SR20-16 Campodolcino – Ruggell (Liechtenstein)

Grüßen am Berg hebt die Stimmung. In Italien in der Regel „Ciao“, seltener „Buon Giorno“, in Frankreich schlicht „Bonjour“, in der Schweiz „Servus“. Heute waren wieder viele Rennradler unterwegs. Am Splügenpass wird sicher regelmäßig gefahren. Während des Giro d’Italia aber umso mehr. Es sind Fans und Unterstützer unterwegs. Man grüßt sich und trifft sich auch mal in einer Kehre zu einer Verschnaufpause.

Gut gefrühstückt kam ich bis zum Pass sehr gut hoch. Auch die steileren Passagen ließen sich fahren. Ich denke, ich war gestern beim Klettern schon zu leergefahren. Als ich die Passstraße hinter Chiavenna in Angriff nahm, war ich schon 75 Kilometer gefahren. Ein paar Kekse waren für die 1.000 Höhenmeter dann wohl nicht ganz ausreichend. Zumindest ging mir die Bergtour heute deutlich leichter von den Beinen. Ich hatte mehr Kraft.

Splügenpass (2.114 Meter) mit Blick in das schweizerische Graubünden
Erstes Tor zur Zieleinfahrt des Giro d’Italia U23 vor Montesplugo

Der Verkehr auf der Passstraße hielt sich in Grenzen. Man sah viele italienische und schweizer Autos, aber auch deutsche aus Stuttgart, Leonberg, Esslingen. In Montespluga, einem Ort unterhalb des Passes, war alles für die Zieleinfahrt der U23 vorbereitet. Ich genoss die Zieleinfahrt mit der Bandenwerbung, einiges Volk war versammelt, die Musik tönte auch schon. Danach waren es noch gut 200 Höhenmeter. Oben angekommen machte ich von zwei italienischen Rennradlern Fotos am Passschild. Eine Frau aus Minden machte eines von mir. Das Wetter war schön, Sonne pur und angesichts der Höhe natürlich etwas Wind. Ich zog mein langärmliges Neon-Oberteil an und machte mich an die Abfahrt. Die Landschaft auf Schweizer Seite sieht völlig anders aus. Bei den Ortschaften wie Splügen ist das klar, es ist auch ein anderes Land. Aber die engen dicht bewaldeten Täler wie die Viamala haben einen ganz anderen Charakter.

Passstraße hinunter in das Schweizer Dorf und Namensgeber Splügen
Enges Tal zwischen Splügen und Viamala

Ich hatte ursprünglich geplant, nur bis Chur zu fahren, ca. 77 Kilometer weit, da ja der Splügenpass Zeit und Kräfte kostet. Gestern war mir das aber zu wenig. Wenn ich etwas mehr fahren würde, verteilten sich die Kilometer der restlichen Etappen bis Stuttgart besser. Außerdem geht es ja bergab. Also buchte ich im liechtensteinischen Ruggell am Rhein ein Zimmer in einem Landgasthof. Vor Chur hatte ich aber einen Hänger und überlegte, die Buchung zu stornieren und in Chur zu bleiben. Es ging gerade wieder in den Berg, auf einer Kiespiste. Ich kam langsamer voran als gedacht, hatte erst 53 Kilometer Strecke gemacht und es war schon halbvier. Dann kam ich aber wieder ins Fahren hinein und beschloss, die geplante Tour zu fahren. Am Rhein gab es gute Radwege. Ich rastete an einer Radlertränke und aß die letzten Kekse. Bald kam ich auf eine wahre Rennstrecke, den Alpen-Rhein-Radweg auf dem Rheindamm, gut asphaltiert. Ohne Mittagspause war ich etwas auf Reserve gefahren, aber die Muskeln waren noch locker. Viertelacht kam ich in meinem Quartier an, mit den letzten Sonnenstrahlen am Rhein.

Fazit: 129 Kilometer, 1329 Meter Aufstieg, 2058 Meter Abstieg. Der Splügenpass war ein besonderer Höhepunkt der Tour. Ich bin froh, dass das Wetter mitgespielt hat. Und die Viamala – einfach eine geniale Landschaft.

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SR20-15 Lecco – Campodolcino

Ich bin schon wieder in ein Radrennen geraten. Als ich am Comer See so vor mich hinfuhr, fiel mir die viele Polizei auf: Carrabinieri, Polizia Municipale, Polizia Locale, auch Zivilschutz. Als ich in einer Haltebucht in einem Busch eine Pinkelpause einlegte, kam die Finanzpolizei. Vor den Beamten war ein Kleinwagen angehalten. Der wurde wieder verscheucht. Abgesehen hatte es die Polizei, ich nehme an so ähnlich wie bei uns der Zoll, auf einen Lkw, der wiederum mich mit meinem Rad wegscheuchte.

