SR20-15 Lecco – Campodolcino

Ich bin schon wieder in ein Radrennen geraten. Als ich am Comer See so vor mich hinfuhr, fiel mir die viele Polizei auf: Carrabinieri, Polizia Municipale, Polizia Locale, auch Zivilschutz. Als ich in einer Haltebucht in einem Busch eine Pinkelpause einlegte, kam die Finanzpolizei. Vor den Beamten war ein Kleinwagen angehalten. Der wurde wieder verscheucht. Abgesehen hatte es die Polizei, ich nehme an so ähnlich wie bei uns der Zoll, auf einen Lkw, der wiederum mich mit meinem Rad wegscheuchte.

Streckenposten für den Giro U23 – mit Ritter

Unterwegs waren mir in entgegengesetzter Richtung zu meiner Route Rennradteams aufgefallen. Als dann noch Mannschaftswagen vorbeifuhren (Kolumbien!), war mir klar, dass das etwas Offizielles ist. Später habe ich in Campodolcino auch ein Schild gesehen: der Giro d’Italia U23. Als ich am Start/Ziel in Colico ankam, waren die schon wieder am Abbauen. Witzig.

Am Ziel kommen nur noch die Langsamen an.

Der Morgen begann ganz gediegen. Ich hatte mich für halbneun zum Frühstück angemeldet. Später kam noch ein junges niederländisches Paar. Wir waren die einzigen Gäste. Christina, die Hausherrin, hatte Wagners Tannhauser aufgelegt. Dass es Wagner sein könnte, ahnte ich, fragte aber nach (Englisch). Christina wollte von mir wissen, wie ich „Tannhauser“ ausspreche. Ich sprach so normal wie möglich „Tannhauser“, mit der Betonung auf der ersten Silbe. Christina sprach nach: „Tann-hauser“. Dazu muss man sich den Frühstücksraum vorstellen: Ein Ambiente wie bei Hofe. Alte Möbel, ein Kamin, große schmale Fenster mit langen Vorhängen, ein Kalvier mit Familienfotos, lange weiße Tischdecken, die über den Boden reichten – wie Schleppen eines Kleides. Dazu Tannhauser. Voll abgefahren, diese Villa Puccini. Die Geschichte hätte ich gerne noch erfragt, aber ich musste los.

Frühstück mit Wagner
Villa Puccini in Lecco am Comer See

Die Zeit verging schnell mit dem Betrachten des Comer Sees und der malerischen Orte aus immer neuen Blickwinkeln und der dazugehörigen Fotos. In Colico lag ich schon mindestens eine Stunde hinter meinem Zeitplan zurück. Und ich hatte noch den ersten Teil des Aufstiegs zum Splügenpass vor mir. Kurz vor Chiavenna machte ich an einer Bank in der Sonne Rast. Meine Handwäsche war noch nicht getrocknet. Dafür war die Bank in der Sonne ideal. Ich trank meine Wasserflaschen aus, um am Berg gut hydriert zu sein und aß ein paar Kekse. Da kam der Marburger mit seinem schwarzen Tourenrad. Ich hatte schon damit gerechnet, dass wir uns irgendwo am Splügenpass wieder treffen. Wir tauschten ein paar Worte. Mir fiel die Unterkunft, die ich gebucht hatte nicht ein. Sonst hätte ich ihn gefragt, wo er übernachtet. Er wollte zumindest auch bis zur Hälfte nach Campodolcino hoch. Eigentlich wollte ich in Chiavenna Mittagspause machen, aber die Rast musste reichen. Die Flaschen waren am nächsten Brunnen, von denen es hier in den Bergen viele gibt, schnell wieder aufgefüllt.

Comer See
Pause bei Chiavenna: Dort, wo das Wasser herkommt, muss ich hin.

Am Beginn der Passstraße verlautete das Hinweisschild, dass der Pass geöffnet sei. Ich arbeitete mich in den Berg, durch Tunnel, von denen es heute einige gab, sogar einige, die einer Tropfsteinhöhle sehr ähnlich waren, machte Trinkpausen, schob die steilen Passagen, von denen es aber nicht so viele gab, wie im Apennin. Am Tunnel vor Campodolcino traf ich den Marburger wieder. Mir war gar nicht klar, dass wir schon so weit oben waren. Im Ort verproviantierte ich mich im Dorfkonsum für das Abendessen und war dann schon um sechs Uhr in meinem Zimmer, rechtzeitig, um bis zur Webkonferenz zu duschen und meine Handwäsche zu machen. Der Chef wusste, dass der Splügenpass morgen von drei bis fünf wegen des Giro gesperrt ist. Mittags sei es aber kein Problem. – Und maß noch schnell Fieber bei mir.

