Etappe 6: Corbigny-Semur-en-Auxois

Der Wind hat sich mit unserer Fahrtrichtung nach Norden mitgedreht. Auf dem letzten Stück nach Semur kam er böig von der Seite. Auf unserem Programm stand heute die Basilika Ste. Marie-Madeleine in Vézelay mit den vielen figürlichen Darstellungen an den Kapitellen. Das bedeutete aber auch Bergarbeit, denn Vézelay liegt auf einer Anhöhe. Zur Basilika führt eine Gasse hoch. Wir schoben die Räder das letzte Stück. Es war 10 Uhr, aber keine Pilger zu sehen. Vézelay ist nämlich ein Wallfahrtsort.

Vézelay
Kampf am Jabbok, Basilika Ste. Marie-Madeleine, 1. Mose 32

In der Basilika gibt es ein spezielles Kapitell, nämlich die Darstellung von Eugène-Eugénie, die heilige Eugenia, einer Frau und Transgender, die im Okzident wie im Orient als Heilige verehrt wurde. Ariane gab mir den Lesetipp: Chloé Maillet, Des seins de moine à Vézelay. Eugène-Eugénie, nouvelle image transgenre au xiie siècle, https://doi.org/10.4000/gradhiva.3897.

In Avallon hielten wir Siesta und legten uns im Park bei einer Vauban-Statue schlafen. Gegenüber redete ein Mann unaufhörlich auf sein Telefon ein. Ich hörte mich nur kurz selbst schnarchen und war für eine halbe Stunde weggetreten. Burkhard spendete nach der Pause noch eine Feige, dann kurbelten wir in der Nachmittagshitze über kleine Landstraßen zu unserem Ziel Semur-en-Auxois.

Mittagspause
Avallon

Am Chateau d‘Époisse rasteten wir ein letztes Mal. An der Toreinfahrt hatte sich eine Gruppe Mädchen niedergelassen, die mit Rucksack und Wanderstöcken unterwegs waren, vielleicht Pfadfinderinnen. Ich grüßte „Bonjour!“, es ertönte die gedehnte Antwort im Chor „Bonjour, Monsieur!“ – Dann auf dem Rückweg: „Bon après-midi!“ und der Chor „Mer-ci-e, Mon-si-eur!“ Ich fühlte mich wie der Klassenlehrer.

Rast im Park des Chateau d‘Epoisse

Ein paar Kilometer vor Semur wurde ich zittrig, Unterzuckerung. Burkhard spendierte einen Riegel, der schnell wirkte. Die Anstiege und der Wind kosteten doch ein paar Körner mehr heute. Am Ende auch noch das wilde Kopfsteinpflaster in der Altstadt, das uns durchschüttelte. Unser Wirt hatte Mitleid mit uns und spendierte kaltes Wasser. Ob wir bei der Hitze Lust hätten auf ein kaltes Bier. Ich fragte, ob er auch Alkoholfreies hätte. Das nicht, aber vielleicht wäre ein Blondes auch ok. Bisschen wie Fisch für Vegetarier…

Durch den Wind klatschten die Telefonleitungen aneinander
Mensch und Tier zieht es in diesen schönen Laden in der Altstadt von Semur
Verkauf regionaler Produkte
Semur
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Etappe 5: Paray-Corbigny

In den kühlen Morgenstunden sind wir am Canal Du Midi und an einem Loire-Seitenkanal entlang gefahren. Man sieht in Frankreich viel wenig Stromer. Dafür frönen die Angler am Kanal ihrer stillen Leidenschaft und Madame oder Monsieur ist mit dem Hündchen unterwegs. Und die Mitarbeiterin von der Kanalverwaltung, die Wasserproben entnimmt und ihre Tour macht.

Die Loire

Auf unserer eigenen Tour sprechen wir immer über die französische Sprache, meditieren Speisekarten, Straßenschilder, Vokabeln und das oft routiniert-schnoddrige Hotelfranzösisch, „Le petit-déjeuner à partir 6:30 heures…“ und so weiter. Lustig ist, dass sich der Ort Cercy-la-Tour für LE Tour de France herausgeputzt hat – ein Wortspiel.

Cercy mit Putz für Le Tour de France
Hinter dieser Bananenstaude rief mir eine Dame zu: „ Oh, c‘est le Tour de France“. Hier feiert man die Tour, vom Männerfußball ist nichts zu spüren.

Noch vor Mittag verließen wir die Fernradwege und schlugen uns quer durch die Landschaft bis in den Morvan durch. Auf den einsamen Landstraßen begegnete uns niemand, keine Radfahrer mehr unterwegs, nur ab und zu Traktoren, Landwirte bei der Arbeit. Die Charolais-Rinder, die die Weiden beherrschen, schauten uns interessiert zu, wie wir uns bergauf, bergab bei sengender Hitze um Fortbewegung mühten.

In der Ferne ist der Morvan zu erahnen.

In Corbigny sind viele Lokale oder gar Hotels verlassen, aufgegeben. Viele Häuser stehen zum Verkauf. Neben den touristischen Orten sind wir hier in einer strukturschwachen Gegend gelandet. Im Restaurant „L‘Agriculture“ gibt es Galettes und drei indische und vietnamesische Gerichte. Während wir unser indisches Lamm futterten, donnerten große Strohtransporter an uns vorbei. Schließlich kehrte eine große Gesellschaft ein, französische Begrüßung, Küsschen links, Küsschen rechts – oder umgekehrt? Wir zogen uns zur Tourplanung in die Hotelbar zurück.

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