Streckenposten für den Giro U23 – mit Ritter

Unterwegs waren mir in entgegengesetzter Richtung zu meiner Route Rennradteams aufgefallen. Als dann noch Mannschaftswagen vorbeifuhren (Kolumbien!), war mir klar, dass das etwas Offizielles ist. Später habe ich in Campodolcino auch ein Schild gesehen: der Giro d’Italia U23. Als ich am Start/Ziel in Colico ankam, waren die schon wieder am Abbauen. Witzig.

Am Ziel kommen nur noch die Langsamen an.

Der Morgen begann ganz gediegen. Ich hatte mich für halbneun zum Frühstück angemeldet. Später kam noch ein junges niederländisches Paar. Wir waren die einzigen Gäste. Christina, die Hausherrin, hatte Wagners Tannhauser aufgelegt. Dass es Wagner sein könnte, ahnte ich, fragte aber nach (Englisch). Christina wollte von mir wissen, wie ich „Tannhauser“ ausspreche. Ich sprach so normal wie möglich „Tannhauser“, mit der Betonung auf der ersten Silbe. Christina sprach nach: „Tann-hauser“. Dazu muss man sich den Frühstücksraum vorstellen: Ein Ambiente wie bei Hofe. Alte Möbel, ein Kamin, große schmale Fenster mit langen Vorhängen, ein Kalvier mit Familienfotos, lange weiße Tischdecken, die über den Boden reichten – wie Schleppen eines Kleides. Dazu Tannhauser. Voll abgefahren, diese Villa Puccini. Die Geschichte hätte ich gerne noch erfragt, aber ich musste los.

Frühstück mit Wagner
Villa Puccini in Lecco am Comer See

Die Zeit verging schnell mit dem Betrachten des Comer Sees und der malerischen Orte aus immer neuen Blickwinkeln und der dazugehörigen Fotos. In Colico lag ich schon mindestens eine Stunde hinter meinem Zeitplan zurück. Und ich hatte noch den ersten Teil des Aufstiegs zum Splügenpass vor mir. Kurz vor Chiavenna machte ich an einer Bank in der Sonne Rast. Meine Handwäsche war noch nicht getrocknet. Dafür war die Bank in der Sonne ideal. Ich trank meine Wasserflaschen aus, um am Berg gut hydriert zu sein und aß ein paar Kekse. Da kam der Marburger mit seinem schwarzen Tourenrad. Ich hatte schon damit gerechnet, dass wir uns irgendwo am Splügenpass wieder treffen. Wir tauschten ein paar Worte. Mir fiel die Unterkunft, die ich gebucht hatte nicht ein. Sonst hätte ich ihn gefragt, wo er übernachtet. Er wollte zumindest auch bis zur Hälfte nach Campodolcino hoch. Eigentlich wollte ich in Chiavenna Mittagspause machen, aber die Rast musste reichen. Die Flaschen waren am nächsten Brunnen, von denen es hier in den Bergen viele gibt, schnell wieder aufgefüllt.

Comer See
Pause bei Chiavenna: Dort, wo das Wasser herkommt, muss ich hin.

Am Beginn der Passstraße verlautete das Hinweisschild, dass der Pass geöffnet sei. Ich arbeitete mich in den Berg, durch Tunnel, von denen es heute einige gab, sogar einige, die einer Tropfsteinhöhle sehr ähnlich waren, machte Trinkpausen, schob die steilen Passagen, von denen es aber nicht so viele gab, wie im Apennin. Am Tunnel vor Campodolcino traf ich den Marburger wieder. Mir war gar nicht klar, dass wir schon so weit oben waren. Im Ort verproviantierte ich mich im Dorfkonsum für das Abendessen und war dann schon um sechs Uhr in meinem Zimmer, rechtzeitig, um bis zur Webkonferenz zu duschen und meine Handwäsche zu machen. Der Chef wusste, dass der Splügenpass morgen von drei bis fünf wegen des Giro gesperrt ist. Mittags sei es aber kein Problem. – Und maß noch schnell Fieber bei mir.

Lebensmittelladen in Campodolcino

Morgen lasse ich den Süden definitiv hinter mir.

Fazit: 90 Kilometer, 1170 Meter Aufstieg (das meiste davon die Passstraße), ein Tag mit Überraschungen, wie man sie als Reisender immer erlebt. Der Comer See und die Villa Puccini werden mir in besonderer Erinnerung bleiben.

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