hotel upgraden, bräuchten aber meine E-Mail-Adresse. – Na gut, wenn’s sein muss. Vier Sterne klingt gut für 39 Euro. Dann noch schnell die E-Mail mit der neuen Adresse konfirmiert. – Bis man so loskommt. Zum Glück habe ich ja heute einen Badetag zur Erholung eingeplant, bevor es in die Berge geht, und muss nur die rund 50 Kilometer rüber nach Genua.

Es gab auf der Strecke wieder einige Fahrrad- und Fußgängertunnel. Einer war gesperrt. Ich weiß nicht mehr, ob ich mehr Auto- oder mehr Fahrradtunnel gefahren bin. Die gehören hier einfach zur Landschaft dazu. Man kann das Rücklicht gleich anlassen. Nach ein paar kleinen Buchten und vielen kleinen Badestränden kam ich in das Großstadtverkehrsgewirr. Die Straßen wurden schlechter, es gab Stau an Baustellen und Radwege waren nur noch teilweise vorhanden. Ich kaufte etwas zu essen und machte eine längere Mittagspause am Meer. Ich könnte stundenlang dem Meer bei der Arbeit zuschauen, wie sich die Wellen an den groben Steinen im Hafen brechen und sich die Farben im Spiel des Lichts verändern.

Genua zieht sich 35 Kilometer am Meer entlang. Die Ausbreitungsmöglichkeiten in die Berge sind begrenzt, hatte ich gestern noch gelesen. – Das Hotel liegt tatsächlich mitten in der Altstadt. Am Eingang gibt es eine elektronische Gesichtskontrolle, ob man seinen Mundschutz aufhat. Das habe ich gestern bei Conad, einem großen Supermarkt, auch gesehen. Dort starrte man kurz in die Kamera, sah sein eigenes Bild auf dem Display und es piepte grün, Eingang frei.

Als ich meine Badehose auspackte, fing es zu regnen an. Ich packte trotzdem die Badesachen ein. Regen schadet nicht, dachte ich. Als dann Gewittergrollen und Blitze dazukamen, packte ich die Sachen wieder aus und warf mir meine Regenjacke um. Ich gab am Empfang den Bestellzettel für’s Frühstück ab und lief im Regen durch die engen, dunklen Altstadtgassen. Ich wollte zum Porto Antico, doch der Regen wurde stärker. Meine Schuhe waren durchgeweicht. Ich besorgte Grana Padano, Pesto, Brot und Bier und schlappte in meinen nassen Schuhen zurück ins Hotel, Gesichtskontrolle und dann erst einmal Dusche. Für die nächsten Tage Tourplanung im Bett und morgen früh aufstehen. Ich muss morgen den Heimweg antreten und über den Apennin. Die Route sollte nicht über 700 Höhenmeter gehen, aber die Anstiege, die Komoot ausweist, machen mir noch etwas Kopfzerbrechen. Mehr als 15 Prozent sind mit meinem Gepäck und meinem Eigengewicht unrealistisch. 25 Prozent, 33 Prozent? Ich will ja nicht Bergsteigen. Also ist an der Routenplanung noch etwas Arbeit nötig. Außerdem: Wetterbericht, Wind, Unterkunft buchen… Das übliche.

Fazit: Ein Tag zum Durchschnaufen und Ausrollen (48 Kilometer).

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SR20-11 Ventimiglia – Savona

In der Nacht hatte es weiter geregnet, Donnergrollen war zu hören. Doch heute gab es den ganzen Tag Sonne pur. Ich hatte eigentlich mit weiteren Schauern gerechnet. Der Wind war deutlich aufgefrischt und kam aus südlichen Richtungen. Das Meer hatte kräftigen Wellengang. Es waren kaum Boote draußen. Die Badenden wagten sich ebenfalls kaum ins Wasser.

