Tag 17: Rügenwalde-Rewal

Ein paar Worte zu Pferden und zum Essen (mal wieder). Auf den Wegen durch Schlesien, Großpolen, Masowien, Podlachien und Ermland-Masuren habe ich kaum Pferde gesehen. Die Zahl der Rinder auf den Weiden nahm während der Reise zu, aber Pferde? Nix. – An der Ostseeküste trifft man doch in und wieder ein paar Exemplare und auf den Wegen sind Pferdeäpfel zu umfahren. Das hat sicher mit dem Tourismus an der Küste zu tun. Ab und zu gibt es Streichelzoos. Vielleicht gibt es auch etwas „Pferdesport“, aber sicher nicht so intensiv wie in Norddeutschland. – Worüber man beim Radfahren alles so nachdenkt…

Makarony ist im Polnischen ein Oberbegriff für Nudeln. Es gibt einen wahrscheinlich spezifisch polnischen Restauranttyp, die Kebab-Pizzeria, in der es weder Türken noch Italiener gibt. Es wird der klassische Döner angeboten – allerdings ohne Zwiebeln, scharfen Knoblauchsoßen oder Chili, also alles, was ich mag. Drehspieße mit Lammfleisch habe ich nicht gesehen, es wird wohl Schweine- oder Rindfleisch sein. Das Ganze kann man auch auf der Pizza haben. Ansonsten ist die Pizza in allen möglichen bekannten Varianten zu bekommen. Alles für meine Radfahrerbedürfnisse zu fett. Ich halte mich in den Kebab-Pizzerien an die Tomatensuppe, mal mit, mal ohne Nudeln. Und die Makarony. Die Spaghetti waren immer gut. Aber heute gab’s keine, als ich in einem Örtchen an der Ostsee viertelfünf „Mittagspause“ machte. Also Hamburger mit einer koffeinhaltigen dunklen Brause.

Ich war erst um elf losgekommen und die 85 Kilometer bis zur Mittagspause durchgefahren. Kurz nach dem Start bekam ich eine Regendusche ab. Der Rest des Tages verlief zunehmend sonnig. Dank der unerwartet guten Wege war ich eine Stunde früher als gedacht nach 117 Kilometern in Rewal, einem kleinen Badeort am Meer. Der größte Teil der Strecke verlief in Küstennähe oder direkt in Strandnähe. Ich fuhr durch viele Badeorte, die durch die Nachsaison gut bevölkert waren. Überall wurden schlechte Klamotten angeboten, mal an kleinen Stränden, mal in großen Zelten. Es gab jede Menge Souvenirs, geräucherten Fisch und Fischrestaurants und auch vornehmere Schmuckläden, die nicht nur Bernstein im Angebot hatten. Am besten war die frische Luft, die mich vom Meer her wieder anschob. Auf den Radwegen waren jede Menge langsame Ausflügler unterwegs, die in Zeitlupe die Pedale drehten, mit dem Lenker herumschlingerten, den Kopf im Himmel. Immer wieder gaben die Kiefernwälder den Blick auf die Ostsee frei.

Mein Hinterrad läuft nicht mehr ganz rund, was mich nicht überrascht. Es muss nur noch die 95 Kilometer bis Zinnowitz durchhalten. Die Recherche der Rückfahrt hat mich heute den halben Vormittag gekostet. Die Direktverbindung mit dem IC von Stralsund nach Stuttgart wurde mir nicht angeboten, wenn ich den Einstieg Zinnowitz wählte. Nach einer Weile hatte ich die richtigen Stellschrauben raus, die man wählen musste. Beides getrennt zu buchen, kostet nämlich zwanzig Euro mehr. Als ich den Kauf abschließen wollte, gab es diese Meldung: „Das gewünschte Angebot ist soeben nicht mehr verfügbar. Leider sind alle Fahrradstellplätze ausgebucht.“ Da hatte mir jemand den letzten Platz vor den Augen weggeschnappt. Alles andere als diese Direktverbindung bedeutet mehr umzusteigen und: Ich muss das Fahrradticket getrennt vom Bahnticket buchen. Immerhin gibt es ICEs, die jetzt auch Räder mitnehmen.

Erst, wenn ich das Scheinchen für’s Rad habe, kann ich den Zug buchen, denn umgekehrt kann es sein, dass ich wieder keine Reservierung bekomme. Und online funktioniert das nur teilweise. Also muss ich zum Schalter. Ich habe hier aber gerade keinen da. Im Nahverkehr ist alles einfacher, Fahrradmitnahme muss nicht gebucht werden. Man muss nur schauen, ob man mitkommt. Aber nach Stuttgart brauche ich dafür dann zwei Tage. – Tja, mal sehen. Jeder Tag kennt seine eigene Sorge.

Beim Sonnenuntergang war ich am Meer.

