Tag 4: Kobyla Gora – Parzynów – Lodz

Dorfkirche in Parzynów (Streuhofen)

Heute war alles etwas schwergängiger. Es begann damit, dass ich nicht so gut geschlafen habe und doch erst um neun aufgewacht bin. Dementsprechend spät kam ich los. Und ich merkte, dass die Beine etwas schwerer waren als sonst. Bald war mir klar, dass ich für die letzte Etappe nach Lodz noch einen Plan B brauchte. Kollege Jens meinte nach der gestrigen Tour, dass ich mit den Kräften haushalten und auch mal den Nahverkehr benutzen solle. So hab ich’s dann auch gemacht und bin dem Großstadtverkehr zudem noch aus dem Wege gegangen. Bis zur Bahnstation Sieradz Meka waren 102 Kilometer auf dem Navi.

Doch die erste Station des Tages führte mich zu Großvater Antons Geburtsort Parzynów (Streuhofen). Der Ort gehört schon zu Großpolen, ist aber noch nah an Schlesien gelegen. Meine Theorie, auf dem Friedhof vielleicht noch Vorfahren zu entdecken, ging auf. Schnell entdeckte ich das Familiengrab von Jozef Wiecek (26.02.1896-01.04.1986) und Marianna Wiecek (18.11.1893-28.07.1968), zusammen mit Stanislaw Piorek (08.08.1952-01.02.2015). Der Name Piorek taucht in der Familienchronik auch öfters auf. Das Grab ist gepflegt, es wird also noch Angehörige geben. In welchem Verhältnis die Personen zu Anton Wiecek stehen, muss sich noch zeigen. Für Gespräche mit Dorfbewohnern oder die Kirchenbücher ist heute keine Zeit.

Doch, man erkennt einen Trampelpfad über die Gleise. Aber ich glaube, die Karte muss trotzdem überarbeitet werden.

Die Ulica Piotrkowska – ein Traum. Mein Hotel liegt an dieser schönen langen Altstadt-Promenade. Hinter einem Toreingang zu einer Gasse mit Restaurant und einem Kino geht es zur Rezeption. Das Apartment in einem Haus geschätzt aus der Jahrhundertwende ist ebenso ein Traum: dunkel gewachste Dielen, hohe Zimmer, stilvoll eingerichtet mit putzigen Ecken. Die Außenwände mit unverputzten Backsteinen erzeugen eine warme Atmosphäre.

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Tag 3: Legnitz-Breslau-Kobyla Gora

Nach 141 Kilometern erreiche ich planmäßig das Pensjonat Maciejanka in Kobyla Gora. Das liegt etwa auf halber Strecke zwischen Legnitz und Lodsch in Großpolen und entpuppt sich mit den Seen und Wäldern als Urlaubsregion. Das war mir vorher gar nicht so klar.

Breslau: an der Oder legen Ausflugsschiffe ab.

Die Mittagspause in Breslau habe ich mit bei stechender Sonne und über 31, 32 Grad im Schatten hart erarbeitet. Die Supermärkte liegen natürlich immer auf der falschen Straßenseite und so bin ich nach gefühlt endlosen Gewerbegebieten (Bosch, BASF, Fresenius, Opel, BMW, VW, DHL, UPS…), Vorstadtsiedlungen, dem Stadion, zahllosen Brücken und Ampeln zur besten Mittagszeit in der Breslauer Altstadt. Da muss erst einmal ein klimatisierter Tante-Emma-Laden für Mineralwasser herhalten. In einem Thairestaurant futtere ich Nudeln und lege mich etwas ans Oderufer. Natürlich nicht, ohne vorher den Markplatz zu bestaunen und Fotos zu machen.

Altstadt von Breslau in der Mittagshitze

Bei dem Streckenprofil war mir klar, dass das dicke Ende bei den letzten 20 Prozent kommt. Und so war es auch. Auch mit Kraft war in tiefausgefahrenen Sandwegen im Wald nichts mehr zu machen. Mühsames Schieben durch tiefen Sand in der Dämmerung im Wald. Der Weg besserte sich zusehends, forderte aber viel Konzentration um nicht im Sand ins Schlingern zu geraten und zu stürzen. Bei den letzten Streckenabschnitten, die über neue Landstraßen führen, schalte ich das Licht an. Da kommen mir im Dunkeln drei Gestalten entgegen, Kapuzenträger oder… nein, es sind Dämmerungsbadegäste, die ihre Badetücher über Kopf und Schulter tragen. Ein lustiges Bild. Ich nähere mich wieder der Zivilisation. Badeseen mit Leuten an beleuchteten Anlegestellen und ein Supermarkt, der noch auf hat und Pensionen zeugen von einer Urlaubsgegend. Zwanzig vor neun bin ich schließlich in der Pension, wo ich freundlich auf Englisch bedient werde. Mein Fahrrad findet in der abgeschlossenen Garage Platz. Der Speisesaal ist festlich und mit allerlei weißem Tuch, Gemälden, Kronleuchtern und alten Stühlen an langen Tischen geschmückt. Im Foyer gibt es gemütliche Sofas und einen Kamin für kältere Tage.

Auf dem Weg nach Kobyla Gora: Warschau kommt in Sicht.

Nichts wie raus aus den verschwitzten Klamotten und unter die Dusche. Auch abends hat es kaum abgekühlt. Dank WLAN noch schnell Reisetagebuch geschrieben, in dem Präsenz und Präteritum sich die Hand reichen. Naja, korrigiert werden muss immer.

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