SR20-13 Genua – Pavia

Ich hätte schon um sechs in Pavia sein können. Aber auf den letzten Kilometern verhedderte ich mich noch in Baustellen und Sackgassen. So ist das manchmal auf Radtouren.

Pavia: der Ponte Coperta mit Dom im Hintergrund

Nach dem Ruhetag gestern bin ich heute für meine Verhältnisse früh aufgebrochen. Mir schwante schon, dass die Berge Zeit kosten würden. Deshalb war es gut, etwas Puffer einzuplanen. Ich war froh, nach einigen Kilometern Genua hinter mir lassen zu können. Der Großstadtverkehr war anstrengend, viel Lärm, Hochstraßen, Tunnel, wenige Radwege, alles sehr verbaut und grau vom vielen Verkehr. Für die schönen Seiten muss man sich sicher mehr Zeit nehmen, als ich sie mitgebracht hatte.

A propos Zeit. Es ist natürlich immer die Frage, wie viel Zeit man sich nimmt. Diese Art des Reisens erfordert immer den Blick auf die Uhr, auf das Datum und Faktoren, die Zeit brauchen. Der Weg ist zwar auch ein Ziel, aber nicht alles. Natürlich steht für mich die Bewegung im Vordergrund. Das Durchqueren von Landschaften mit dem Rad, in der Hitze, auch mal mit Wetter-Unbill, das ist für mich Sommer. Es braucht aber für mich auch ein Fernziel, das zieht: das Meer zum Beispiel, die Ostsee, das Mittelmeer. Und es ist der Reiz, aus eigener Kraft hin- und zurückzukommen. So gesehen ist es auch wiederum ein langsames, entschleunigtes Reisen. Ich kann täglich die sich verändernde Landschaft beobachten, die Vegetation, übernachte in vielen verschiedenen Städten und bekomme dadurch ein Gefühl für Europa. Wie schnell ist man doch in den Alpen, im Mittelmeerraum, in Tschechien und Polen, selbst mit dem Rad.

Im Apennin war es erwartungsgemäß ein schwieriges Vorankommen. Ich musste das Rad immer wieder schieben, da die Anstiege zu steil waren. Halbeins etwa erreichte ich den Passo della Bocchetta, 772 Meter hoch. Ich war nassgeschwitzt und trocknete mich an der Sonne. Unterwegs war mir der Schweiß schon über die Stirn fasst in die Augen getropft. Ich tupfte mit der Serviette vom Frühstücksbüffet die salzige Brühe ab. Auf irgendeiner Etappe floss mir der Schweiß mal ins Auge – ein brennender Schmerz.

Vom Pass aus sah ich das letzte Mal für dieses Jahr das Mittelmeer. Das Grau des Wassers ließ sich vom Horizont kaum unterscheiden. Nur die Fahrspur eines großen Schiffes und das Blinken eines anderen Schiffes verieten das Meer. Plötzlich kam ein Radtourer aus Deutschland angeschoben. Er war in Marburg gestartet, hatte die Alpen über den Reschenpass gequert und war über Rom nach Sizilien gefahren. Von dort war er gestern mit der Fähre in Genua angekommen, um die Heimreise anzutreten. Er wollte heute auch nach Pavia und dann über den Splügenpass. Auf 1.000 Meter hat er schon eine Unterkunft. Ich überlege, ob ich das auch mache.

Am Anfang der Bergtour ist mir noch ein italienischer Radtourenfahrer begegnet. Vielleicht hat er ein anderes Ziel oder war langsamer. Auf dem Pass habe ich ihn jedenfalls nicht gesehen, obwohl ich ja eine Pause gemacht hatte. Ich verabschiedete mich von dem Marburger und meinte, wir würden uns sicher wieder treffen. Erst in Tortona machte ich eine Pause. Im Grunde genommen war alles nach dem Bocchetta-Pass eine Rennstrecke, bis vielleicht auf zwei, drei Ausnahmen. Nach der Abfahrt ging es auf größeren, gut ausgebauten Straßen mit breitem Seitenstreifen weiter. Das Gelände flachte langsam bis Pavia ab, sodass ich in höheren Gängen gut durchziehen konnte. Wenn da nicht hinter der Po-Brücke eine dämliche Route über kiesige Sandwege gewesen wäre. Ich kam dann in zwei Dörfern zwar wieder auf gute Radwege. Aber eine kleine Nebenstraße, die mich ans Ziel bringen sollte, war gesperrt. Auch mit Alternativstrecken war nicht viel zu machen. Das Navi zeigte zwar einen Weg an, aber nicht den Zaun, der die Weiterfahrt blockierte. Ich fuhr also wieder zurück bis zu einem Dorf und folgte einem Schild nach Pavia. Hinter einer Kurve lag dann plötzlich überraschend die Altstadt in der Abendsonne vor mir, mit der schönen Ponte Coperto. Es war kurz vor sieben.

Der Ponte Coperta bietet einen vorzüglichen Weg in die Stadt Pavia.

Mein Smartphone lässt mich immer mehr im Stich, was auf einer Reise besonders ungünstig ist, z. B. für Absprachen mit den Unterkünften. Fotos finden sich in der Galerie nicht wieder – oder nur manchmal. Oder es gibt keine Vorschau mehr. WhatsApp hat ja schon das Ende des internen Speichers verkündet, aber ich kann die mehr als reichliche Speichererweiterung nicht zuweisen. Die Apps starten langsam. Während der Fahrt heute war plötzlich der Akku alle. Irgendwas muss irrsinnig Strom gezogen haben. Fotos lassen sich in die Dropbox nicht mehr hochladen. In Pavia habe ich dann mit dem iPad fotografiert. Das Tablet ist für schnelle Fotos unterwegs natürlich ungeeignet. – Was tun mit dem Handy? Ich werde jetzt wegen der Tour am Sailfish OS nicht viel herumbasteln.