Mittelmeer in Ventimiglia

Mit dem Rückenwind sauste ich die ersten 20, 30 Kilometer an der Riviera entlang, durch Sanremo, San Stefano, San Lorenzo. Der außerordentlich gut ausgebaute Radweg, eine Rennstrecke, führte an den Bahnhöfen entlang, sodass ich die Namen der Orte sehen konnte, durch die ich fuhr. Wenn man nicht auf größeren Straßen unterwegs ist, fehlen einem oft die Ortsnamen. Mit außerordentlich gut ausgebaut meine ich die Rad- und Fußgängertunnel, die in der Mittagshitze eine willkommene Abkühlung darstellen. In einigen plätschert an den Wänden Wasser herunter. Der Streckenabschnitt war auch deshalb sehr gut zu fahren, weil man ihn sich nicht mit den Autos teilen musste. Lediglich die Sonntagsausflügler, Badegäste und Sonntagsrennfahrer musste man mit entsprechender Voraussicht begegnen.

Rad- und Fußgängertunnel machen die Etappe zwischen Ventimiglia und San Lorenzo zur Rennstrecke

Ich kam immer wieder dicht am Meer vorbei. Ich spürte die Gischt im Gesicht und die Brille beschlug mit einem mineralischem Film. Hinter den kleinen Hafenstädten ging es auf den Küstenstraßen bergauf. An den felsigen Steilküsten brachen sich die Wellen. Dann folgte immer eine angenehme Abfahrt bis an die Häfen und Strände. Das wiederholte sich bis Savona. Von weiter oben hatte ich immer eine gute Sicht auf die Buchten und Häfen. Ich hielt immer mal inne, um Fotos zu machen. Im Meer wechselten sich Flächen von Azurblau bis Tiefblau ab.

Riesiger Blütenstand einer Agave

Ich ernährte mich von Eis und Weintrauben. Obwohl es nur bis 28 Grad warm wurde, war ich etwas müde. Ich hatte in der Gewitternacht nicht so gut geschlafen und legte deshalb zwei, drei Pausen auf der Strecke ein. Ich fand immer wieder Brunnen. An der letzten Wasserstelle hab ich wohl meinen Helm liegenlassen. Ich hatte nicht den Ehrgeiz zurückzufahren, zumal das Teil ein Billigfehlkauf war. In Genua oder Mailand werde ich mir einen neuen besorgen.

Frischer Fisch: gut, wenn man eine Bratpfanne dabei hat
Interessante Bierpreise in Borgo Marina (Imperia): 0,33 ist klar, 0,66 konsequent – der Mengenrabatt prima
Yachthafen Imperia

Als ich um sieben im Hotel in Savona ankam, zogen von den Bergen her Gewitterwolken auf. Ich war froh, nicht bis Genua geplant zu haben. Gewitter und Regen blieben aber aus. Ich werde morgen einen Badetag einlegen, um etwas Kräfte für die Rückfahrt zu sammeln.

Azur-Radweg: schön, aber nur 200 Meter lang

Fazit: 114 Kilometer mit Rückenwind an der itailenischen Riviera. Den ganzen Tag am Meer, der weite Blick zum Horizont und zu den nahen Inseln. Ich habe noch das Rauschen der Wellen im Ohr.

Brunnen am Strand von Alassio
Brunnen bei Noli oder Spotorno: trotzdem musste ich am Abend weiter nachfüllen, es war doch recht warm heute
Gutes Frühstück gab’s während der Tour noch in keinem Hotel. Der Kaffee in Fréjus war super (Ibis), man konnte ihn am Automaten nach belieben ziehen. Das mit dem Klappgitter und dem Toast war heute etwas mühsam. Ich musste nach Röstung das Teil mühsam herauskratzen.

Bei der Komoot-Aufzeichnung fehlt das Stück am Anfang von Ventimiglia bis Ospedaletti. Das Navi hatte sich immer abgeschaltet.

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SR20-10 Fréjus-Ventimiglia

Es ist heute etwas später geworden. Mir war nicht klar, dass ich genau dann durch Nizza fahre, wenn die Tour de France ins Etappenziel läuft. Witzig. Ich bin dann in die Dunkelheit gekommen und war erst halbzehn im Hotel in Ventimiglia. Verspätungsfaktoren neben der Tour de France: viel fotografiert, Gewitterregen mit zwei Pausen und in Monaco am Abend im Straßengewirr noch etwas verheddert. Ich dachte ich kürze weiter unten an der Küste etwas ab. Aber in Monte Carlo hatten sie einen Club am Wasser – kein Durchkommen.

