Vierte Etappe: Laas-Meran-Bozen

76 Kilometer, 990 Höhenmeter (bergab), 3:37 Stunden (netto)

Ein paar Anmerkungen zur Ausrüstung. Ich bin ja froh, dass mich Kollege Jens beraten hat. Sonst hätte ich wohl ein Tourenrad gekauft, mit geradem Lenker und 20 Kilogramm Gewicht. Stattdessen waren wir zusammen beim Fachhändler und ich bin zwei, drei Gravelbikes Probe gefahren. Gravel heißt „Kies“, das heißt es handelt sich um ein leichtes Rennrad mit stärkerer Bereifung, um auch schlechtere Wege zu fahren. Ich wollte ein Gravelbike der Firma Cube haben. Das war aber leider ausverkauft. Burkhard hat bei Stevens zugeschlagen. Nun wollte ich nicht ausgerechnet das gleiche kaufen. Beim Händler gefiel mir sofort das Scott Speedster Gravel 20. Ich hatte gleich das Gefühl, richtig gut Kraft auf die Straße bringen zu können. Der Sattel war schnell angepasst und mit der kleinsten M-Rahmengröße bin ich gut bedient, was die Geometrie angeht. Und die Farbe, ein leuchtendes kräftiges Gelb, entspricht meinem Sichtbarkeitskonzept. Signalfarben sind gerade in der Dämmerung von Vorteil. Meine Radtaschen sind gelb, der Helm ebenso.

Das Rad wiegt in der Grundausstattung nur zehn Kilogramm, acht weniger als mein 22 Jahre altes Raleigh. Die Gabel besteht aus Carbon, der Rest des Rahmens ist Aluminium. Die Steifigkeit des Rads und die Scheibenbremsen machen richtig Spaß, auch schnellere Abfahrten fühlen sich sicher an. Und der Rennlenker ist der Traum: Es gibt vier verschiedene Griff-Möglichkeiten. Ich fahre auf flacheren Strecken und am Berge meist mit einem seitlichen Griff unterhalb der Hörnchen, wenn ich die Bremsen nicht sofort brauche. Das Rad lässt sich so sicher lenken und am Berg lässt sich mit etwas Zug mehr Kraft auf die Pedalen übertragen. Der Griff an die Hörnchen ist im Stadtverkehr und bei leichten Abfahrten ideal, weil die Bremsen griffbereit sind und sich schnell schalten lässt. Den Griff unten in den gebogenen Teil des Lenkers habe ich immer öfters benutzt, vor allem nach steileren Abfahrten. Ich habe einen größeren Hebel und habe beim Lenken eine bessere Feinjustierung. Die Zeigefinger liegen auf den Bremshebeln. Außerdem bietet der Köper weniger Luftwiderstand, da der Kopf weiter nach vorne gebeugt ist. In diesen drei Positionen liegen die Hände in einer natürlichen Position zum Körper, was beim flachen Auflegen auf den horizontalen Teil des Lenkers nicht der Fall ist. Letztere Position dient aber ab und zu der Abwechslung und erlaubt eine aufrechtere Körperhaltung, um den Rücken zu strecken oder mehr von der Landschaft wahrzunehmen. Zu guter Letzt bietet das Lenkerband idealen Halt und lässt selbst bei heißen Tagen wie diesen, an denen der Schweiß in Strömen fließt, nichts ins Rutschen kommen. Auch nach dem Auftragen von Sonnencrème lässt der Lenker nichts zu Wünschen übrig.

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Auf der heutigen Etappe von Laas nach Bozen machte sich wieder ein rhythmisches Schleifgeräusch bemerkbar. Die mutmaßliche Ursache, ein Minietikett aus Plastik an der hinteren Scheibe der Scheibenbremse, schied nach Entfernung aus. Auf dem Schildchen war nur vermerkt, dass man mit den Pfoten die Scheiben nicht anpacken soll, da die Dinger natürlich heiß werden können. Das Schleifgeräusch blieb. Die Kette und der Kettenwerfer schieden auch aus, da das Geräusch blieb, als ich die Kette nicht bewegte. Es lässt sich nun eingrenzen auf die vordere Scheibenbremse. Ich vermute, dass die Bremsbeläge so dicht an der Scheibe angebracht sind, dass sie ab und zu schleifen. Durch kräftiges Bremsen stellt sich das lästige Geräusch in der Regel ein. Muss ich mal weiter beobachten und bei der nächsten Inspektion besprechen.

Haushohe Paletten für die Apfelernte im Etschtal: Beobachtung heute am Wegesrand.

