Tag 10: Augustów-Żerdziny (Dreiländereck, Green Velo)

Im Dunkeln im Wald an der russischen Grenze umherzukurven, das war schon etwas beklemmend. Der Reiseführer macht Mut, dass auch ein versehentlicher Grenzübertritt zu mehrjährigen Haftstrafen führen kann. Dank Navi und Green-Velo-Schildern war ich mir zwar zu keiner Zeit unsicher, aber das mulmige Gefühl hing wohl mit der beginnenden Nacht und den alten Bildern von Ostgrenze zusammen. Doch der Tag von vorne.

Marina von Augustów

Bei der Streckenplanung galt es zu entscheiden, den direkten Weg über Suwalken (Suwalki) nach Norden zu nehmen oder den Green Velo mit einem Umweg durch die Naturparks im Osten. Ich entschied mich, die Wildnis aufzusuchen und meldete meinem Quartiergeber, dass es bei den 131 Kilometern 20 Uhr werden könne.

Bei heiterem Himmel passierte ich die Marina von Augustów und fuhr eine ganze Weile an den Seen entlang Richtung Osten durch dichte Wälder, die von Kiefern dominiert wurden. Bis auf ein paar wenige Beerensammler waren kaum Menschen anzutreffen. Die sandige Schotterpiste fuhr sich zunächst gut, später nur mäßig gut, sodass ich langsamer wurde. An einigen Stellen blühe das Heidekraut. Unterwegs fand ich noch eine Karte von der Region Suwalken, die ich gerne einsteckte. Die Sonne schaffte es nur wenig über 20 Grad.

Sandpisten führten durch dichte Wälder

Da ich unterwegs viel fotografierte, musste ich mein Handy-Akku schon vor Suwalken an die Powerbank anschließen. Da es kräftemäßig ganz gut voranging beschloss ich, die Mittagspause ausfallen zu lassen und erst in Suwalken zu rasten. So fuhr ich dann gut 80 Kilometer durch und hielt in dem Städtchen gegen 17 Uhr an einer Pizzaria. Ich suchte mir eine Ecke mit Steckdose, um das Handy aufzuladen und bestellte eine „populäre“ Pizza. Zwei Drittel davon hatte ich geschafft, den Rest ließ ich mir einpacken. Den Rest der Strecke fuhr ich also mit Pizzaschachtel auf dem Gepäckträger.

Die Landschaft veränderte sich nördlich von Suwalken recht schnell. Eine schöne sehr hügelige Weidelandschaft tat sich auf. Ich hatte einige Höhenmeter zu bewältigen, zum Schluss musste ich sogar noch aus dem Sattel und die Pizza im Magen quälte mich etwas. Dafür wurde ich von einem märchenhaft schönen Ausblick belohnt. In den Tälern begannen sich Nebelbänke zu bilden. Bläulich schimmerte der Tau auf den sattgrünen Wiesen. Am Horizont war ein Radom zur Überwachung des Funkverkehrs zu sehen. Vielleicht war es aber auch nur ein Futtersilo. Das mit dem Radom gefällt mir aber besser.

Feld auf dem Weg nach Suwalken: Was wird hier nur angebaut?

Je dunkler es wurde, desto unwirklicher erschien mir die Landschaft. Ich zog ein langärmliges Shirt über, wechselte die Sonnenbrille gegen die normale aus und fuhr in die Dunkelheit. An einigen Stellen haben die Bauern größere Findlinge und kleinere Brocken von den Weiden und Feldern gesammelt und aufgetürmt oder Steinnester gebildet. In Schutzgebieten liegt alles noch so herum wie nach der Eiszeit. Die Wiesen mit großen Steinen übersät, teilweise überwachsen, sodass sie in dieser huckeligen-buckeligen Welt auch noch alles im Kleinformat nachbilden, was im Großen die Landschaft ausmacht.

Die Hunde waren heute freundlich zu mir. Ein schwarzer Dorfmischling begrüßte mich zu später Stunde erst bellend, wedelte dann mit dem Schwanz und scharwänzelte um mein Rad herum, während sein Kumpel auf Abstand blieb. In der Dunkelheit hatten die wenigsten Hunde allerdings noch Lust großartig zu bellen. Ich fuhr durch Sumpfgebiete. Da kreischten ein paar Vögel und ich hatte das Gefühl, dass sie mir folgten. Dann huschte mal eine Katze über den Weg, links und rechts in den Wäldern seltsame Geräusche. Oder doch nur mein Rad und das Knarren meiner Pizzaschachtel? Ich hörte auf, die Pedalen zu treten und lauschte. Richtig, nur die Pizzaschachtel. In einem Dorf flogen Fledermäuse an mir vorbei. Ich hörte die Flügelschläge und nahm die Schatten war. Da bemerkte ich zwei rote Lichtsignale, wahrscheinlich von einer Bahnlinie. Nach ein paar wenigen Kilometern kam ich in meinem Quartier in Zerdziny an, wo mich die Gastgeberin gleich begrüßte. Sie kam über die Terrasse und hatte mein Licht gesehen. Es ist das letzte Haus vor der Grenze, direkt am Dreiländereck. Bei Tageslicht muss man rüberschauen können.