In meinem Hotel in Fréjus haben auch Tour-Leute übernachtet.
Die Tour in Nizza: passt farblich zu meinem Rad.

Von vorne. Der Tag in Fréjus begann wolkenverhangen, aber es kam immer wieder die Sonne durch. Ich hielt immer wieder, um die wechselnden Ausblicke auf Buchten, Inseln, Häfen und Berge auf mich wirken zu lassen und Fotos zu machen. Ab und zu arbeitete ich mich eine Küstenstraße weiter hinauf, dann ging es in Serpentinen wieder ans Wasser. Komoot wollte mich weiter im Landesinneren über die Berge schicken, was den Weg auch abkürzt. Die Küstenstraßen waren heute zudem weniger befahren, da wir im Rückreisewochenende sind. Die französischen Ferien gehen zu Ende. Außerdem sind auch weniger ausländische Gäste an der Côte d’Azur. Ich hatte erst ab dem späteren Nachmittag mehr Verkehr an der Küste.

Mittelmeerküste zwischen Fréjus und Cannes

In Antibes wollte ich Pasta essen. Hunger. Der Wirt wies mich darauf hin, dass er um 14 Uhr schließt. Es war schon kurz nach drei. Ich kehrte am Bahnhof in einer Boulangerie mit überdachter Außenterrasse ein. Das war wegen des heftigen Gewitterregens, der eingesetzt hatte, auch nötig. Kurz vor Nizza musste ich eine weitere Pause einlegen. Wieder eine Boulangerie. Wieder aß ich etwas, um die Zeit sinnvoll zu nutzen und für die abendliche Tour gerüstet zu sein. Auf der Pissaladière (Zwiebelkuchen) hatten sich noch zwei Sardellen gezeigt, was für meinen Salzaushalt ideal war.

Ein Stück Pissaladière vertreibt Gewitter.

In Nizza war eine Brücke gesperrt. Ich folgte einem anderen Radfahrer und fand einen Weg. Dann wurde mir klar, dass hier die Tour-de-France-Fahrer erwartet werden. Ich wusste, dass sie in Nizza starten, war mir aber über den Tag nicht mehr sicher. Außerdem war mir nicht klar, dass sie im Kreis waren und abends wieder am gleichen Ort sind. Völlig sinnfrei. – Die Zieletappe ging am Flughafen vorbei, der ja sehr dicht am Stadtzentrum gelegen ist. Als ein Sprecher durchgab, wie viele Kilometer das Peloton noch entfernt ist, beschloss ich doch noch zu warten und in der Zwischenzeit mein Hinterrad aufzupumpen. „12 Kilometer, 10 Kilometer, noch 8 Kilometer, die Spannung steigt“, sagte der Sprecher. Links und rechts der Absperrungen standen die Fans und klatschten, als die ersten vorbeisausten. Ich versuchte Fotos und Videos zu machen.

Kurz vor dem Zieleinlauf habe ich auf die Tour gewartet und mein Rad aufgepumpt.
Medien bei der Tour: alle sind da.
Nizza mit Absperrungen für die Zieleinfahrt der Tour de France

Als ich wieder aufbrach, begann es zu regnen. Ich musste trotzdem noch ein paar Fotos machen, was kaum gelang, da alles schon sehr nass war, einschließlich das Smartfon. Da es noch recht warm war, machte mir der Regen nichts aus. Bis Monaco war ich wieder trocken. Erst in dem Fürstentum setzte wieder Regen ein. Die Dämmerung ging in die Nacht über. Monaco und Monte Carlo sind schon eine Welt für sich. Irrsinnig noble Hotels, dann aber auch scheußliche Bettenburgen, riesige Hochhäuser. Überall Kräne, es wird gebaut und weiter in Beton investiert.