Wir waren heute zeitiger dran und brachen vom Gasthof Sonne im Marmordorf Laas schon halb zehn auf. An der Etsch ging es im Wesentlichen bis Bozen, unserem Tagesziel, gemächlich bergab. Bei etwas Gegenwind war trotzdem einige Arbeit zu verrichten. Wir begegneten viel Gegenverkehr, Rennfahrer, die gerade vom Giro d’Italia zu kommen schienen, und viele Mountainbiker, mit und ohne E. Kurz nach zwölf kamen wir in die City von Meran und verproviantierten uns für eine Mittagspause in einem Park an der Etsch. Eine Altstadtapotheke zeigte 31 Grad im Schatten. So fühlte es sich auch an. Bozen erreichten wir dank der zügigen Etappe schon um halb drei. Die verschlungenen Wege in die Stadt erforderten etwas Zeit. Norbert fragte bei Kolpings, ob noch Zimmer frei wären. Was nicht der Fall war. Den Tipp, nämlich das Hotel Figl, nahmen wir dankbar an. Für 171 Euro bekamen wir ein Appartement. Das Frühstück kostet dieses Mal extra, was ja auch nicht ungewöhnlich ist. Man kann allerdings billig und teuer frühstücken. Über die Folgen der jeweiligen Wahl müssen wir uns noch aufklären lassen.

Die Etsch in Naturns: offenbar schon schiffbar.

Ich bin begeistert vom mittelalterlichen Radkeller, der schmalen Gasse dahin und vom blühenden Oleander am Haus. Das Appartement ist liebevoll eingerichtet, die neue Einrichtung harmoniert mit dem alten Gemäuer. Uns überzeugen mal wieder die südtiroler Tischlerarbeiten.

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Dritte Etappe: Pfunds-Laas

68 Kilometer, 960 Höhenmeter, 4:19 Stunden (netto)

Höhenmeter sind nicht gleich Höhenmeter, ich merke es in meinen Beinen. Der intensive steile Aufstieg auf den Reschenpass forderte deutlich mehr Kräfte als das kontinuierlich ansteigende Inntal. Gestern haben wir 300 Höhenmeter mehr gemacht, sind 30 Kilometer weiter gefahren und trotz der Querfeldein-Tour durch den Wald fühle ich mich heute stärker beansprucht. Die Beine sind schwerer. Nach dem Essen in die dritte Etage des Gasthofs auf das Zimmer ging es nicht mehr so leichtfüßig. Aber das ist normal.

Der Reschenpass liegt im Dreiländereck Österreich, Schweiz und Italien. Die Grenzübertritte haben wir teilweise gar nicht bemerkt. Es fehlten die üblichen hoheitlichen Zeichen auf den Wander- und Radwegen, auf der Kuhweide. Heute jedoch kamen wir an zwei Grenzstationen vorbei. Die wirkten wie aus einer anderen Zeit, als der Schmuggel noch blühte und Passkontrollen an der Tagesordnung waren. Ganz so weit weg sind wir nicht davon, dass wieder Passkontrollen eingeführt werden. Und aus der Schweiz bringen die Steuerhinterzieher ja seit Jahren tonnenweise Gold über die Grenze.

Wiesen hinter Pfunds

In unserer Radlerpension in Pfunds trafen wir uns wieder um halb neun zum Frühstück. Die Wirtin gab uns Tüten, damit wir uns noch Brötchen mit auf den Weg nehmen. Wovon wir aber keinen Gebrauch machten. „Ja wollen’s nicht noch welche mitnam?“ Halb zehn saßen wir in den Satteln und fuhren durch ein weites Tal mit herrlichen Wiesen, ein grüner Teppich mit gelben, blauen, weißen und roten Blüten soweit das Auge reicht. Kleine Brücken führten über Bäche, die kalt und schnell ins Tal plätscherten. Auf Halbhöhenlage standen überall kleine und größere Hütten aus dunkel wettergegerbtem Holz wie Wächter über der Szenerie, während in der Ferne die schneebedeckten Gipfel majestätisch das Ziel vorgaben.

Zunächst hatten wir einige Steigungen bis zu einer Bundesstraße zu fahren, um dann eine längere Abfahrt schon auf schweizer Seite zu genießen. Das Tal wurde enger. Links und rechts ragten schroff die Felsen in die Höhe. Kleine Wasserfälle waren zu sehen und viel Schutt und Geröll, Ergebnis der natürlichen oder vom Menschen mitverursachten Erosion. Nach einer Kehre wurde es auf der sonnenabgewandten Seite des Tals richtig kalt. Die Kälte schien vom reißenden Inn aufzusteigen. Nach einer Baustelle erreichten wir die Grenzkontrollen Österreich-Schweiz in Martina. Die Beamten ließen den Verkehrsstrom auf einer Fahrspur passieren, so auch unsere Dreiergruppe mit dem Radl. Wir querten links über eine Brücke den Inn und hielten kurz inne für eine Trickpause und für Fotos. Geduldig widmeten wir uns nun dem Aufstieg zum Reschenpass.