Bahnübergang in Rügenwalde. Das sagt die App: „Schwere Radtour, gute Kondition nötig. Stellenweise wirst Du Dein Rad eventuell tragen müssen.“ So viel Kondition war heute nicht nötig, alles flach.
Typische Briefkästen, aber nicht so häufig zu sehen. In der Regel wird ans Haus ausgetragen.
Leuchtturm bei Rewal.
Hafen von Mrzeżyno

 

Veröffentlicht in Polen, Radtour, Reisetagebuch | Hinterlassen Sie einen Kommentar

Tag 16: Leba-Rügenwalde (Darlowo)

Eine Radpanne hatte mich heute aufgehalten. Aber dazu später.

Im Handbuch für lange Fahrradtouren steht, dass man Regentage erst von ihrem Ende her beurteilen soll. So war ich denn auch ganz zuversichtlich, als ich am späten Vormittag in Leba aufbrach und ein leichter Regen einsetzte. Da dies bei der Wettervorhersage nicht vorkam, beschloss ich zügig weiterzufahren. Denn was es eigentlich nicht gibt, würde bald von selbst wieder verschwinden, so meine Theorie. Der leichte Nordost blies mich, im Hinterrad immer noch eine Speiche weniger, über die gut asphaltierten Straßen meinem Ziel Rügenwalde (Darlowo) entgegen. Außerdem war es nicht kalt und nach zwei Stunden bestätigte sich meine Annahme. Es hörte auf zu regnen und die Sonne zeigte sich immer öfter. Die Landschaft auf meinem Weg muss deutlich mehr Regen gesehen haben, denn auf den Straßen flossen Rinnsale und ich jonglierte um große Pfützen herum. Am Abend, in meiner Unterkunft, legte ich das Geld zum Trocknen aus, dass sich in meiner Lenkertasche ganz vorne im ersten Fach befunden hatte. Sonst war alles in bester Ordnung.

Auf halber Strecke hörte ich eine Sirene. Ich wähnte hinter mir einen Krankenwagen oder die Polente. Ich hielt an und schob mein Rad rechts ins Gras. Ein Militärkonvoi kam angerauscht, an der Spitze und am Ende jeweils mit einem Geländewagen, Blaulicht und Martinshorn. Dazwischen vier Transporter mit Panzern, ziemlich flache Dinger. Vielleicht heißen die auch anders, also nicht Panzer. Möglicherweise hat die Nato wieder ein Herbstmanöver, wer weiß. In einem Dorf vor Danzig wurde am Sonntag ein Flakgeschütz durch die Gegend gefahren.

In Zaleskie, einem Dorf 30 Kilometer vor meinem Ziel, rief mir plötzlich eine Frau vom linken Straßenrand zu. Ich stoppte, drehte um und sagte auf Englisch, dass ich des Polnischen nicht mächtig bin. Maschena, so hieß sie, machte mir klar, dass sie Hilfe bei einer Reifenpanne brauchte. Sie war mit ihrer Schwester Barbara unterwegs. Ihr Rad hatte sie schon aufgebockt. Aus dem Vorderreifen zog ich eine Reißzwecke. Ich holte mein Werkzeug aus den Tiefen meiner Radtasche. Maschena hatte auch alles mögliche dabei, vor allem aber einen neuen passenden Schlauch. Der war mit der üblichen Fummelei recht fix gewechselt. Doch das Ventil passte weder zu meiner Luftpumpe noch zu meiner CO2-Kartusche. Barbara sprach mit zwei älteren Frauen, die noch in einer Schule zu tun hatten, vor der sich die Szene abspielte. Die organisierten im Ort zwei passende Luftpumpen, die uns von einem Mädchen gereicht wurden. Unterdessen unterhielt ich mich etwas mit Maschena. Sie käme aus Breslau, ihre Schwester aus einem kleineren Ort, den ich noch nicht gehört hatte. Sie waren auf dem Weg nach Ustka (Stolpmünde), ein Ostseebad, nur ein paar Radminuten vom Ort des Geschehens entfernt.

Mit einer Tretpumpe blies ich das Vorderrad auf. Ich erklärte, dass ich noch ein Foto für mein Reisetagebuch brauche und überreichte Maschena die dazugehörige Internetadresse. Das Mädchen mit den Pumpen wurde wieder fortgeschickt. Wir verabschiedeten uns und ich erreichte, dank des Rückenwindes, Rügenwalde nach 109 Kilometern in einer unglaublich guten Zeit (Schnitt: 20,4). Da konnte ich mich noch in eine Telefonkonferenz einwählen.

Der Regentag ist dreifach zu loben: Wegen der nur kurzen Nassphase, wegen des famosen Rückenwindes und wegen der guten Tat.

Sonnenbrille – schützt auch vor Regen
Maschena (links), das Mädchen mit den Luftpumpen und Barbara – nach Reparatur alle in guter Stimmung.
Ich trage heute ausnahmsweise blau. In der Schule durften wir uns dann noch die Hände waschen.
Tor zum Marktplatz Rügenwalde (Darlowo). Dahinter befindet sich mein Quartier.

 

Veröffentlicht in Polen, Radtour, Reisetagebuch, Sonstiges | Hinterlassen Sie einen Kommentar