Monaco
Monaco
Flughafen in Nizza

Ich musste die Berge wieder hoch und runter, erreichte aber bald die italienische Grenze. Lustig, dass der erste Ort in Italien Latte heißt. Ganz klar, dass ich hier noch nicht Station mache, sondern eins weiter, in Ventimiglia, dass ich nach einigen Tunneln erreichte. Im Ort war noch Leben auf den Straßen, ein Supermarkt war geöffnet. Als ich die Serpentinen in den Ort hinunterfuhr tat es bei 40-50 km/h einen ziemlichen Schlag – ein Schlagloch, schmal und quer, aber tief Mitten auf der Straße. Das Rad scheint’s verkraftet zu haben. Ich schaue es mir bei Tageslicht an. Der Rezeptionist im Hotel sprach Deutsch und zeigte mir gleich den Fahrradkeller.

Monte Carlo

Fazit: 126 Kilometer, 981 Meter Anstieg, 1045 Meter Abstieg. Trotz des Regens war die Côte d’Azur Azur. Ich habe mich an den Steilküsten, den Palmen, Villen und Promenaden satt gesehen. Ein Traum. Mein Favorit: Nizza. Nicht wegen der Tour de France, aber das war auch speziell heute.

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SR20-09 Ginasservis – Fréjus

Ich hätte den Tag auch gut in meinem abgedunkelten Zimmer verschlafen können. Raus in die provençalische Hitze? Den ganzen Tag Radfahren? – Ach nö. So war meine Stimmung. Aber den Ruhetag hatte ich ja gestern schon. Mir war klar, dass ich, sobald ich auf dem Rad ein paar Kilometer gefahren bin, wieder ganz drin bin und mir nicht vorstellen kann, dass es jemals anders sein würde.

Nach ein paar Telefonaten und der Verabschiedung von der Wirtin brach ich relativ spät auf. Ich hinterließ wegen der Hilfe bei der Rad-Panne noch einen Obolus. Es war halbzwölf geworden. Aber dadurch, dass die Entfernung nach Fréjus überschaubar ist und es ans Mittelmeer ja bergab geht, machte ich mir keine weiteren Gedanken.

Luberon

Die Trockenheit im Luberon ist in dieser Jahreszeit normal, aber es ist wohl noch trockener als sonst. Bei unserem Ausflug nach Saint-Maximin machte mich Monsieur (der Wirt der Bergerie) auf die vertrocketen Felder aufmerksam. Die Sonnenblumen waren deutlich kleiner als in den bewässerten Flächen an der Durance. Und sie waren ziemlich braun. Überall stehen Schilder, die auf die Waldbrandgefahr hinweisen. Schäden an den Bäumen habe ich nicht wahrgenommen. Ich kam durch Eichenwälder, die ich gar nicht erwartet hätte. Die Region ist ansonsten durch Nadelgehölze, Kiefern und Pinien, geprägt. Und natürlich durch Feigen- und Olivenbäume.

Geschichte I in Régusse (ein Brunnen mit Trinkwasser) und…
Geschichte II in Apt: Es gibt in der Gegend immer wieder Hinweise auf die Résistance. Die Bildkomposition lässt zu wünschen übrig. Ich habe aber bei dem Gegenlicht nüscht gesehen.

Ich hatte bei 30 Grad einige Höhenmeter zu fahren, aber bei Aups ging es immer stärker bergab. In Lorgues machte ich eine Melonenpause. In dieser Gegend gibt es viele Obst- und Gemüsestände direkt von Produzenten an der Straße, wobei die Melonen wohl auch importiert werden. Wassermelonenfelder habe ich jedenfalls nicht gesehen. Noble Weingüter sind mir aufgefallen: ein Château wechselte das nächste ab. Verkostung natürlich und Weinhandlungen, um das zahlungskräftige Publikum von der Côte d’Azur zu bedienen, aber auch für normale Leute.

Lorgues
Weingut I
Weingut II

In Fréjus entschied ich mich nicht zuerst ins Hotel zu fahren, sondern gleich runter ans Meer zu rollen. Die Strecke Stuttgart-Côte d’Azur ist damit geschafft. Ein gutes Gefühl. Das Wasser war im ersten Moment eine schöne Abkühlung. Dann merkte ich nach einer Weile, dass es doch ziemlich warm und etwas verdreckt ist. Der Strand in Hafennähe war noch ganz gut besucht. Zwei Boote zogen fallschirmartige Teile mit jeweils zwei Leuten im Gehänge durch die Bucht.