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Tag 9: Tykocin-Augustów

Die Große Synagoge in Tykocin

Die Große Synagoge von Tykocin wird unter Polizeischutz renoviert. Als ich vorbeifahre kommen mir Jugendliche entgegen, die in großen Bussen angereist waren. Das Städtchen hatte zeitweise eine überwiegend jüdische Bevölkerung. Nach dem Einmarsch der Deutschen 1941 wurden 1.400 Juden ermordet, weiß Wikipedia. In Augustów, dem Tagesziel, hatten die Sowjets 1945 einige hundert vermeindliche oder tatsächliche Antikommunisten umgebracht, was als die Razzia von Augustów in die Geschichte eingegangen ist.

Vor Elchen wird gewarnt.

Bei sonnigem Wetter erreichte ich den Nationalpark Biebrza. Beeindruckend viele Schilder waren im Park vor Elchen. Zum Glück wollte mich keiner knutschen, aber wie verhält man sich, wenn tatsächlich einer aus dem Wald kommt? – Wahrscheinlich einfach abwarten. Das Schild mit dem Wolf und dem Bär war nur am Anfang mal zu sehen. Im Grunde genommen ist der Park aber durch seine Vielfalt an Vogelarten bekannt. Hinweisschilder mit Fernglas-Symbol weisen den Ornithologen den Weg zu den vielversprechenden Aussichtspunkten. Der Weg durch den Park war streckenweise einsam, kein Verkehr, keine anderen Touris unterwegs. Tiefer Wald links und rechts des schnellen Asphaltweges, dann ab und zu Moorflächen mit Stegen zur Beobachtung der Federtiere.

An der Netta bei Augustów: Der Regen hat die Landschaft eingetrübt.

Dank des gut ausgebauten Green Velo komme ich mit einer für meine Verhältnisse hohen Durchschnittsgeschwindigkeit von 19,5 Kilometer pro Stunde in Goniadz an. Da ich hoffte, noch an einem Restaurant vorbeizukommen, um eine Mittagspause zu machen, ließ ich den Ort schnell hinter mir. Danach kam – nichts. Bei einem „Lewiathan“ mit Bank machte ich dann nach 74 Kilometern erst Pause. Das hätte sich Thomas Hobbes auch nicht träumen lassen, dass mal eine polnische Lebensmittelladenkette den Namen seines Werkes „Der Leviathan“ trägt. Da gibt es jedenfalls alles notwendige.

Langärmlige Mittagspause am „Lewiathan“: 23 Grad kommen mir nach der Hitzewelle recht kühl vor.
Wehr bei Augustów: Der nach dem Ort benannte Kanal sollte eine Alternative zu den preußischen Zöllen eröffnen.

Der Weg nach Augustów führt durch den sogenannten Nadelwald von Augustów, also wieder viel Grün und Einsamkeit auf der Strecke. Ich bin heute jedoch einigen Radwanderern begegnet: einem Pärchen, wenig bepackt, dann einen gut ausgerüsteten Trekki, der Zelt und Isomatte dabei hatte und auch vorne beladen war, und schließlich noch einen weiteren Fernradler, ebenfalls mit guter Ausrüstung. Auf meinen bisherigen Wegen bin ich praktisch keinen Fernradtourern begegnet. Die Region wird offensichtlich wegen der Naturparks aufgesucht, aber von einem Massentourismus kann man hier nicht sprechen. – Ich genieße die Einsamkeit und den geringen Autoverkehr.

Vor Augustów kürzte ich den Green Velo ab und nahm die Bundesstraße, auf der Kaunas und Vilnius schon ausgeschildert sind. Es hatte vor mir geregnet und es war merklich kühler geworden. Die Straßen waren noch nass. Ich sparte mir deshalb den Weg um die Seen und fuhr direkt ins Zentrum des Städchens, wo mich das Hotel Perla aufnahm. Und Toni Peperoni (das Lokal heißt wirklich so) hatte noch Spaghetti für mich.

Die 113 Kilometer heute waren dank der geschmeidigen Wege eine leichte Tour. Manchmal schaue ich schon noch hinter mich, wenn ich Dörfer verlasse, ob noch irgendwelche Köter hinter mir her sind. Nicht nur Hunde laufen teilweise frei herum, was ja auf dem Lande keine Überraschung ist, aber da gibt es auch mal eine Kuh, die in einem Seitenweg ihr Futter findet, fernab von jeder Weide oder Stall. Die Gegend ist, trotz des Nationalparks, dem Geruch nach von intensiver Viehhaltung geprägt. Und auf die Felder wird gerade frischer Dung ausgebracht. – Kurzum: alles sehr idyllisch.

Hotel Perla

 

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