SR20-5 Genf-Chambéry

Sonntags fährt es sich in der Regel immer sehr gut, zumindest ist am Vormittag kaum Verkehr auf den Straßen. So auch heute. Der Tag begann kühl bei 21 Grad, ich hatte es nicht eilig. Nach Chambéry, der Tagesetappe, sind es knapp unter 100 Kilometer. Da hinter Chambéry die Infrastruktur erst einmal recht dünn aussieht habe ich beschlossen, früher Station zu machen. Ich trödelte deshalb auch etwas und hielt oft wegen der schönen Landschaft an und machte Fotos.

Die Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich war völlig unscheinbar. Im Vorbeifahren sah ich rechts einen aufgeklappten Schlagbaum. Das war es auf dieser Nebenstraße zwischen Soral und Viry. Fortan bewegte ich mich in Savoyen. Zu dieser Alpen-Landschaft gehört auch der Mont Blanc. Auf meiner Route hatte ich zwar auch ganz ordentlich zu klettern, aber alles moderat. Ich traf bei Seyssel wieder auf die Rhône, deren Ausfluss aus dem Genfersee mir noch vor Augen war. Im Ort gab es am Rathaus einen Platz mit Kriegerdenkmal (1. Weltkrieg), eine Wasserstelle und Schatten von alten Ahornbäumen. Ich beschloss eine Mittagspause einzulegen und Proviantreste zu essen. Ich traf auf zwei deutsche Fernradtourer, die ich unterwegs überholt hatte. Sie waren muffelig und grüßten auch dieses Mal nicht. An den Seen in der Schweiz waren hin und wieder Radler zu sehen, die mit Gepäck wie ich offensichtlich weitere Strecken fuhren. Das Straßenbild war aber vor allem durch Sportlerinnen und Sportler geprägt, die am Ort oder in der Region unterwegs waren – auffällig viele Frauen. Heute kamen noch die Sonntagsfahrer dazu.

Bis zum Lac du Bourget hatte ich in der prallen Sonne in recht hügeligem Gelände noch gut zu schwitzen. Hier und da sah man in den Gärten Palmen und sogar Bananenstauden und große Kakteen. Eigentlich ist das Departement Haute-Savoie Wintersportgebiet. Aber offensichtlich halten sich auch mediterrane Gewächse. – Schöne Vorboten auf die Provence. Am Lac folgte ich über weite Strecken der Uferstraße auf der linken Seeseite nach Süden. Das Wasser war in Ufernähe sehr flach und schimmerte grün. Einige Leute badeten. Links ragten Kalkfelsen schroff auf, sodass die Bahnlinie neben der Straße teilweise durch Tunnels geführt wird. Auf der gegenüberliegenden Seeseite ragt ebenfalls ein Berg steil auf, eine toll Alpenkulisse. Dahinter fließt die Rhône, von der ich mich wieder entfernte.

Weiter unten am Lac du Bourget kamen einige Badeorte, die stark frequentiert waren. Am Sonntag haben viele die freie Zeit genutzt und sind ins Wasser gesprungen. Chambéry liegt einige Kilometer südlich vom See. Ein komfortabler Radweg führte mich in die 60.000 Einwohner zählende Stadt, die auch Verwaltungssitz von Savoyen ist. Für 47 Euro habe ich ein Zimmer im Hotel Santal bekommen, direkt in der Altstadt.

Vor der Dusche habe ich noch den Schlauch von meinem Vorderrad gewechselt. Ich musste heute zweimal Luft aufpumpen. Das ist der Schlauch, den Burkhard in Ingolstadt geflickt hat. Er ließ offenbar wieder nach. Für morgen will ich gerüstet sein, denn nach Valence sind es über 130 Kilometer. Und Berge hat’s auch genug.

Ich schaute mir die Stadt noch etwas an und verlor eine meiner Masken. In der Altstadt ist Maskenpflicht. Ich holte dann im Hotel Ersatz und wollte etwas im Lokal um die Ecke essen. Da ignorierten sie mich aber. Mit meinen Fahrradklamotten sehe ich wohl nicht aus wie ein Gast. Am Pizzawagen hatten gerade ein Dutzend Jugendliche bestellt, sodass die Dame am Schalter meinte, dass es anderthalb Stunden dauere. Ich zischte nur eine Cola und ging zu einem lokalen Burger, bei dem die Schlange nachgelassen hatte. Ich ließ mir alles einpacken, um im Zimmer das Finale zu schauen. Da die Bayern die Champions League gewonnen haben, wird es draußen heute erfreulich ruhig bleiben.