Es hatte sich in den Tagen, seit wir unterwegs sind, eine gewisse Formation des Fahrens zu dritt ergeben. Meistens führt Burkhard unseren kleinen Trupp an, während ich den Abschluss bilde. So auch bei dieser Bergetappe. Ich hatte das Gefühl, dass wir ein gutes Tempo gefunden hatten, das für alle machbar war. Wir hatten 13 Kehren und 400 Höhenmeter bis zur Norbertshöhe bei Nauders zu bewältigen. Unterwegs, bei Kehre 10, schloss sich uns ein kleiner Trupp mit einem kleinen Jungen an, der von seiner Mutter, vermutlich, etwas geschoben wurde. Der Junge redete die ganze Zeit wie ein Wasserfall, was mich irgendwie störte. Die Frau, von der ich denke, dass es die Mutter war, antwortete auf Fragen und gab Anweisungen. Vor der letzten Kehre ließen wir die Redegruppe an uns vorbei.

Auf etwa 1.000 Metern Höhe der Grenzübergang Österreich-Schweiz in Martina: Bis zur Norbertshöhe kommen 400 Meter dazu.
Aufstieg zum Reschenpass: Während uns die Autos überholten, überholten die Motorradfahrer die Autos.

Nach kurzer Rast fuhren wir hinunter nach Nauders, um den letzten Teil des Aufstiegs zum Reschenpass zu nehmen. Der Gegenwind, dem wir begegneten, war buchstäblich atemberaubend. Zumindest waren wir von der vielbefahrenen Passstraße herunter und konnten gut ausgebaute Radwege nehmen. Die Grenzstation zu Italien war verlassen und etwas verkommen. Die letzten Höhenmeter nach Reschen waren schnell genommen. Uns begegneten Horden von Mountainbikern. Drei Stunden nach dem Aufbruch in Pfunds hatten wir dieses wichtige Tagesetappe erreicht. Wir wurden vom Blick auf den Reschensee und das Gebirgspanorama belohnt und rasteten am See.

Wir hatten genug Zeit, sodass wir uns ein Nickerchen gönnten, bevor wir uns an die Abfahrt machten. Beregnungsanlagen auf einem Feld waren so eingestellt, dass die Radfahrer unweigerlich duschen mussten. Die Abkühlung tat uns gut. Hinter der Staumauer des Reschensees ging es rasant bergab. Wir passierten schöne Dörfer mit verwinkelten Gassen und rasteten erst wieder in Glurn, dem ursprünglichen Tagesziel. Da es erst halb vier war beschlossen wir, noch weiter zu fahren. Das Tal der Etsch, die am Reschenpass entspringt, öffnete sich immer weiter. Große Plantagen mit Apfelbäumen prägten die Landschaft. Schließlich kehrten wir in einem Gasthof im „Marmordorf“ Laas ein: 36 Euro im Doppelzimmer und 51 Euro für das Einzelzimmer. Ein kleiner Rundgang durch das Dorf bestätigte den Namen „Marmordorf“: Brunnen aus Marmor, Marmorblöcke auf den Grundstücken und Höfen, Plastiken aus Marmor von bekannten oder unbekannten Künstlern am Wegesrand – und die Wege selbst gepflastert aus Marmorsteinen. Selbst die Tisch-Kartenhalterung im Lokal unseres Gasthofs: Marmor.

Blick auf Nauders: hier beginnt der letzte Teil der Etappe zum Reschenpass

Von den Sommerspaghetti, die ich vertilgt haben, erhoffe ich mir prächtige Regeneration meiner Kohlehydratspeicher. Die waren heute nämlich ganz gut beansprucht. Aber auch so waren die Sommerspaghetti einfach wunderbar. „Vergelt’s Gott“, sagte die Kellnerin zum Trinkgeld. Hatte ich auch schon länger nicht mehr gehört.

Der Bergbach findet seinen Weg auch über die Radroute.
Der berühmte Blick auf den Reschensee.
Mittagspause in Reschen
Gasthof Sonne in Laas: Unser Quartier für heute. Man beachte auch den Marmorbrunnen.
Beschriftete Plastiken sind nicht so meins: Aber hier ein weiteres Beispiel für die Marmorkunst in Laas. Diese Skulptur ist Teil eines internationalen Kunstprojekts zum Thema Freiheit: www.pillars-of-freedom.com
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