Lebensmittelladen in Campodolcino

Morgen lasse ich den Süden definitiv hinter mir.

Fazit: 90 Kilometer, 1170 Meter Aufstieg (das meiste davon die Passstraße), ein Tag mit Überraschungen, wie man sie als Reisender immer erlebt. Der Comer See und die Villa Puccini werden mir in besonderer Erinnerung bleiben.

Veröffentlicht in Sommer-Radtour 2020 | Hinterlassen Sie einen Kommentar

SR20-14 Pavia – Lecco (Comer See)

Ich schob mein Rad heute morgen durch den Wochenmarkt in Pavia und sammelte einen Dorn auf. Mit dem Vorderrad. Schon wieder ein Platter. Ich schob es auf die Piazza della Vittoria und wechselte den Schlauch. Beim Aufpumpen merkte ich, dass das nicht viel bringt. Ich habe den Schlauch beim Einbauen wohl wieder kaputtgemacht. Ich packte alles wieder zusammen und schob das Rad weiter zur nächstgelegenen Werkstatt. In der kleinen Ladenwerkstatt war ziemlicher Andrang, ich hatte gerade eine Lücke erwischt. Der Schlauch war schnell gewechselt, zwei Ersatzschläuche gekauft, einen Helm dazu.

Fahrradreparatur in Pavia
Ein Dorn organischen Ursprungs war die Ursache für den Platten.

Gegen 11 Uhr verließ ich Pavia Richtung Norden. Ich kam bald auf einen schönen Radweg entlang eines Kanals, der mich bei Gegenwind bis nach Mailand führte. Ein paar Kilometer vor der Metropole sprach mich ein älterer Rennradfahrer an, wo ich denn hinwolle. Mit Englisch hatte er es nicht so, deshalb verstummte das Gespräch bald. Er gab mir aber in Fahrradsprache zu verstehen, dass er mich ziehen wolle. Da Kollege Jens mich in die Zeichensprache eingeweiht hat, ordnete ich mich hinter dem Italiener ein und fuhr in seinem Windschatten nach Mailand hinein. In der Stadt verabschiedeten wir uns irgendwo und ich ließ mich vom Navi zum Dom navigieren. Die Sonne war inzwischen herausgekommen. Auf dem Weg heraus aus der City sah ich viele Leute draußen in einem Lokal mit Mittagstisch sitzen. Dort rastete ich und fuhr weiter über Monza nach Lecco an den Comer See.

Mailänder Dom

Ich hatte es nicht eilig, da heute nur eine kürzere Stecke geplant war. Mir war zudem klar, das die Großstadt mit den vielen Ampeln Zeit brauchen würde. – Unterwegs fotografierte ich viel. Dafür musste ich immer mein iPad aus der Radtasche holen, was etwas Umstand bedeutet. Das Smartphone hatte schon wieder keinen Saft mehr und bei den Fotos war ich mir nicht sicher, ob die wirklich gespeichert werden. In der Abendsonne kam ich in Lecco an und checkte in einer Villa mit Seeblick ein. Christina, die Hausherrin, hatte sich überlegt, mir das schönste Zimmer zu geben, zum gleichen Preis. Es seien weiter keine Gäste da. Die großzügige Villa, eingerichtet mit alten Möbeln, passt zu der großartigen Landschaft.

Für morgen habe ich die halbe Strecke für den Splügenpass geplant, die ersten 1.000 Höhenmeter bis Campodolcino. Mir fehlt die Erfahrung, den 30 Kilometer langen Anstieg in einem Stück zu fahren. Außerdem habe ich um 19 Uhr noch eine Webkonferenz und ich will zeitlich nicht in die Bredouille geraten. Dann wird das Wetter auch etwas besser im Verlauf der Woche. Das kommt mir ebenfalls zupass. Mein Schnupfen ist leider noch nicht weg.

Fazit: 96 Kilometer, einmal mitten durch Mailand zum Comer See. Die Alpen haben mich wieder. Im Vergleich zu Genua ist Mailand eine Erholung mit dem Rad. Bis vielleicht auf das alte Kopfsteinpflaster.

Comer See mit Abfluss
Zimmer mit Seeblick
Das schönste Zimmer der Villa
Abendliche Handwäsche
Veröffentlicht in Sommer-Radtour 2020 | Hinterlassen Sie einen Kommentar