Fazit: 98 Kilometer, 980 Höhenmeter, herrliche Savoyer Alpenlandschaft mit fantastischer Kulisse am Lac du Bourget. Ich bin jetzt schon südlicher als Lyon. Morgen will ich Valence erreichen, das nördliche Tor zur Provence.

Veröffentlicht in Sommer-Radtour 2020, Sonstiges | Hinterlassen Sie einen Kommentar

SR20-4 Gorgier-Genf

Ich finde das Schweizer Französisch sympathisch. Statt quatre-vingt-dix (vier mal zwanzig plus zehn) sagt man hier einfach nonante (neuzig). Das leuchtet mir unmittelbar ein und hätte mir in der Schule einiges an Kopfzerbrechen erspart.

Heute lief das Rad viel leichter als gestern, obwohl ich mehr Höhenmeter zu fahren hatte. Es war deutlich kühler, bis 27 Grad, und es ging kaum Wind. Die Straßen waren wie leergefegt: Wochenende. In Gorgier gaben die Alphörner ein Morgenkonzert. Auf den ersten Kilometern gab es eine kleine Regenschauer, sonst hielt sich das Wetter gut. Am Nachmittag kam die Sonne immer stärker zum Vorschein. Zwischen dem Neuenburger See und dem Genfersee (Lac Léman, wie man hier sagt) lag die Klettertour, praktisch noch in der kühleren Tageshälfte. Die Abfahrt in den Großraum Lausanne war rasant. Die Straßen ließen das schnelle Fahren zu. Das hat mir bei den ersten Tagen oft gefehlt. Entweder ließen es die Wege nicht zu, die Kurven waren zu eng oder der Belag zu schlecht. Oder es gab Bremser, an denen ich nicht vorbei konnte. Heute konnte ich also die am Berg gespeicherte Energie mal voll wieder ausfahren und war recht bald am Genfersee. Ich besorgte bei Aldi Suisse Proviant (den Pferdeschinken ließ ich aus, obwohl ich schon neugierig war) und rastete in Morges am Hafen auf einer schattigen Bank. Neben mir hatten es sich zwei Senioren ebenfalls mit Klappstühlen und Weißwein aus der Kühlbox gut gehen lassen.

Nach Genf war viel Straße zu fahren. Allerdings habe ich die Schweiz bisher sehr radfreundlich erlebt. Man hat auch entlang großer Straßen immer eine gelb markierte Fahrradspur. So auch in den Städten und Ortschaften, wenn es nicht zu eng wird. Kurz vor Genf hielt ich an einer Bucht, um den Blick auf den See aufzusaugen. Ich lief eine Hafenmauer hinaus in den See, konnte aber Genf, das rechterhand lag, trotzdem nicht sehen. Jugendliche grillten Würstchen, sprangen abwechselnd ins Wasser und hörten Musik, bei der es mehr auf Lautstärke und Rhythmus ankam. Zum Glück keine Schlager.

Der Tag war geprägt durch immer wieder wechselnde Ausblicke auf die Seen und Berge auf der anderen Seite. War der Neuenburger See gestern noch türkis, so zeigte er sich heute morgen im dunklen blau-grau bei wolkenverhangenem Himmel. Der Genfersee war eher blau-grün. Ich war recht früh im Hotel, 19 Uhr. Ich spazierte 200 Meter die Rue des Alpes vom Hotel zum See hinunter, um das Abendlicht mit der Genfer Stadtkulisse auf mich wirken zu lassen. Das Beau Rivage war festlich erleuchtet. In meinem Zimmer gibt es aber keine Badewanne. Es kann also nichts passieren. – Ich besorgte im Spätverkauf am Eck noch Elektrolyte, da mein Durst seit gestern nicht verschwunden ist, obwohl ich an jedem Brunnen ordentlich trank. Ein Indiz dafür, dass mir immer noch Salz fehlt.

Fazit: 109 Kilometer, 800 Höhenmeter. Eine entspannte, wenig anspruchsvolle Etappe mit fast ganztägigem Seeblick.

Veröffentlicht in Sonstiges | Hinterlassen Sie einen Kommentar