Fazit: 126 Kilometer, 1051 Meter Anstieg, eine anstrengende Bergetappe durch den Appenin mit dem letzten Blick ans Mittelmeer aus 772 Metern Höhe und eine sehr schöne alte Stadt in der Lombardei zum Betrachten und Übernachten. Ich habe mir bis Tortona einen leichten Sonnenbrand geholt: Erwischt hat es die kahlen Stellen an meinem Kopf. Ich habe mich zu spät eingecremt. Mit 26 Grad war es heute am 1. September in der Po-Ebene noch hochsommerlich warm. Die leichten Halsschmerzen von den Klimaanlagen in den letzten Hotelzimmern sind noch nicht ganz weg. Normalerweise schwitzt sich das auf der Tour aus.

Der Fluss in Pavia heißt Ticino.
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SR20-12 Savona – Genua

Im Hotel wurden heute morgen alle einzeln bedient. Entsprechend lang war die Schlange. 1,50 Meter Abstand war damit auch passé. Der Abstand zwischen der Serviererin und denen, die gerade bestellten, war drei Meter. Dafür hat sie die Bestellungen mit Mundschutznuscheln und Englisch gut verstanden. Die Aufzüge waren so blöd programmiert, dass sie die Eingaben nicht prioritär sondern immer das nächstbeste abarbeiteten. So kam ich natürlich nicht mehr in den 6. Stock zurück und benutzte das Treppenhaus. Oben angekommen, ab und zu den Mundschutz gelüftet, schnauf, kam ich nicht ins Zimmer hinein. Also wieder nach ganz unten zur Rezeption, Schlüssel entsperren lassen. Und wieder ganz hoch.

Ich habe aus Versehen eine abgelaufene Zweit-Kreditkarte mitgenommen und musste den Kreditrahmen für meine Erstkarte mit meinem eigenen Internet erst einmal erhöhen. Dann rief das Hotel in Genua an, das ich gebucht hatte. Es sei geschlossen, sie würden mich aber ebenfalls in der Altstadt in ein Vier-Sterne-Hotel upgraden, bräuchten aber meine E-Mail-Adresse. – Na gut, wenn’s sein muss. Vier Sterne klingt gut für 39 Euro. Dann noch schnell die E-Mail mit der neuen Adresse konfirmiert. – Bis man so loskommt. Zum Glück habe ich ja heute einen Badetag zur Erholung eingeplant, bevor es in die Berge geht, und muss nur die rund 50 Kilometer rüber nach Genua.

Es gab auf der Strecke wieder einige Fahrrad- und Fußgängertunnel. Einer war gesperrt. Ich weiß nicht mehr, ob ich mehr Auto- oder mehr Fahrradtunnel gefahren bin. Die gehören hier einfach zur Landschaft dazu. Man kann das Rücklicht gleich anlassen. Nach ein paar kleinen Buchten und vielen kleinen Badestränden kam ich in das Großstadtverkehrsgewirr. Die Straßen wurden schlechter, es gab Stau an Baustellen und Radwege waren nur noch teilweise vorhanden. Ich kaufte etwas zu essen und machte eine längere Mittagspause am Meer. Ich könnte stundenlang dem Meer bei der Arbeit zuschauen, wie sich die Wellen an den groben Steinen im Hafen brechen und sich die Farben im Spiel des Lichts verändern.

Genua zieht sich 35 Kilometer am Meer entlang. Die Ausbreitungsmöglichkeiten in die Berge sind begrenzt, hatte ich gestern noch gelesen. – Das Hotel liegt tatsächlich mitten in der Altstadt. Am Eingang gibt es eine elektronische Gesichtskontrolle, ob man seinen Mundschutz aufhat. Das habe ich gestern bei Conad, einem großen Supermarkt, auch gesehen. Dort starrte man kurz in die Kamera, sah sein eigenes Bild auf dem Display und es piepte grün, Eingang frei.

Als ich meine Badehose auspackte, fing es zu regnen an. Ich packte trotzdem die Badesachen ein. Regen schadet nicht, dachte ich. Als dann Gewittergrollen und Blitze dazukamen, packte ich die Sachen wieder aus und warf mir meine Regenjacke um. Ich gab am Empfang den Bestellzettel für’s Frühstück ab und lief im Regen durch die engen, dunklen Altstadtgassen. Ich wollte zum Porto Antico, doch der Regen wurde stärker. Meine Schuhe waren durchgeweicht. Ich besorgte Grana Padano, Pesto, Brot und Bier und schlappte in meinen nassen Schuhen zurück ins Hotel, Gesichtskontrolle und dann erst einmal Dusche. Für die nächsten Tage Tourplanung im Bett und morgen früh aufstehen. Ich muss morgen den Heimweg antreten und über den Apennin. Die Route sollte nicht über 700 Höhenmeter gehen, aber die Anstiege, die Komoot ausweist, machen mir noch etwas Kopfzerbrechen. Mehr als 15 Prozent sind mit meinem Gepäck und meinem Eigengewicht unrealistisch. 25 Prozent, 33 Prozent? Ich will ja nicht Bergsteigen. Also ist an der Routenplanung noch etwas Arbeit nötig. Außerdem: Wetterbericht, Wind, Unterkunft buchen… Das übliche.

Fazit: Ein Tag zum Durchschnaufen und Ausrollen (48 Kilometer).

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