Sieht aus wie ein Gebäude in Mali und ist Übungsgelände für’s Militär
Am Strand in Fréjus, in der Nähe des alten römischen Hafens.
Das Wetter wird schlechter, aber es wird wohl vor allem die Schweiz und Norditalien mit viel Regen treffen. Vermutlich komme ich mit ein paar Schauern davon.
Zweisprachige Ortsschilder sind hier üblich.

Auf dem Weg in mein Hotel besorgte ich Proviant für’s Abendessen. Als ich gerade zahlte, kam eine Frau herein und fragte lautstark mit tiefer Stimme nach „Päng!“. Antwort der Kassiererin, die auf ein Regal gleich rechts am Eingang zeigte: „Da ist doch Päng!“. Das Provençalische ist schon sehr lustig.

Fazit: 109 Kilometer (ohne den Umweg an den Strand wären es 95 gewesen); 990 Meter Anstieg, 1.427 Meter Abstieg. Der Luberon hat wunderschöne einsame Gegenden, bei denen man sich Gedanken um Wasservorräte und Reparaturzeug machen muss. Heute kam ich durch eine Landschaft mit mehr Infrastruktur, aber auch mehr Verkehr, je näher es an die Küste ging.

Corona-Hinweisschild in Lorgues
Der Wein vertrocknet hier.
Muss noch rausfinden, wie dieses haushohe Zuckerrohrschilf wirklich heißt. Es wächst hier überall an den Straßenrändern.
Nach einer Melonenpause kommt man wieder gut den Berg hinauf.
Gibt’s also nicht nur in Belgien – ich hab’s aber bei der Melone belassen.
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SR20-08: Ruhetag im Luberon

Heute morgen merkte ich die Anstrengungen der vergangenen Tage. Die viele Bewegung, die ungewohnte Hitze, Muskelkater, 964 Kilometer seit Stuttgart… Ich hatte nach dem Platten gestern schon beschlossen, heute eine Pause einzulegen und mich in Ruhe um die Reparatur zu kümmern. Ich hatte mich erst für 9 Uhr zum Frühstück angemeldet. Ich war auf der Terrasse der Bergerie Provençale der einzige Gast. Die anderen hatten schon das Weite gesucht.

Schlauchwechsel: Das Bild ist etwas verschoben, weil die Software für die Smartphone-Kamera so langsam ist. Deshalb habe ich auch viele Bilder von Händen und Hosentaschen. 🙁

Ich fragte die Wirtin nach einem Bus nach Manosque, um mich um Schläuche für’s Rad zu kümmern. Sie meinte, dass die Busverbindungen schlecht seien und ihr Mann mich mitnehmen würde. Er kam dann auch und sagte, dass es in Saint-Maximin einen Fahrradladen gäbe, der Scott-Räder handle. Wir fuhren gleich los, ca. 25 Kilometer eine Tour. Er machte das nur für mich und hatte nicht etwa noch anderes zu erledigen. Von wegen „mitnehmen“. Der Händler meinte, bis heute Abend sei das Rad repariert. Das war natürlich nicht nötig, denn ich hatte ja für den Schlauchwechsel alles da. Das Ventil schien mir etwas kurz zu sein, aber das Rad ließ sich gut aufpumpen.

Nach einer Mittagspause kümmerte ich mich um die weitere Tourplanung. Ich entschied mich, wie ursprünglich geplant, morgen nach Fréjus zu fahren. Das Mittelmeer ist das Fernziel schlechthin für die Tour, wobei jeder Tag bisher seine besonderen Reize hatte. Es heißt auch wieder die aktuellen Reisewarnungen zu lesen. Lässt mich Italien noch rein? Mal schauen.

Feigen am Wegesrand: Einige sind schon reif.

Im Restaurant der Bergerie gönnte ich mir ein Menü mit Fromage als Abgang. Herrlich.

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